Narzissmus

Wenn die Partnerin eine Narzisstin ist

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung kann verheerende Folgen haben – nicht für die Narzissten selber, sondern für deren Umfeld. In Winterthur gibt es eine Selbsthilfegruppe für Angehörige.

Krankhafte Narzissten haben zwei Gesichter: Zuerst umgarnen sie ihren Partner und dann interpretieren sie zum Teil ganze Lebensabschnitte um.

Krankhafte Narzissten haben zwei Gesichter: Zuerst umgarnen sie ihren Partner und dann interpretieren sie zum Teil ganze Lebensabschnitte um. Bild: Shotshop

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Wir wundern uns zurzeit über alternative Fakten, sind erschüttert über die Dreistigkeit der Trumpschen Lügen. Manche Menschen kennen so etwas schon lange. Sie leben oder lebten mit einem Narzissten zusammen. Zum Beispiel Silvia, Mira, Karin, und Julian*.«Du bist einfach ein Traummann! Ich wünsche mir so sehr, dass wir heiraten!» – «Dich heiraten? Wann soll ich das denn gesagt haben, im Schlaf? Das wäre dann wohl ein Alptraum gewesen.»

Zwischen diesen zwei Aussagen liegt ein Tag. 24 Stunden, in denen nichts Besonderes passiert ist, kein Streit, nicht mal eine Diskussion. Aber irgendwas muss doch der Grund sein für den abrupten Meinungswechsel?

Julian zermartert sich das Hirn, was er falsch gemacht hat. Er kommt nicht drauf - auch in unzähligen folgenden Situationen nicht. Seit zwei Jahren ist er mit dieser Frau liiert, die er anfangs einfach für besonders temperamentvoll hielt, und versucht deren irrationales Verhalten zu entschlüsseln. Es wird ihm nicht gelingen, sie ist eine Narzisstin.

Neun Kriterien, die auf Narzissmuns hinweisen

Kleine Narzissten sind wir alle, bis zu einem gewissen Grad ist Selbstbezogenheit nützlich. Der Unterschied zwischen gesundem und pathologischem Narzissmus liegt hauptsächlich in der Intensität des Verhaltens. Im Buch «Die Masken der Niedertracht» zählt die Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen neun Kriterien auf, die in übersteigerter Form auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hinweisen, etwa mangelnde Empathie, Überheblichkeit, Bestätigungsdrang.

Krankhafte Narzissten haben Mühe mit der Selbstwert-Regulierung. Ausbalanciertes Selbstbewusstsein, ein Gefühl der Verlässlichkeit sich selber gegenüber, auf andere eingehen zu können, ohne sich dabei zu verlieren – solche Dinge sind für sie fast nicht zu meistern.

Narzissten projizieren ihre Zerrütung auf andere

Als Schutzmassnahme verfallen sie in Selbstüberschätzung bis zum Grössenwahn, kreisen ständig um die eigene Person, neigen zu Risikoverhalten, Rechthaberei, Allmachtansprüchen. Ihre innere Zerrüttung projizieren sie auf andere. Sie versuchen quasi, ihren hilflosen Gemütszustand im Gegenüber zu spiegeln, mittels Manipulation, Erniedrigung, Destabilisierung.

Silvia war 30 Jahre mit einem ausgewachsenen Narzissten zusammen. Er log Unglaubliches zusammen, interpretierte ganze Lebensabschnitte um, behauptete an einem Tag dieses, an einem anderen das Gegenteil. «Ich will unser Haus verkaufen.» – «Jetzt male ich das Haus gelb, das gefällt mir besser. Was? Von einem Hausverkauf war nie die Rede!»

Die Episoden von Silvia und Julian wirken als Einzelfälle nicht dramatisch, es kommt ja in jeder Beziehung zu Uneinigkeiten oder Missverständnissen, manchmal auch zu gemeinen Worten. Genau das ist das Perfide am Vorgehen von Narzissten: Sie betreiben eine schwer durchschaubare Destabilisierung. Denn wenn solche Dinge ständig passieren, verliert man sukzessive den Glauben an die eigene Wahrnehmung.

«Ich war lange Zeit nur noch damit beschäftigt, mir Strategien zu überlegen, wie ich meinen Mann möglichst zufriedenstelle.»Silvia, Ex-Partnerin eines Narzissten

Silvia sagt: «Irgendwann begann ich, Dinge aufzuschreiben, damit ich später Beweise hatte. Aber dann sagte er, ich hätte alles falsch notiert.» Sogar Tonaufnahmen halfen nichts, wurden einfach ignoriert. Wie hilflos muss man sich fühlen, um Gespräche mit dem Lebenspartner aufzuzeichnen? Und wie verzweifelt, wenn sogar das nichts nützt?

