Yoga ja – aber richtig

Beim herabschauenden Hund, der Kobra oder dem Krieger kann man einiges falsch machen. Wie man Yogaübungen richtig ausführt und bei welchen Beschwerden man aufpassen muss, erklärt ein Arzt.

Die Yoga-Übung

Die Yoga-Übung "Kobra" stärkt und dehnt Rücken-, Po-, und Armmuskulatur. Bild: Aus dem Buch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Yoga ist für viele der Inbegriff für sanfte und harmonische Bewegungsabläufe. Können Yogaübungen auch schädlich sein?
Dr. med. Christian Larsen: Yoga ist nicht ungefährlich. Deshalb haben wir diese beiden Bücher geschrieben. Man sollte die Asanas sehr präzis ausführen und die Intensität richtig dosieren. Bei einigen körperlichen Beschwerden sind gewisse Stellungen ganz zu meiden. Sonst kann es zu schwerwiegenden Schäden kommen.

Welche Probleme können
auftreten?
Am häufigsten sind Muskelrisse, Sehnenüberlastungen sowie Meniskusschäden. Menschen mit Bandscheibenleiden sollten besonders bei den Vorbeugen aufpassen: Bei allen Übungen, bei denen sich die Wirbelsäule nach vorne biegt, also zum Beispiel beim Berühren des Bodens mit gestreckten Beinen (Uttanasana) oder dem Berühren der Füsse im Sitzen (Zange oder Paschimottanasana). Im schlimmsten Fall kann es dabei zu einem Bandscheibenvorfall kommen. Die Rückwärtsbeugungen, bei denen ein hohles Kreuz entsteht, sind bei Arthrose der kleinen Wirbelgelenke kritisch.

"Am häufigsten sind Muskelrisse, Sehnenüberlastungen sowie Meniskusschäden."Dr. med. Christian Larsen

Wie schlimm sind die möglichen Schäden?
Meist handelt es sich um kleinere Verletzungen. Es können aber auch äusserst schmerzhafte Diskushernien auftreten. Und weltweit sind sogar 200 Hirnschläge während Yogastunden dokumentiert. Dazu kann es bei Personen mit hohem Blutdruck oderGefässerkrankungen kommen, wenn sie lange in einer Haltung mit dem Kopf nach unten verweilen – also etwa bei der Kerze, dem Kopfstand oder dem Pflug. Aber so schlimme Vorfälle sind selten.

Das tönt beängstigend. Ist Yoga gar nicht so gesund wiegemeinhin angenommen?
Für die meisten Menschen ist Yoga eine sehr wohltuende Art, sich zu bewegen, weil es viele verschiedene Dimensionen umfasst: das Dehnen verschiedener Muskeln, Gleichgewichtsübungen, je nach Yoga-Richtung auch Kondition, Konzentration auf den Atem, Entspannung und allgemeine Achtsamkeit auf die Körperhaltung und die innere Einstellung. Bei der Auswahl der Yogalehrerin gilt es zu überprüfen, wie gut sie qualifiziert ist. Denn der Titel ist nicht geschützt. Das eidgenössische Diplom der Organisationen der Arbeitswelt Komplementäre Therapien ist ein gewisses Gütesiegel für eine fundierte Ausbildung.

Spürt man nicht selber, welche Übungen einem guttun und welche weniger?
Wer ein gutes Körpergefühl hat und keine schwerwiegenden medizinischen Leiden, kann sich sicher auf Erfahrung, Intuition und Bauchgefühl verlassen. Leider ist unsere westliche Art, Yoga zu praktizieren, oft etwas zu stark leistungsbezogen: eine mechanistische, auf Fitness ausgerichtete Sportart mit einem Touch Spiritualität. Manche Lehrerinnen pushen ihre Teilnehmerinnen bis über die natürlichen Grenzen hinaus. Dabei wäre der Sinn der Sache, den Körper besser zu spüren und eine gesunde Körper- und Geisteshaltung auch mit in den Alltag hinüberzunehmen.

"Unsere westliche Art, Yoga zu praktizieren, ist oft etwas zu stark leistungsbezogen."Dr. med. Christian Larsen

Etwas ziehen sollte es bei den Übungen doch schon, damit ein Trainingseffekt entsteht?
Ein gewisses Ziehen während der Übungen ist erwünscht. Ein langsamer, flächiger «Wohlfühlschmerz» weist darauf hin, dass sich verkrampfte Muskeln lösen und ausdehnen. Wenn es aber am nächsten Tag noch weh tut, hat man übertrieben – ausser es handelt sich um einen schwachen Muskelkater. Jeder plötzliche, scharfe Schmerz ist ein Alarmsignal. Wenn so etwas auftritt, heisst es: Übung sofort abbrechen.

Dehnungen sind ein wichtiger Bestandteil von Yoga. Wozu sind sie überhaupt nötig?
Weil sie die Beweglichkeit verbessern. Gerade mit zunehmendem Alter werden wir von Natur aus unbeweglicher. Die zunehmende Versteifung der Brustwirbelsäule zum Beispiel führt beim Gehen und Treppensteigen zur Verlagerung der Drehbewegung in die Hals- und Lendenwirbelsäule. Dies führt zu Beschwerden wie Verspannung, Schmerz und Verschleiss. Mit Yoga kann man solchen Prozessen entgegenwirken und wieder lernen, sich im Alltag anatomisch richtig zu bewegen.

