Marthalen

Die gute Seele des Heims zieht weiter

Am Donnerstag verlässt Heimleiter Peter Zollinger das Zentrum für Pflege und Betreuung Weinland. Der 65-Jährige wird eine grosse Lücke hinterlassen.

«Es ist ganz wichtig für mich, nochmals mit den Menschen zusammen zu sein, die mir lieb geworden sind», sagt Peter Zollinger.

«Es ist ganz wichtig für mich, nochmals mit den Menschen zusammen zu sein, die mir lieb geworden sind», sagt Peter Zollinger. Bild: Michele Limina

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In drei Tagen hat er seinen Letzten. «Um acht Uhr wird der Kassensturz gemacht, und um neun erfolgt die offizielle Übergabe», erzählt Peter Zollinger, seit 14 Jahren Heimleiter des Zentrums für Pflege und Betreuung Weinland in Marthalen. Der 65-Jährige wird seine Schlüssel abgeben, am Nachmittag gibt es ein Abschiedsfest mit Bewohnerinnen und Bewohnern, Mitarbeitenden, Ärzten, Behördenvertretern und dem Pfarrer. Es soll ein fröhliches, unbeschwertes Fest sein. «Es ist ganz wichtig für mich, nochmals mit den Menschen zusammen zu sein, die mir lieb geworden sind. Dann ist Schluss.»

«Ich gönne mir eine Reise, um bei mir anzukommen, alleine»

Und was dann? «Ich weiss nicht, wie ich reagieren werde. Wegen dem 1. Mai und dem Wochenende habe ich das Problem ja erst nach drei Tagen», sagt Zollinger mit einem Lachen. Etwas nachdenklich fügt er an: «Ich muss zuerst ‹abefahre›.» Doch etwa drei Wochen später fährt er erst einmal los, mit dem Velo für gut zwei Wochen durch den Bayerischen Wald und Österreich. Die Route genau geplant hat er nicht. «Ich gönne mir eine Reise, um bei mir anzukommen, alleine», sagt der Vater und Grossvater, der in Oberstammheim wohnt.

Umgang mit Menschen

In seinem bisherigen Leben konnte Zollinger sehr viel gestalten. Aufgewachsen am Bachtel im Zürcher Oberland lernte er Lüftungszeichner. Später arbeitete er beim Müllerei-Spezialisten Bühler in Uzwil und reiste dabei viel, sogar nach Saudi Arabien. Zuerst in Obersaxen und dann in Davos leiteten er und seine Partnerin ein Kinder- und ein Ferienheim – der Umgang mit Menschen wurde ihm wichtiger als das Technische. Für die Zeit nach der Pensionierung hat er schon zwei Fixpunkte: Einem Bauern beim Heuen helfen und mehr musizieren mit seiner Ziehharmonika. «Wenn ich spiele, schwingt mein Herz mit, der ganze Körper. Ich kann mich nicht dagegen wehren.»

Grüner Sakko mit Knöpfen aus Geweih, eine steirische Ziehharmonika und eine Velotour nach Österreich: Der oberösterreichische Liedermacher Hubert von Goisern hat es Zollinger angetan. Der Musiker vermischt seit Jahrzehnten traditionelle Volksmusik mit Rockelementen, weltweit. Er interpretiert sie neu, «nicht als heile Welt, eher als ein neues Gefühl von Heimat».

«Das Heim in Marthalen lebt.»

Eine Heimat gab Peter Zollinger als Heimleiter den knapp 70 Bewohnerinnen und Bewohnern, zusammen mit seinen 110 Mitarbeitenden. «Ein Heimleiter sollte dem Haus eine Seele einhauchen, damit es lebt und nicht steril ist.» Regelmässig organisierte er Stubete, also eine Art Musikantenstammtisch. Letzthin sass er mit acht Bewohnern um einen Tisch und musizierte, sang, erzählte Geschichten, einfach so. «Man kann 100-mal über Strukturen und Prozesse des Heims sprechen, ohne Seele und Vertrautheit bleibt es kalt.»

Ein Daheim bieten

Den Heimbewohnern ein Daheim bieten – und auch für die Mitarbeitenden schauen, aus Wertschätzung, und: «Wenn es ihnen gut geht, ist das ansteckend für die Bewohner.» «Es ist uns gelungen, die Lebensqualität im Heim zu fördern», erzählt Zollinger. Mit «uns» meint er die Pflegedienstleiterin Astrid Reif, das Kader, alle Mitarbeitenden und sich. Auch der Umbau und die Erweiterung von 2012 hätten wesentlich zu einem guten Wohlbefinden der Bewohner beigetragen.

Den sechs Trägergemeinden des Zentrums für Pflege und Betreuung Weinland – Benken, Marthalen, Ossingen, Rheinau, Trüllikon sowie Truttikon –, den Delegierten und der Heimkommission «gebührt ein grosses Dankeschön für das Vertrauen und den grossen Gestaltungsraum, den sie uns gewährt haben». Jedes Jahr gab es ein neues Thema mit dazu passenden Wandbildern in der Cafeteria. «Das Heim zeigte sich so immer wieder neu, farbig und kreativ.» Und die Bewohner schätzen diese Abwechslung, wie auch die vielen Feste und Veranstaltungen. «Das Heim in Marthalen lebt.»

«Wenn ich sterbe, gibt es viel Musik in der Kirche, die schönsten Jodler und Alpenrock.»

Tritt ein Mensch ins Heim ein, hat er in der Regel einen Rollkoffer, ein bis zwei Taschen und etwas Möbel dabei. «Und dahinter mehrere Sattelschlepper mit Geschichten, die er ebenfalls mitbringt.» Geschichten, die zum Teil noch verarbeitet werden müssen. «Den meisten ist es vergönnt, dass sich das Leben am Schluss zu einem Ganzen vereinigt und sie entspannt und friedlich sterben können.»

Und Peter Zollinger selber? Geht er als ehemaliger Heimleiter dann anders mit den Themen Krankheit, Heim und Sterben um? «Ich habe keine Ahnung. Ich habe viel Gnade erfahren, bin noch nie krank gewesen.» Wie er alt wird, davon hat er keine genaue Vorstellung. «Die schönste Gnade ist, dass nicht wir über den Tod entscheiden, den gestaltet der Schöpfer, wir begleiten nur.» Eines weiss Zollinger allerdings jetzt schon mit Bestimmtheit: «Wenn ich sterbe, gibt es viel Musik in der Kirche, die schönsten Jodler und Alpenrock.»

(landbote.ch)

Erstellt: 26.04.2015, 15:05 Uhr

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