Man beginnt zu zweifeln

«Spinne ich?», fragte sich auch Mira, wenn ihr Partner wiedermal alles zuvor Gesagte leugnete. «Ein normaler Mensch, der zu Selbstreflexion fähig ist, beginnt zu zweifeln, sich zu hinterfragen», sagt sie. Oft sucht man den Fehler bei sich – auch weil der andere vehement die Schuld von sich weist.

Genau das will der Narzisst: So viel Verunsicherung stiften, dass das Gegenüber quasi handlungsunfähig wird. «Ich war lange Zeit nur noch damit beschäftigt, mir Strategien zu überlegen, wie ich meinen Mann möglichst zufriedenstelle», sagt Silvia. Nur: Was heute richtig ist, kann morgen total verkehrt sein, und für Silvias Mann reichten Kleinigkeiten wie der Kauf von Rinds- und Gemüsebouillon für einen Zusammenschiss. Sie könne nicht sparen, schimpfte er, der sich gerade ein sehr teures Auto geleistet hatte.

Das ist ein Grund, weshalb es Opfern von Narzissten schwerfällt, sich zu lösen. Sie sind entkräftet von der ständigen Suche nach dem richtigen Verhalten, von den fruchtlosen Rechtfertigungsversuchen gegenüber dem Aggressor.

Genau deshalb hat Karin in Basel eine Selbsthilfegruppe gegründet, als Ausweg aus der Hilflosigkeit. Weitere Gruppen gibt es auch in Winterthur und St. Gallen. Karin hatte es nach mehreren Jahren geschafft, sich von einem Narzissten scheiden zu lassen. Den gemeinsamen Sohn versucht sie bestmöglich von den Manipulationsversuchen des Vaters abzuschirmen, «aber ich kann ihn nicht ganz vor seelischen Misshandlungen schützen, das macht mich kaputt». Die Selbsthilfegruppe soll deshalb «nicht nur dazu da sein, um sich gegenseitig das Leid zu klagen, sondern auch, um Tipps auszutauschen, etwa bezüglich Sorgerechtskonflikten.»

Zu schön um wahr zu sein

Dass sie überhaupt so eine Macht entwickeln können, verdanken die Narzissten ihrer ausserordentlichen Manipulationsfähigkeit. Erst verführen sie ihre Objekte der Begierde mit allen Mitteln der Kunst, nebeln sie mit Aufmerksamkeit und Zuneigung quasi ein. Der französische Psychoanalytiker Paul-Claude Racamier nennt den Vorgang «Enthirnung».

Silvia, Mira und Karin sagen, ihr Narzisst könne unwiderstehlich wirken: «der charmanteste Mann, den es gibt» – «nach aussen ein super Typ», «alle Frauen himmeln ihn an». Und Julian dachte bei ersten Date: «Diese Frau ist der Jackpot.» Die ersten Tage und Wochen sind fast zu schön, um wahr zu sein. Aber halt wunderschön, deshalb schiebt man ein allfälliges ungutes Gefühl beiseite.

Gegenüber gerät in Schockzustand

Wenn dann der Angriff folgt, mit boshaften Äusserungen, Verweigerung von Kommunikation, Wertschätzung und so weiter, gerät das Gegenüber erstmal in eine Art Schockzustand und Verteidigungshaltung. Es versucht, den plötzlichen Wandel zu ergründen und verliert nach und nach den Boden unter den Füssen. «Wie schleichendes Gift» ist der passende Titel eines Buches zum Thema Narzissmus.

Weil die Narzissten so gewieft vorgehen, kann es wirklich jeden treffen. Silvia, Mira, Karin und Julian waren nicht naiv und labil, als sie ihre Partner kennenlernten. Aber sie erlagen dem Charme und der grossen Liebenswürdigkeit. Und immer, wenn sie sich trennen wollten, kam die Verführungskunst wieder zum Einsatz, wundervolle Worte und Gesten, die hoffen lassen, dass nun wieder alles so schön wird wie am Anfang.

Gute Schauspieler

«Ich bin eine sehr eigenständige, realistische Person», sagt Mira, die sechs Jahre mit einem Narzissten zusammen war. Aber auch sie hörte immer wieder auf seine Besserungsbeteuerungen. «Er log wie wild – so übersteigert, wie es einem normalen Menschen gar nicht in den Sinn käme. Deshalb glaubt man es.»

Irgendwann suchen viele Betroffene nach Hilfe, etwa bei Freunden. Dann erhalten sie oft wohlmeinende Ratschläge. «Leg doch nicht jedes seiner Worte auf die Goldwaage.» «Es braucht immer zwei.» «Sie hat sicher einfach ihre Tage, dann sind doch viele unausstehlich.»