Es gibt hierzulande immer mehr verschiedene Yoga-Arten – vom Hatha- und Poweryoga über das Wasser- und Sauna-Yoga bis zum Tuch-Yoga, bei dem man in einer Art Hängematte übt. Sind darunter solche, von denen Sie abraten?
Grundsätzlich nicht. Welche Art man wählen soll, ist eine Frage der Vorliebe und der körperlichen Voraussetzungen. Je anspruchsvoller die Yoga-Art ist, desto wichtiger ist es, sie sorgfältig auszuüben. Das gilt zum Beispiel auch für das athletische Ashtanga-Yoga.

"Männer können genauso gut von Yoga profitieren wie Frauen."Dr. med. Christian Larsen

Yoga ist eine typische Frauen­domäne. Sind die Asanas auch für Männer geeignet?
Ja, Männer können genauso gut davon profitieren. Weil sie von Natur aus weniger beweglich sind als Frauen, wäre es sogar sehr gut für sie, daran zu arbeiten. Ursprünglich waren es übrigens Männer, die Yoga entwickelten. Die indischen Yogis brauchten ein effizientes, umfassendes Training, das sie jeden Morgen eine Stunde ausübten, um den Rest des Tages regungslos meditieren zu können. Die Disziplin ist über 3000 Jahre alt und stammt aus Indien – also aus einem ausgeprägt patriarchalischen und oft gar frauenfeind­lichen Kulturkreis. Als Yoga ab den 1960er-Jahren als Exportschlager in die USA und nach Europa kam, prallten östliche und westliche Werte aufeinander. Finanzielle Ansprüche und sexuelle Affären der Yogalehrer haben zu zahlreichen Skandalen geführt.

In Ihren Büchern finden sich auch Passagen, die esoterisch anmuten. Zum Beispiel: Die Asanas sollen aufdecken, wo der Energiefluss im Körper stockt. Wie bringen Sie als Arzt solche auf asiatischer Lehre basierenden Aussagen mit der fundierten Wissenschaft zusammen?
Solche Formulierungen sind im Yogajargon weit verbreitet. Als Arzt versuche ich, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, und die Sprache zu sprechen, die sie verstehen. Ich persönlich bevorzuge aber wissenschaftliche Erklärungen und eine entsprechende Ausdrucksweise. Ich orientiere mich an körperlich nachweisbaren Effekten. Statt von Blockaden an Energiebahnen, die gelöst werden müssen, spreche ich zum Beispiel lieber davon, dass Yogaübungen Muskelverspannungen lindern und die Durchblutung verbessern. Aber ich störe mich nicht daran, wenn sich andere auf das Konzept dieser Energiebahnen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin beziehen.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 09.06.2017, 16:24 Uhr

Zur Person

Christian Larsen (60) ist leitender Arzt des Spiraldynamik-Med-Centers an der Privatklinik Bethanien in Zürich sowie ärztlicher Leiter des Spiraldynamik-Med-Centers in Zürich. Er praktiziert selber Yoga seit dem Jugendalter und ist mehrmals nach Indien gereist, um sich im Herkunftsland mit der Bewegungsart auseinanderzusetzen. Zudem war er während vieler Jahre Dozent für Yogalehrerinnen zum Thema Anatomie und Präzision im Hatha-Yoga. Larsen lebt in Männedorf.

Christian Larsen

Die Bücher

Der Arzt Christian Larsen hat zusammen mit zwei Yogalehrerinnen zwei Bücher über Medical Yoga geschrieben. Im ersten Band haben die Autoren gängige Yogaübungen mit Erkenntnissen der modernen Medizin verknüpft. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Spiraldynamik: Basierend auf Anatomie und Evolutionsbiologie wird analysiert, welche Haltungen und Bewegungen anatomisch intelligent sind und welche nicht.

Im Buch werden 18 geläufige Übungen (sogenannte Asanas) dargestellt und ausführlich beschrieben – vom Baum über den herabschauenden Hund bis zur Kobra. Anhand von Fotos und Zeichnungen, auf denen die beteiligten Muskeln, Knochen und Sehnen ersichtlich sind, erhalten Anwendende eine genaue Anleitung, wie die Übungen auszuführen sind. Zudem werden die Haltungen und Bewegungen vor dem Hintergrund der evolutionären Entwicklung betrachtet.
Der zweite Band analysiert 18 weitere Asanas. Am Ende des Buches befindet sich zudem eine Tabelle, die informiert, welche Übungen bei welchen körperlichen Beschwerden sinnvoll sind und welche vermieden werden sollten.asö
Kurse und Yogalehrerinnen mit einer Weiterbildung in Medical Yoga unter www.spiraldynamik.com.

Medical Yoga. Dr. med. Christian Larsen et al. Trias-Verlag, 2012, 164 Seiten.

Medical Yoga 2. Dr. med. Christian Larsen et al. Trias-Verlag, 2016, 180 Seiten.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare