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YB kann Corona-Jahr rettenRaus aus der Blase, rein ins Millionenspiel

In der Qualifikation zur Champions League geht es für die Young Boys am Mittwoch bereits um einen zweistelligen Millionenbetrag.

Fokussiert: «Wir sind uns der enormen Wichtigkeit der Partie bewusst», sagt YB-Trainer Gerardo Seoane am Dienstag in Herning.
Fokussiert: «Wir sind uns der enormen Wichtigkeit der Partie bewusst», sagt YB-Trainer Gerardo Seoane am Dienstag in Herning.
Foto: Claudio de Capitani (Freshfocus)

Das Abschlusstraining erhält in Zeiten des Coronavirus eine ganz neue Bedeutung. Für die Young Boys ist es in Herning am Dienstag die einzige Möglichkeit, frische Luft zu schnappen. Aus der Blase auszubrechen. Die Beine zu vertreten.

Das Protokoll der Uefa ist strikt. YB darf das Hotel während des Aufenthalts in Dänemark nur fürs Training und fürs Spiel verlassen, eine Joggingrunde liegt selbst für Mitglieder des Trainerstabs nicht drin. Der europäische Fussballverband behält sich Stichproben vor.

Bereits bei der Abreise am Flughafen in Bern ging es durch einen eigens eingerichteten Korridor. Ein Espresso im Flughafencafé Charly’s Check-in? Unmöglich. Die Wege sollen so kurz wie möglich gehalten werden, vom Flugzeug in den Bus, vom Bus ins Hotel. Überraschungen unwillkommen. Während die Young Boys am Dienstagabend trainieren, wartet ihr Bus direkt am Haupteingang vor der MCH Arena, die rund 12’000 Zuschauern Platz bietet. Am Mittwoch werden aber keine zugelassen sein.

Es sind spezielle Zeiten, in denen die Young Boys versuchen, zum zweiten Mal nach 2018 die Champions League zu erreichen. Zeiten, in denen die dritte Qualifikationsrunde gegen den dänischen Meister Finalcharakter erhält, weil sie ohne Rückspiel ausgetragen wird. YB-CEO Wanja Greuel, der nicht nach Dänemark gereist ist, da die Uefa vorschreibt, die Delegation so klein wie möglich zu halten, spricht am Telefon von einer extremen Ausgangslage.

Millionengewinne als Segen

Besiegen die Young Boys den FC Midtjylland und erreichen nach Hin- und Rückspiel in den Playoffs gegen Slavia Prag die Gruppenphase der Champions League, werden sie mindestens rund 25 Millionen Franken einnehmen. Verlieren sie aber am Mittwoch in Dänemark und unterliegen dann in den Playoffs zur Europa League, die am 1. Oktober mit einer Partie ausgetragen werden, bliebe für sie so gut wie gar nichts übrig.

Zwischen Top oder Flop kann das Jahresbudget eines mittelgrossen Schweizer Fussballclubs liegen. Greuel unterstreicht die Bedeutung, wenn er sagt: «Sollten wir uns für die Champions League qualifizieren, könnten wir von einem finanziell guten Jahr sprechen – Corona hin oder her.»

Greuel pendelt zwischen den Welten. Als Mitglied des Komitees der Liga erlebt er mit, wie um die Bedingungen des Corona-Hilfspakets gefeilscht wird. Er meint, man sei einer Einigung näher als auch schon. Er kann dies mit einer gewissen emotionalen Distanz sagen, weil YB nicht auf die staatliche Unterstützung angewiesen ist nach zwei Jahren, die einen Gewinn von je rund 20 Millionen Franken eingebracht haben. «Diese Einnahmen helfen uns in der Krise enorm», sagt Greuel. Und nennt die Millionengewinne einen Segen.

Anders sehe es bei etlichen Mitstreitern in der Super League aus, meint Greuel. Die Aussicht auf Spiele mit deutlich mehr Zuschauern ab Oktober lindere die Not nur bedingt, weil die Aufwände für die Sicherheit ansteigen würden. Ein Beispiel: Bei Partien im Wankdorf werden ab Oktober 400 statt 250 Stewards im Einsatz stehen.

Elia und Siebatcheu dabei

Als Vorstandsmitglied der European Club Association (ECA) kennt Greuel aber auch die Welt der Grossen, das Big Business. Andrea Agnelli, der Präsident von Juventus Turin und der ECA, habe ihm kürzlich vorgerechnet, dass dem europäischen Clubfussball Verluste bis zu 4 Milliarden Euro drohen, sagt Greuel. Etwa, weil die Champions League ab dem Viertelfinal ohne Rückspiele ausgetragen wurde. Der YB-CEO rechnet damit, dass die Uefa wird sparen müssen und deshalb in den nächsten Jahren die Prämien, die in den europäischen Wettbewerben ausgeschüttet werden, sinken werden.

Diese Saison sind die Honigtöpfe aber noch prall gefüllt. Das verdeutlicht die Partie gegen Midtjylland. Sollten die Young Boys gewinnen, erhalten sie schon nur für das Bestreiten der Playoffs gegen Slavia eine Prämie von 5 Millionen Euro. Zudem wären sie garantiert europäisch vertreten – bei einem Scheitern gegen die Tschechen in der Gruppenphase der Europa League. Diese würde YB dann mindestens noch einmal 5 Millionen Franken einbringen. Das bedeutet: Am Mittwochabend steht ein zweistelliger Millionenbetrag auf dem Spiel. «Wir sind uns der enormen Wichtigkeit der Partie bewusst», sagt Trainer Gerardo Seoane. Die Corona-Krise mit der monatelangen Unterbrechung des Spielbetriebs, Kurzarbeit und Lohnverzicht inklusive, habe das Bewusstsein für Vorgänge abseits des Platztes geschärft.

Nur, sagt Seoane, das alles dürfe ihn und seine Mannschaft nicht tangieren. Er wünscht sich eine Balance zwischen Lockerheit und Anspannung und meint: «Das wird eine grosse Prüfung für die Mannschaft.» Der YB-Trainer kann dabei fast aus dem Vollen schöpfen. Unter den 21 mitgereisten Spielern befindet sich auch Meschack Elia, der in den vergangenen Tagen erstmals nach seiner Ende Juli in Sitten erlittenen Verletzung wieder mittrainierte. Ein Einsatz dürfte für ihn aber noch zu früh kommen.

Zugang Jordan Siebatcheu traut Seoane hingegen einen Teileinsatz zu. Dass es den französischen Mittelstürmer gegen Midtjylland schon braucht, werden die Young Boys aber kaum hoffen. Denn es würde bedeuten, sie benötigen dringend ein Tor.