Design

Wie man mit dem Pulli auch ein Lächeln kaufen kann

Am Wochenende findet die Blickfang Zürich erstmals in Oerlikon statt. Der Grund für den Wegzug aus dem Stadtzentrum ist der Umbau des Kongresshauses. Jennifer Reaves, Geschäftsführerin der Blickfang, erklärt, warum es noch Designmessen braucht und weshalb der Umzug für sie eine Chance ist.

Alles für den Mann: Im Concept Store Gentlemen's Club gibt es Kleider, Schmuck und Objekte wie die ungewöhliche Flippermaschine (vorne).

Alles für den Mann: Im Concept Store Gentlemen's Club gibt es Kleider, Schmuck und Objekte wie die ungewöhliche Flippermaschine (vorne). Bild: zvg

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Wozu braucht es in einer Zeit, in der wir fast alles vom Sofa aus kaufen können, noch eine Designmesse?
Jennifer Reaves: Die Schwingungen, die entstehen, wenn ich mich mit einem Menschen unterhalte, kann keine Onlineplattform dieser Welt ersetzen. Diesen Pulli zum Beispiel, den ich heute trage, habe ich bei einer Designerin an der Blickfang in Zürich gekauft. Wenn ich ihn anziehe, denke ich immer an ihr Lächeln. Ich habe einen Pulli gekauft und dazu ein Stück von ihrer Persönlichkeit mitgekriegt.

Die Blickfang zieht nicht freiwillig nach Oerlikon um. Anlass ist der Umbau des Kongresshauses. Sind Sie traurig, dass Sie den bewährten Ort verlassen müssen?
Nein. Sicher, die Blickfang hätte nicht diesen Erfolg gefeiert, wenn es das Kongresshaus nicht gäbe. Als wir vor 20 Jahren angefangen haben, war das Kongresshaus eine bekannte Grösse, es stand für Professionalität. Das ist wichtig, wenn man mit einer Veranstaltung startet. Ich muss aber ehrlich sagen, die Weiterentwicklung, die wir uns für die Blickfang wünschen, wäre im Kongresshaus nicht mehr möglich gewesen. Deshalb bin ich dankbar für den Umzug. Viele Designer, auch der Eigentümer Dieter Hofmann, hatten zu Beginn Ängste und Zweifel.

Hatten Sie auch Ihre Zweifel?
Es gibt diesen Spruch: Never change a winning team. Ich hasse ihn. Er ist die ultimative Entschuldigung dafür, nie etwas zu verändern. Durch den Umzughaben wir ein unbeschriebenes Blatt bekommen – und die Möglichkeit, mutig zu sein.

«Durch den Umzug haben wir ein unbeschriebenes Blatt bekommen – und die Möglichkeit, mutig zu sein.»

Jennifer Reaves,
Geschäftsführerin Blickfang

Warum haben Sie sich fürs Stage One entschieden?
Als ich die Eventhalle zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Was für eine geile Location, aber nicht für eine Designmesse. Es ist eine wunderschöne Halle mit einer starken Architektur, die gut zu einer Designveranstaltung passt. Aber sie lässt wenig Freiraum, ein eigenes Ausstellungskonzept hineinzubauen. Das ist aber auch eine Chance. Wir haben die Gelegenheit bekommen, eine Blickfang zu schaffen, die so nur hier stattfinden kann.

Das bedeutet?
Wir haben die aussergewöhnliche Architektur in die Planung mit einbezogen und im Obergeschoss zehn Concept Stores geschaffen, in denen zwischen 80 und 90 Aussteller ihre Produkte gemeinsam präsentieren. Da stehen nicht einfach leere Regale vom Möbelhersteller. Es liegen Kleider und Schmuck darin und daneben stehen Leuchten. Die Produkte werden so in Szene gesetzt, wie wir es von zu Hause oder aus dem Laden kennen. Dieses Shoppinggefühl unterscheidet sich komplett von der Vergangenheit.

Und doch hat sich nicht alles ­geändert. Im Erdgeschoss ­stellen die Designer immer noch in ihren eigenen Boxen aus. ­Hätten Sie – konsequenterweise – das Shop-in-Shop-Konzept nicht auch im EG umsetzen ­müssen?
Es ist auch im Erdgeschoss vieles neu. Im Kongresshaus befanden sich die Möbel im Erdgeschoss, Mode und Schmuck waren im Obergeschoss. Aus logistischen Gründen war das nicht anders möglich. Im Stage One haben wir die Bereichsgrenzen aufgehoben. Nach dem Schmuckstand kommt jemand mit Taschen, dann jemand mit Wohnaccessoires.

Wie kam Ihre Idee zur Zusammenarbeit in Concept Stores bei den Designerinnen und Designern an?
Die Zusammenarbeit mit den Designern war sehr intensiv. Vorher war es so: Die Designer meldeten sich an und wenn sie das Juryverfahren bestanden hatten, mieteten sie ihre sechs, acht oder zwölf Quadratmeter an. Danach durften sie machen, was sie wollten. Dieses Jahr haben wir richtig in die Gestaltung eingegriffen. Die Concept-Store-Gestalter mussten uns ihre Konzepte schicken und häufig gingen diese mehr als einmal zur Überarbeitung zurück. Dazu kommen jene Desi­gner, die für die Blickfang im Kongresshaus Stände für Beträge im fünfstelligen Bereich bauen liessen. Das rechnete sich nur, weil sie diese fünf, sechs Jahre brauchen konnten. Im Stage One können sie diese Stände nicht verwenden. Es war viel Überzeugungsarbeit nötig.

Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit der Designer untereinander?
Es war mehr Überzeugungsarbeit nötig, als ich gedacht hatte. Und ich bin glücklich mit dem Ergebnis. Es sind tolle Concept Stores entstanden mit Namen wie Variété, Gentlemen’s Club, Alltagslieblinge oder Bon Voyage.

Gab es auch Designer, die aus der Reihe tanzten?
Ja, die Holländer. Die haben kein Konzept gemacht. Auch sie sollten eines einreichen. Aber dann kam ein Mail: Wir machen es auf die holländische Art. Wir kommen und schauen. Aber auch das wird gut. Wir vertrauen ihnen.

Manche Designer machen an Ausstellungen wie der Blickfang ihren Jahresumsatz. In den vergangenen Jahren konnten jeweils 220 Labels ausstellen, dieses Jahr sind es 180. Sie mussten also viele Aussteller enttäuschen. Wie haben Sie die Designer ausgewählt?
Die Juryauswahl war strenger als in den vergangenen Jahren. Das hat dazu geführt, dass manche altbekannte Aussteller nicht mehr dabei sein werden. Wir haben aber versucht, sie für die Blickfang in Bern zu begeistern, die zwei Wochen nach Zürich stattfindet. Das hat oft geklappt. Andre Designer mussten wir enttäuschen. Das ist nicht einfach, weil wir viele ja persönlich kennen.

Nach welchen Kriterien haben Sie juriert?
Im Zentrum steht die Qualität. Das Produkt muss innovativ und qualitativ hochstehend sein. Es muss sich von anderen abheben und markttauglich sein. Und: Es muss funktionieren. Das ist wichtig. Wir haben dieses Jahr aber auch verstärkt darauf geachtet, dass neue Leute dabei sind. Wenn die Jury sich zwischen zwei Designern entscheiden musste, hat sie oft den neuen gewählt.

«Der Blick über den eigenen Tellerrand hat uns schon immer weitergebracht.»

Jennifer Reaves

Sie zeigen neben Schweizer Design auch viele ausländische Labels. Vor allem in den letzten Jahren ist dieser Anteil gewachsen. Warum das?
Es stimmt. Als wir starteten, war der Schweizer Anteil höher. Einfach auch deswegen, weil die Blickfang noch an einem anderen Punkt stand. Inzwischen haben wir fünf Jahre Blickfang in Tokio gemacht, drei Jahre in Kopenhagen und man kennt die Messe in anderen Ländern. Sie ist auch für holländische, italienische und englische Designer interessant geworden. Wir halten jedoch an unserer Quote fest: 60 Prozent kommen aus dem eigenen Land. Der Besucher soll sich wiedererkennen. Eine Blickfang Hamburg ist nicht mit einer in Zürich zu vergleichen. Der Hamburger mag andere Dinge als der Zürcher, der Basler andere als der Berner.

Worin unterscheidet sich der Hamburger vom Zürcher betreffend Design?
Der Hamburger orientiert sich in der Mode viel mehr nach Norden, Dänemark und Schweden. Die Farben sind gedeckt, die Muster nicht so wild. Und wenn sie wild gemustert sind, dann sind sie eher künstlerisch. Im Norden laufen sie nicht gescheckt und kariert herum. In Österreich wiederum sind die Leute sehr experimentierfreudig. Die haben Lust auf alles. Der Schweizer, vor allem der Zürcher, ist im Möbelbereich sehr nahe am Hamburger und an Nordeuropa. Da geht es um Schlichtheit, klare Linien und ehrliche Materialien.

Was sagen Sie zum Trend: zurück zu den Wurzeln, zu Produkten aus der Region? Müsste die Blickfang nicht wieder mehr regionalisieren?
Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Auf der einen Seite gebe ich Ihnen recht. Diese Entwicklung ist wichtig und wir unterstützen sie. Aber ich bin gegen das Einkapseln. Der Blick über den eigenen Tellerrand hat uns schon immer weitergebracht. Das gilt für die Designszene und für die Besucher. Ich möchte dem Besucher die Möglichkeit geben, zu sehen, was anderswo passiert. Ich kann den Wunsch nach Nähe auch beim italienischen Designer erleben, wenn ich ihn anfassen kann und er mir erzählt, wer sein Glas bläst und in welchem ita­lienischen Dorf sein Glasbläser lebt.

Was erhoffen Sie sich vom kommenden Wochenende?
Dass ich mich nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt habe. Die Blickfang Zürich ist finanziell für uns eine der wichtigsten Veranstaltungen, da hängt das Wohl der gesamten Firma dran, mit 17 Mitarbeitern und allem, was dazugehört. Ich hoffe deshalb, dass das Konzept aufgeht und die Leute Spass haben.

Und dass sie den Weg nach Oerlikon finden . . .
Da mache ich mir weniger Sorgen. Wer in Zürich lebt und sich in irgendeiner Form für Design und Lifestyle interessiert, der kam meiner Meinung nach in den vergangenen Jahren nicht an der Blickfang vorbei. Die Leute zuholen, ist nicht das Problem. Die Herausforderung besteht darin, dass sie nicht enttäuscht werden. Denn: Nur wenn ihre Erwartungen erfüllt werden, kommen sie im nächsten Jahr wieder. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 08.11.2017, 12:04 Uhr

Blickfang

Erstmals im Stage One

Die Blickfang gibt es mittlerweile an sieben Standorten, unter anderem auch an der internationalen Möbelmesse in Köln. Jennifer Reaves ist seit 18 Jahren mit dabei. Angefangen hatte sie als Praktikantin in Zürich, später wurde sie Projektleiterin, seit viereinhalb Jahren ist sie Geschäftsführerin. Inhaber und Gründer ist Dieter Hofmann.ssc
Blickfang Zürich Stage One, Event & Convention Hall, Zürich-Oerlikon, 10. bis 12. November. Öffnungszeiten: Freitag 14 bis 21 Uhr, Samstag 11 bis 20 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr. Tageskarte: 23 Fr., AHV, Schüler, Studenten: 17 Fr., Mehrtageskarte: 35 Fr. Informa­tionen: www.blickfang.com.

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