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Protest gegen KirchenführungPfarrer im Hungerstreik erringt Erfolg

Nach seiner fristlosen Kündigung verweigerte der reformierte Lausanner Pfarrer Daniel Fatzer die Nahrungsaufnahme. Den Konflikt mit den Kirchenoberen hat er nun gewonnen.

Er wollte Kirchenmann bleiben: 23 Tage harrte Pfarrer Daniel Fatzer in der Stadtkirche Saint-Laurent aus.
Er wollte Kirchenmann bleiben: 23 Tage harrte Pfarrer Daniel Fatzer in der Stadtkirche Saint-Laurent aus.
Foto: Florian Cella

«Pfarrer im Hungerstreik»: Diese Schlagzeile stach 2016 während der newsarmen Sommerwochen heraus. Die Geschichte dahinter: Der Lausanner Stadtpfarrer Daniel Fatzer lag 23 Tage lang auf einer Pritsche in «seiner» Kirche Saint-Laurent. Bleich und unrasiert geisselte er seinen Körper und wetterte gegen den Waadtländer Synodalrat. Das Führungsgremium der evangelischen Kirche des Kantons Waadt hatte ihm fristlos gekündigt. Fatzer hatte in einem vom Radio ausgestrahlten Gottesdienst auf das Schicksal diverser entlassener Pfarrerkollegen aufmerksam gemacht und damit in Personalkonflikten Partei ergriffen. Zu viel für die Kirchenoberen. Sie setzten den protestierenden Protestanten kurzerhand vor die Tür, 18 Monate vor seiner offiziellen Pensionierung.

Der Rauswurf kam faktisch einem Auftritts- und Predigtverbot gleich. Doch der leidenschaftliche Fatzer wollte Kirchenmann bleiben. Also blieb er in der Kirche, hungerte neben der Kanzel und gelangte an ein weltliches Gericht. Er verklagte die Kirchenführung wegen «missbräuchlicher Kündigung».

Kantonskirche zahlt an Stadtkirche

Vor wenigen Tagen nun lud Daniel Fatzer zu einer Medienkonferenz in «seine» Kirche Saint-Laurent. Gesund und wohlgenährt war er, sorgfältig frisiert, verjüngt, mit rosa Teint und einem Lächeln im Gesicht. Der Grund für das Treffen: Fatzer hat die Kirchenführung zu einem «Ablasshandel» gezwungen. Das Gericht war offenbar drauf und dran, die missbräuchliche Kündigung in einem Urteil festzustellen. Also liess sich die Kirchenführung auf eine aussergerichtliche Lösung ein. Die Eckpunkte präsentierten Fatzer, die Synodalpräsidentin und ihr Kirchenkassier Seite an Seite. Die Kantonalkirche zahle «einige Zehntausend Franken» Wiedergutmachung, aber nicht aufs private Bankkonto von Pfarrer Fatzer, sondern in die Kasse der Stadtkirche Saint-Laurent, verkündeten sie. Die Summe entspreche den ausstehenden Lohnzahlungen und zurückbehaltenen Überweisungen an die Pensionskasse. Die vielen an der Medienkonferenz ebenfalls anwesenden Gläubigen applaudierten gerührt. Das Prinzip der christlichen Nächstenliebe war wiederhergestellt, das Happy End perfekt. Dazu fliessen kleinere Beträge an Mitglieder von Fatzers Familie, die am Kirchenstreit schwer zu tragen hatten.

«Ich würde sagen, wir haben aufgehört, Pfarrer Fatzer zu diskreditieren.»

Perry Fleury, Mitglied im Waadtländer Synodalrat

Die gefundene Lösung war durch eine komplette Neubesetzung des Synodalrats möglich geworden. Die 2019 eingesetzte neue Führung beschloss als Erstes, die vielerorts schwelenden Konflikte mit Pfarrern aus der Welt zu schaffen und Frieden zu stiften. Man werde das Personal künftig professioneller führen, beteuerte Kassier Perry Fleury. Er sagte aber auch: «Man kann nicht sagen, dass Pfarrer Fatzer rehabilitiert ist, da er sich ja im Ruhestand befindet. Ich würde eher sagen, wir haben aufgehört, ihn zu diskreditieren.»

Ein Ort des Widerstands

Die Stadtkirche Saint-Laurent wird ein spezieller Ort bleiben. Ein Ort des Widerstands, sozusagen. Die Kirche gilt als Ort der kreativen Anarchie, die sich auch politisch einmischt. In deren Gemeinschaftsräumen lebten in den letzten Jahren abgewiesene Asylsuchende, die Politaktivisten dort untergebracht hatten. Über die schmucke Barockfassade der Kirche hängten Daniel Fatzer und sein Pfarrerkollege Jean Chollet das Konterfei von Martin Luther King und brachten damit den kantonalen Denkmalschutz in Rage. In der Kirche selbst gibt es nur wenige Sitzplätze, dafür eine Bar, weil Sonntagsgottesdienste traditionell mit einem Frühstück beginnen und mit einem Apéro enden. Daniel Fatzer weiss auch bereits, wofür das Geld ausgeben werden soll, das wegen seiner unzulässigen Entlassung in den Opferstock der Kirche Saint-Laurent fliesst. Die Kirche solle zu einem Lebensmittelladen werden und Nahrungsmittel an Bedürftige abgeben, wünscht er sich. Armutsbetroffene gibt es auch in Lausanne Tausende. Die Corona-Krise hat ihre Lage noch verschärft.