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Kolumne Tribüne Quälerei in der Turnhalle

Der «Landbote»-Kolumnist Tobias Engelsing mistet seine Garage aus und stösst auf alte Geschichten.

Tatort Turnhalle: Ist das Spiel «Völkerball» legalisiertes Mobbing?
Tatort Turnhalle: Ist das Spiel «Völkerball» legalisiertes Mobbing?
Foto: ZSZ

Garagen können zu Familienarchiven werden: In den Tiefen ihrer Abstellflächen finden sich Zeugnisse des gemeinsamen Lebens: Alte Kindervelos, die keiner mehr anrührt, das aufblasbare Planschbecken, dessen Löcher nie geflickt wurden, oder ein paar genagelte Militärschuhe erinnern an biografische Stationen. Dieser Tage stiess ich in der Garage auf ein ungeliebtes Erinnerungsstück: Einen schweren ledernen Ball, wie er in der Schule zum «Völkerballspiel», Kurzform «Völk», benutzt wurde.

«Der bleichgesichtige Detlev und der dicke Mario wurden immer als Letzte in eine der beiden Mannschaften gewählt.»

Tobias Engelsing, Direktor der Konstanzer Museen

Das in Mitteleuropa seit dem 19. Jahrhundert bekannte Spiel simulierte den Krieg: Zwei Mannschaften nutzen den Ball als «Angriffswaffe», um die Mitspieler der gegnerischen Truppe durch Treffer auszuschalten. Die vom deutschen Nationalisten «Turnvater Jahn» geprägte Turnbewegung verstand das Spiel als Wehrertüchtigung: So sollte sich die Jugend auf den Kampf Mann gegen Mann vorbereiten.

Genauso habe ich das als Schüler immer empfunden. Schon die Auswahl war eine herabsetzende Selektion: Der bleichgesichtige Detlev und der dicke Mario wurden immer als Letzte in eine der beiden Mannschaften gewählt. Sie waren meist auch die Ersten, die, von der gnadenlosen Lederkugel getroffen, zu Boden gingen. Detlev bekam Nasenbluten, Mario lag wie ein toter Käfer am Boden und kam nur mithilfe anderer Mitspieler wieder hoch. Mario war das Kind italienischer «Gastarbeiter», die Meute der Bürgerskinder johlte, wenn er umgehauen wurde. Ich selbst war nicht der Kräftigste, aber schnell und konnte dem Ball gut ausweichen. Aber ich fürchtete mich davor, von diesem fliegenden Fausthieb getroffen zu werden.

Unser Sportlehrer, den wir «Bulle» nannten, sah dem Schauspiel ungerührt zu. Er pfiff, gab Wurfwechsel an und schnarrte dann und wann missmutig, wir sollten uns nicht wie «Waschlappen» anstellen. Eines Tages traf ihn ein Fehlwurf von Dieter, der Kraftmaschine der Klasse. Da lief «Bulle» rot an, befühlte knurrend seine getroffene Nase und pfiff ab. Danach verzichtete er auf das Spiel.

Eine kanadische Studie kam im vergangenen Jahr zum Ergebnis, «Völkerball» oder «Völk» sei nichts anderes als «legalisiertes Mobbing» und gehöre abgeschafft. Ich hätte nichts dagegen, muss allerdings bemerken, dass das Mobbing nicht erfolgreich war: Detlev hat studiert und wurde Arzt, Mario ist ein erfolgreicher Unternehmer. Ich selbst werde den Lederball zum Sperrmüll geben: Mit dieser «Angriffswaffe» sollen keine Kinder mehr gequält werden.

Tobias Engelsing ist Direktor der Konstanzer Museen und «Landbote»-Kolumnist.