Menschenhändlerin in Biel zu 10,5 Jahren Haft verurteilt

Wegen Menschenhandels in 75 Fällen ist eine 58-jährige Thailänderin am Mittwoch in Biel verurteilt worden.

Im Video kommentieren die Staatsanwältin Annatina Schultz und der Anwalt Philipp Kunz das Urteil.

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In einem der grössten Fälle von Menschenhandel in der Schweiz ist am Mittwoch in Biel eine 58-jährige Thailänderin zu 10,5 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Sie wurde des Menschenhandels, teilweise versucht begangen, in 75 Fällen schuldig gesprochen.

Das Regionalgericht Berner Jura-Seeland sprach die Frau auch der Förderung der Prostitution, mehrfach und teilweise versucht begangen, in 29 Fällen schuldig. Dies in den Jahren 2010 bis 2014.

Dazu kommen Verurteilungen wegen Förderung der rechtswidrigen Einreise und des rechtswidrigen Aufenthalts in der Schweiz in Bereicherungsabsicht, teilweise versucht begangen, in 86 Fällen, und Geldwäscherei, gewerbsmässig begangen.

Der Deliktsbetrag beträgt mindestens 120'000 Franken. In einigen Fällen sprach das Gericht die Frau frei.

«Reiseschulden» abzahlen

Die 58-jährige Frau lockte arme und meist ungebildete Landsfrauen und Transsexuelle in die Schweiz. Oft konnten sie nicht Englisch.

Einmal in der Schweiz, wurden die Frauen und Transsexuellen auf Sexstudios in mehreren Kantonen verteilt. Dort mussten sie sich 24 Stunden für Kunden bereithalten und einen Betrag von bis zu 30'000 Franken durch Prostitution abzahlen. So hatten sie ihre «Reiseschulden» abzutragen.

Der Gerichtspräsident sagte, durch die «völlig überrissenen, horrenden Forderungen» seien die Frauen «in eine Schuldenfalle gelockt und in Knechtschaft gehalten worden». Verstärkt worden sei der Druck durch die Tatsache, dass sich die Frauen und Transsexuellen illegal in der Schweiz aufhielten. Auch lebten sie isoliert und abhängig von den Studiobetreiberinnen.

«Hophop!»

«All das diente dazu, die Frauen und Transsexuellen zu massiver Prostitution zu treiben», so der Gerichtspräsident. Die Frau, welche von den Prostituierten als «Ma'am» bezeichnet wurde, verstärkte den Druck noch, indem sie persönlich vorbeikam und Geld eintrieb.

In einer Chatnachricht schrieb eine Prostituierte «Ma'am»: «Habe diese Woche 1900 Franken verdient. Bin müde.» «Ma'am» schrieb zurück: «18'000 minus 1900 Franken = 16'100 Franken. Hophop!». In einer anderen Nachricht schrieb «Ma'am» laut dem Gerichtspräsidenten, eine Frau müsse jetzt «freigelassen» werden.

Laut dem Gerichtspräsidenten wollte zumindest ein Teil der Frauen und Transsexuellen nicht in der Prostitution arbeiten. Das Gericht gehe davon aus, dass in keinem der 75 Fälle eine Einwilligung der Frauen vorliege, in diesem System mitzumachen. Die Folgen der Ausbeutung seien posttraumatische Störungen bis hin zu Suizidgedanken, so der Gerichtspräsident.

Die Frau war teilgeständig. Die Staatsanwältin hatte vergangene Woche eine Strafe von zwölf Jahren, der Verteidiger eine von sechs Jahren beantragt.

Eines von mehreren Verfahren

In den letzten Jahren sind mehrere ähnlich gelagerte Fälle bekannt geworden. Allein im Kanton Bern wurden mehr als 20 Verfahren abgeschlossen, wie der Berner Regierungsrat Ende 2017 bekanntgab.

Im März dieses Jahres verurteilte ein Freiburger Gericht einen Schweizer zu 16 Jahren, der in Thailand mehr als 80 Kinder sexuell ausgebeutet habe soll. Er wurde des Menschenhandels und sexueller Handlungen mit Kindern schuldig gesprochen. Der Mann bot die Kinder in einer Bar Kunden an.

Mit achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe sanktioniert wurde 2013 der frühere Chef eines Bordells in Nidau BE, der über Frauen verfügte «wie Waren», wie damals der Gerichtspräsident sagte. Auch er wurde des Menschenhandels schuldig gesprochen. (sep/sda)

Erstellt: 11.07.2018, 09:22 Uhr

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