Wie unruhige Kinder stark werden

Sensible Kinder, die sich schlecht konzentrieren können, sind genial, findet Schulpsychologe Frank Ruthenbeck. Er hat ein Buch darüber geschrieben, wie man deren Potenzial besser nutzen kann.

Bäume symbolisieren Stärke. Das Umarmen eines Baumes kann laut Frank Ruthenbeck einem Kind helfen, sich besser zu konzentrieren.

Bäume symbolisieren Stärke. Das Umarmen eines Baumes kann laut Frank Ruthenbeck einem Kind helfen, sich besser zu konzentrieren. Bild: Shotshop

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Was ist genial an konzentrationsschwachen Kindern?
Frank Ruthenbeck: Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten sind oft sehr intelligent. Genial ist aber auch die Wirkung dieser Kinder auf unsere Gesellschaft.

Wie meinen Sie das?
Ich hatte Hunderte von konzentrationsschwachen Kindern in meiner Beratung. Dabei ist mir aufgefallen, dass diese Kinder sehr sensibel sind. Und in dieser sensiblen Art haben sie eigene Werte: Sie können eine Aufgabe nur dann erledigen, wenn sie einen Sinn darin sehen und Freude daran haben. Ich erlebe die konzentrationsschwachen Kinder so, dass man nicht sagen kann «du musst halt». Menschen, die Sinn und Freude leben auf dieser Welt, haben meiner Meinung nach einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft. Es ist doch unser aller Wunsch, eine sinnvolle Aufgabe zu haben und erfüllt nach Hause zu gehen, wenn man sie erledigt hat.

Das Leben besteht nun mal nicht nur aus Sinn und Freude.
Klar, auch Kinder mit Konzentrationsproblemen müssen ein Stück weit lernen, Pflichten zu erfüllen. Darum kommen sie nicht herum.

"Diese Kinder können sich schlecht zu etwas zwingen. Das ist eine Tatsache."Frank Ruthenbeck,
Leiter des schulpsychologischen Dienstes Winterthur-Land

Aber Sie sagen, diese Kinder könnten das nicht.
Sie können lernen, gewisse Pflichten zu erfüllen, aber sie können nicht den ganzen Tag lang Aufgaben erledigen, die sie nicht sinnvoll finden. Das ist eine Frage des Masses.

Nehmen wir ein Beispiel: Ein Kind macht sehr viele Fehler beim Schreiben. Wie macht man die Rechtschreibung interessant für dieses Kind?
Konzentrationsschwache Kinder machen oft viele Rechtschreibfehler. Für sie ist es einerlei, ob man Lied mit ie oder nur mit i schreibt – schliesslich versteht es jeder. Man kann dem Kind erklären, dass es Worte gibt, die den Leser verwirren, wenn sie nicht richtig geschrieben sind. Dass ein Text irgendwann nicht mehr verständlich ist.

Gemäss Ihren Erfahrungen können diese Kinder besser lernen, wenn man ihnen die Zusammenhänge erklärt?
Ja. Es ist nicht so, dass sich diese Kinder nicht konzentrieren können. Auf Dinge, die für sie von Interesse sind, können sie sich sogar sehr gut konzentrieren. Wenn es für sie aber keinen Sinn macht, dass man Lied mit ie schreibt, dann wandert ihre Konzentration ab. Das ist ein Stück weit bei allen Menschen so, doch diese Kinder können sich viel schlechter zu etwas zwingen als andere. Das ist eine Tatsache, die man akzeptieren muss. Zwingt man ein konzentrationsschwaches Kind zu etwas, fällt seine Kraft zusammen. Dann wird es noch nervöser, noch ungeduldiger, noch impulsiver, dann zappelt es noch mehr.

Was kann man dagegen tun?
Dann muss man den Druck wegnehmen. Wenn die Leistungen des Kindes in der Schule schlecht sind, sollte man zu Hause die Lernzeiten auf keinen Fall erhöhen. Das Kind soll den Zeitrahmen, der je nach Klasse für die Hausaufgaben vorgegeben ist, nutzen und sich danach wieder seinen Freuden widmen können. Sonst dreht der Teufelskreis nach unten.

Sie konzentrieren sich auf drei Massnahmen, die Eltern ergreifen können, um ihren Kindern zu helfen: Strukturen geben, sich konsequent verhalten, den Medienkonsum klein halten. Warum sind das Ihrer Meinung nach die wichtigsten Handlungsfelder?
Diese drei Massnahmen haben die grösste Wirkung. Damit ist gemäss meiner Erfahrung 95 Prozent der Arbeit mit den Kindern gemacht.

Sie empfehlen, Babys schreien zu lassen. Das entspricht nicht gerade dem vorherrschenden Erziehungsmainstream.
Eine Empfehlung, dass man Babys schreien lassen soll, ist aus meiner Sicht eine Katastrophe. Normalerweise schreit ein Baby, weil es Hunger hat, die Windeln gewechselt werden müssen, weil es heiss oder kalt hat, oder weil es emotionale Wärme braucht – da müssen die Eltern reagieren. In dem erwähnten Beispiel im Buch geht es aber um Machtmissbrauch: Das Baby schreit nicht, um seine echten Bedürfnisse befriedigt zu bekommen, sondern um die Mutter zu manipulieren. Nur in einem solchen Fall empfehle ich, das Baby schreien zu lassen. Sonst zieht sich das weiter und das Kind schreit noch mit zehn Jahren, wenn es etwas will. Eltern spüren sehr genau, wann das Schreien manipulativ ist.