«Man ist kaputt, total am Ende. Aber nicht mal Fachleute wie Ärzte, Polizei oder Opferhilfe nehmen die Hilferufe wirklich ernst.» Karin, Ex-Partnerin eines Narzissten

Karin rief einmal während einer heftigen verbalen Attacke die Polizei. «Ich war hochschwanger, ertrug sein Geschrei, seine Bosheiten nicht mehr.» Was machte ihr Partner? Er wurde sofort ruhig, setzte sich gemütlich mit einer Flasche Wein in den Garten und wartete dort auf die Polizisten. Die sahen dann eine aufgelöste Schwangere und einen relaxten Mann und dachten natürlich, da seien ein paar Hormone durchgegangen. Eine weitere Demütigung.

Keine Kraft zu kämpfen

Zerpflückt durch die Angriffe und zerfressen von Selbstzweifeln, fehlt den Opfern von Narzissten oftmals die Energie, auch noch gegen die Ungläubigkeit des Umfeldes anzukämpfen. «Ich habe die meisten gemeinsamen Freunde verloren. Keiner glaubt mir, dass dieser nach aussen grossartige Mann so abwertend und böse sein kann», sagt Silvia. Und Karin: «Man ist kaputt, total am Ende. Aber nicht mal Fachleute wie Ärzte, Polizei oder Opferhilfe nehmen die Hilferufe wirklich ernst.»

Silvia, Mira und Karin sind entkommen, sie leben von ihrem Narzissten getrennt. Und sie haben in Selbsthilfegruppen von Selbsthilfeschweiz (www.selbsthilfeschweiz.ch) gesehen und gehört, dass sie nicht allein sind mit ihrer Geschichte. Dass nicht sie das Problem sind.


*Namen geändert ()

Erstellt: 24.07.2017, 16:36 Uhr

Nachgefragt

So etwas lässt sich nicht einfach über den Haufen werfen

Im Internet gibt es Checklisten mit Verhaltensmerkmalen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Sind das gute Informationsquellen, wenn man den Verdacht hat, dass der Partner ein Narzisst ist?

Benjamin Dubno: Ich finde Checklisten schwierig. Sie bieten zu grosse Deutungsspielräume. Oft könnte man bei sich oder anderen die unterschiedlichsten Erkrankungen feststellen.

Also hilft nur der Gang zum Arzt?

Wir erkennen meist schnell, wenn es sich tatsächlich um eine narzisstische Persönlichkeitsstörung handelt.


Benjamin Dubno, Chefarzt Integrierte Psychiatrie Winterthur-Zürcher Unterland. zvg

Was sind Anzeichen für Sie?

Es gibt viele, eine Fachperson betrachtet das Gesamtbild. Und es existieren grosse Abstufungen. Wichtig sind Überheblichkeit, fehlendes Mitgefühl und Kränkbarkeit.

Ist eine Therapie möglich?

Nur wenn ein Narzisst wirklich will. Grundsätzlich widerspricht eine Therapie ja der Lebenslüge, die aufrechterhalten wird – nämlich die, man sei etwas ganz Besonderes. Bei einer schweren Ausprägung ist wohl keine Therapie möglich. Aber in vielen Fällen kann man mit sorgsamer Psychotherapie etwas erreichen. Es braucht allerdings viel Zeit, bis ein Vertrauensverhältnis aufgebaut und ab und zu Konfrontation möglich ist.

Aber Angehörige wollen oft rasch eine Besserung sehen.
Ich ziehe gerne den Vergleich mit anderen Verhaltensänderungen. Wenn Menschen schon grosse Mühe haben, weniger Schokolade zu essen, dann kann man sich vorstellen, wie anspruchsvoll eine solch umfassende Anpassung ist. Das Verhalten der Narzissten hat ja einen Grund, einen Ursprung. So etwas lässt sich nicht einfach über den Haufen werfen.


Kann man mit einem Narzissten überhaupt eine Beziehung führen?

Die Beziehungsgestaltung ist schwierig. Ein krankhafter Narzisst erträgt es nicht, wenn andere im Mittelpunkt stehen. Sein Selbstbewusstsein muss ständig von aussen bestärkt werden. Und er sieht nie, dass er an Konflikten auch einen Anteil hat. Aber vielleicht haben solche Menschen andere Eigenschaften, die eine Beziehung wertvoll machen.

Hilft es, wenn Angehörige selber eine Therapie machen oder in eine Selbsthilfegruppe gehen?

Das kann ihnen helfen, mit der Situation umzugehen. Aber am Gegenüber ändert das gar nichts.
Interview: Anja Knabenhans

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