Rheinau

«Der Besuch der alten Dame»

Welche Auswirkungen ein möglicher Endlager-Standort im Weinland in ferner Zukunft haben könnte.

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Wir schreiben das Jahr 2068, und das End­lager für Atommüll sollte eigentlich längst in Betrieb sein. Die Bauarbeiten stehen seit längerem still, weil sich die Weinländer Gemeinden weiterhin dagegen wehren. Gutachten folgt auf Gutachten, und die ­Sicherheit des Tiefenlagers wird ständig aufs Neue hinterfragt. Der Widerstand ist so gross, dass sich der Bund davor scheut, das Endlager gegen den Weinländer Willen durchzusetzen. Die Situation ist blockiert, nichts scheint sich mehr zu bewegen. Gebaut wird kaum noch, die Riegelhäuser verlottern, und immer mehr Menschen ziehen weg.

Doch 20 Jahre später blüht das Weinland unerwartet wieder auf. In Rheinau zum Beispiel wird das alte Hallen- und Freibad neu gebaut und um eine 500 Meter lange Rutschbahn erweitert, die bis hinunter in den Rhein führt. Familien mit Kindern kommen von weit her, um auf ihr herunterzurutschen. In Marthalen baut die Nagra ihren Hauptsitz, saniert alle denkmalgeschützten Häuser, baut ein Theater und übernimmt sämtliche Steuern der Marthaler Bevölkerung. Und am Südhang ob Benken entstehen moderne Terrassenhäuser, wo früher gar nicht gebaut werden durfte. Die Autos und Kleider der Leute werden teurer, die Züge und Postautos fahren häufiger. Gelb vor Neid blicken die übrigen Gemeinden im Kanton auf das Weinland. Das seit 1999 offene Loch der Nagra-Bohrung ist längst mit Beton aufgefüllt – aus ihm entwich einst das hartnä­ckige Gerücht, von der Landluft fortgetragen, im Weinland würde ein Endlager gebaut. Und wohin der Tunnel bei Marthalen führt, fragt schon lange keiner mehr.

Von einem solchen Szenario will wohl niemand, dass es Realität wird. Denn es erinnert an Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie «Der Besuch der alten Dame»: Die Kleinstadt Güllen opfert der Dame einen ihrer Bürger und kommt so zu viel Wohlstand. Kaufen lassen will sich niemand. Doch auch beim Endlager stellt sich eines Tages die unmoralische, ja anrüchige Frage des ­Geldes. (Landbote)

Erstellt: 06.04.2015, 13:16 Uhr

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