Richterswil

Ex-Polizeichef sieht sich als guten Samariter

Der Gang hinter Gitter bleibt ihm erspart. Dennoch kostet der Griff in die Kasse den Ex-Polizisten einiges. Sein Leben hat sich dramatisch verändert. Dabei habe er nur Gutes tun wollen.

Tausende Franken hat der ehemalige Polizeichef von Richterswil aus den kommunalen Parkgebühren abgezweigt – dafür wurde er nun verurteilt.

Tausende Franken hat der ehemalige Polizeichef von Richterswil aus den kommunalen Parkgebühren abgezweigt – dafür wurde er nun verurteilt. Bild: Archiv Moritz Hager

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Warum er es getan hat, blieb lange offen. Vier Jahre lang hat der 48-Jährige der Gemeinde Richterswil Geld abgenommen. Viel Geld, und das als angesehener Polizeichef. Hat er die 144'000 Franken für sich selber genutzt? In der Anklageschrift ist das so vermerkt. «Zur Finanzierung seines Lebensunterhalts» habe er das Geld verwendet.

Vor Gericht zeichnet der Beschuldigte ein ganz anderes Bild. Dass er in den Medien als gierig bezeichnet wurde, nagt an ihm. Mitlied habe ihn angetrieben. Denn mit dem Geld habe er seine Ex-Freundin und das gemeinsame Kind unterstützt. Ebenso ihre Familie in Rumänien. Die Ex sei süchtig, «Drogen und Alkohol», habe ihn immer wieder psychisch unter Druck gesetzt und mehr Geld verlangt.

Auch körperliche Gewalt habe sie angewendet. Am Bezirksgericht Horgen spricht der grossgewachsene Mann mit ruhiger Stimme. So leise, dass ihn der Präsident mehrfach auffordert, lauter zu sprechen. Die auffälligen Tätowierungen sind unter einem Kapuzenpulli verborgen.

Bedürftige unterstützt

Für alle überraschend sagt der Beschuldigte, dass er mit dem Geld aus den Parkgebühren auch Sozialhilfeempfänger in Richterswil unterstützt habe. Er habe diese Leute über seine Arbeit kennengelernt und habe helfen wollen. «Das Sozialamt war dazu nicht fähig», sagt er gar. Diese Art der Unterstützung habe er bisher nicht erwähnt, um die Betroffenen zu schützen. Darum wolle er auch vor Gericht keine Namen nennen, so der Ex-Polizeichef. Ob er je ein schlechtes Gewissen hatte, fragt der Gerichtspräsident. «Ja, darum habe ich gekündigt», sagt der Beschuldigte. Das war gut ein Monat bevor er im März 2018 auf dem Polizeiposten verhaftet wurde.

Angefangen hat der Abzug der Gebührengelder, als der 48-Jährige in eine persönliche Krise geriet. Auch daran war eine Frau beteiligt, seine Ex-Frau. Es sei zu einer Kampfscheidung gekommen. 5000 Franken im Monat habe er an seine Ex-Frau zahlen müssen, als eine Steuerrechnung von 12'000 Franken ins Haus flatterte. Weil er die Rechnung dringend begleichen musste, habe er das Geld abgezweigt. «Ich dachte, ich schade damit keinem», meint der Beschuldigte. Das Ganze sei halt ziemlich einfach gewesen, sagt er auf die Frage, warum er sich bei den Gebühren bedient hat.

Nicht schlecht gelebt

Der Ex-Polizeichef fühlt sich vorverurteilt. Wegen der Berichterstattung über seine Taten habe er zwei Jobs nicht bekommen. Reue zeigt er. Aber nur weil er den falschen Weg gewählt habe. Die Taten bereut er, doch, dass er geholfen habe, nicht. Das Bild des guten Samariters kratzt der Staatsanwalt mit einer Zwischenfrage etwas an. Er will wissen, wie die Lebenssituation des Polizisten damals war. «Die Wohnung kostete 3000 Franken, der geleaste BMW 1400 im Monat», lautet die Antwort. Schlecht gelebt hat er also auch nicht.

Einen Teil des Geldes hat der Beschuldigte auf das Konto seiner Mutter überwiesen. Damit habe er das Risiko aufzufliegen gesenkt, hält ihm der Gerichtspräsident vor. Und sich der Geldwäscherei schuldig gemacht. Die Gemeinde Richterswil hat er durch 71 gefälschte Abrechnungen getäuscht. Das Bezirksgericht Horgen akzeptiert den Urteilsvorschlag von 24 Monaten Freiheitsstrafe bedingt. Eine Busse von 1000 Franken muss der Beschuldigte zahlen.

Der Gerichtspräsident liest dem Ex-Polizisten die Leviten. Er habe den Ruf der Polizei geschädigt und das Vertrauen in diese beeinträchtigt. Er habe auch selber teuer bezahlt. Der Mann steht ohne Wohnung und Job da. Auch wenn er sich als «Stehauf-Männchen» bezeichnet, wird er es in Zukunft nicht leicht haben. Die 100'000 Franken, die er noch auf dem Konto hat, werden an die Gemeinde Richterswil fliessen.

Erstellt: 02.04.2019, 17:36 Uhr

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