Aber wo ist die Grenze zwischen konsequentem Verhalten und Unerbittlichkeit?
Unerbittlichkeit klingt hart. Vielleicht läuft es tatsächlich darauf hinaus. Gemeint ist aber keine Unerbittlichkeit im Sinne einer Härte, wie sie früher üblich war. Das funktioniert definitiv nicht. Es braucht die Klarheit aus der Unerbittlichkeit heraus gepaart mit einer wohlwollenden Haltung. Dann hat die Strenge eine aufbauende, strukturierende Wirkung auf das Kind. Ich bin mir bewusst, dass es hier einen Missbrauch gibt, indem Eltern sagen: Ich bin dir zuliebe streng mit dir. Der springende Punkt ist, dass es wirklich ums Kind geht und nicht um einen selber.

"Kinder sollen lernen, dass sie mit Toben nicht erreichen, was sie wollen."Frank Ruthenbeck

Das suggeriert, dass die Eltern wissen, was richtig ist für ihr Kind und das dann durchziehen. Doch auch Eltern sind nicht unfehlbar.
Kinder sollen lernen, dass sie mit Toben nicht erreichen, was sie wollen. Das ist wichtig. Aber natürlich machen Eltern Fehler. Sie dürfen Fehler machen. Sie sollten sich das einfach eingestehen.

Den Konsum von Medien verteufeln Sie regelrecht. Sollte man die Kinder nicht eher lehren, mit dem Handy oder dem Computer umzugehen?
Wichtig ist die Unterscheidung von Medienkonsum und Mediennutzung. Lernt ein Kind ein Medium wie ein Werkzeug zu nutzen, dann werden tatsächlich seine Kompetenzen gefördert. Das macht Sinn, denn mit Hilfe des Computers kann man besser Briefe schreiben, schneller arbeiten, etc. Doch wenn einfach Inhalte konsumiert werden, dann tut der Medienkonsum den Kindern nicht gut. Schauen sie etwas am Bildschirm, gehen sie in die starre Haltung. In dieser Haltung sind viele Hirnareale nicht aktiviert. Das Hirn ist wie ein Muskel: Dort wo es gebraucht wird, ist es aktiv und hat ein gewisses Wachstum. Dort, wo es nicht gebraucht wird, wird es schwächer.

Sie erwähnen in Ihrem Buch, dass es für Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten wichtig sei, sich mit der universellen Lebenskraft zu verbinden. Das klingt ziemlich esoterisch.
Meiner Erfahrung nach brauchen Kinder mit Konzentrationsproblemen Kraft. Es gibt verschiedene mögliche Kraftspender: Sinn, Freude, ein strukturierter Alltag, Konsequenz – und die universelle Lebenskraft. Wenn man sich mit der Natur verbindet, etwa indem man einen Baum umarmt, oder wenn man an Gutes und Schönes denkt, dann kann man Kraft tanken. Das ist einfach ein Faktor, den man nutzen kann. Wem das zu esoterisch oder gar religiös ist, der lässt diesen Aspekt einfach weg. Ich bin da sehr pragmatisch.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 27.10.2017, 08:28 Uhr

Das Buch

Freude kann als natürliches Ritalin wirken

Kinder, die sich schlecht konzentrieren können, sind zwar oft intelligent, haben aber Schwierigkeiten in der Schule. Deshalb trifft der Leiter des schulpsychologischen Dienstes Winterthur-Land Frank Ruthenbeck viele von ihnen in seinen Beratungen an. Im Buch «Konzentrationsschwach und doch genial» zeigt er auf, wie Eltern und andere Erziehungsberechtigte das Potenzial dieser Kinder fördern können.

Ruthenbeck schreibt in seinem Buch konsequent von «konzentrationsschwachen und sensiblen Kindern», nicht aber von Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (AD(H)S). «Viele Kinder haben Konzentrationsprobleme, aber vielleicht nicht so starke, dass sie eine Diagnose erhalten», erklärt er. Ruthenbeck möchte auch die Eltern dieser Kinder ansprechen. Der erfahrene Schulpsychologe betont, dass bei konzentrationsschwachen Kindern entgegen der landläufigen Meinung kein Überschuss an Energie vorhanden ist, sondern es ihnen im Gegenteil an Kraft fehlt.

Die Eltern können dem Kind helfen, Kraft zu tanken. Der Schulpsychologe konzentriert sich dabei auf drei Massnahmen: Strukturen geben, sich konsequent verhalten und den Medienkonsum klein halten. Wichtig sei, dass die Kinder Freude an einer Aufgabe hätten und einen Sinn darin sähen. Freude könne wie ein natürliches Ritalin wirken, schreibt Frank Ruthenbeck.

Frank Ruthenbeck. Konzentrationsschwach und doch genial. Rex Verlag Luzern, 160 Seiten, ca. 30 Fr.

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