Bezirksgericht

Falsche Aussagen und ein merkwürdiger Chat

Bei dem Prozess in Andelfingen rund um eine mutmassliche Vergewaltigung folgt am Montag das Urteil. Gestern kam es zu weiteren Vorwürfen von beiden Seiten, unter anderem soll sich die Frau während Verhören widersprochen haben.

Die Richter des Bezirksgerichts Andelfingen brauchen einen dritten Prozesstag zur Beratung. Am Montag wird ihr Urteil erwartet.

Die Richter des Bezirksgerichts Andelfingen brauchen einen dritten Prozesstag zur Beratung. Am Montag wird ihr Urteil erwartet. Bild: Heinz Diener

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Wird eine vorgeworfene Vergewaltigung vor Gericht behandelt, sind handfeste Beweise oftmals Mangelware. Um das klassische «Vier-Augen-Delikt» zu klären und eine Falschbezichtigung auszuschliessen, müssen die Richter in vielen Fällen auf die Aussagen von «Opfer» und «Täter» fokussieren. Bleiben sie bei ihren Versionen oder ändert sich beispielsweise die Vehemenz einer Beschuldigung? Widersprechen sich die Aussagen?

Eine solche Analyse ist auch beim mehrtägigen Prozess in Andelfingen nötig. Die beiden Parteien widersprechen sich diametral. Beschuldigt ist ein junger Mann, der einem Gesundheitsberuf nachgeht. Er traf sich im Dezember 2016 mit einer Bekannten. Nach dem Treffen in einer Bar ging alles schnell: Die etwas jüngere Frau kam mit in die WG des Mannes, wo es bald zu einvernehmlichem Sex kam.

Ganz anders soll es laut der Anklage aber am Folgetag gewesen sein. Wieder verabredeten sich die zwei und gingen, diesmal mit einem guten Freund des Mannes, in dessen WG, assen gemeinsam und schauten Fernsehen. Was ab Mitternacht geschah, war Gegenstand des Prozesses.

Auf Balkon gesperrt

Der Beschuldigte erzählte von erneuten Intimitäten und Sex im Schlafzimmer, nach einigen schönen Stunden seien sie friedlich eingeschlafen, die Frau sei am Morgen in aller Frühe arbeiten gegangen. Die Frau hingegen erzählte vor Gericht unter Tränen, sie sei kurzzeitig vom dritten Anwesenden auf den Balkon gesperrt worden und habe deshalb den letzten Bus nicht mehr erwischt. Widerwillig habe sie sich zum Beschuldigten ins Bett gelegt. Dann habe sie sich gegen dessen Avancen wehren müssen, bis diese in Gewalt umgeschlagen seien: Er habe sie unter anderem gewürgt und fixiert und schliesslich vergewaltigt.

Stundenlang dauerten die Befragungen durch das dreiköpfige Richtergremium. Der Beschuldigte sagte, er habe beruflich mit Opfern von Sexualstraftaten zu tun gehabt und reflektiere viel über derartige Themen und seine eigene Sexualität. Sex unter Zwang und mit Gewalt – zu etwas solchem sei er nicht fähig.

«Nid dörfe passiere»

Die Staatsanwältin zeigte sich unbeeindruckt, sie erhöhte das geforderte Strafmass nochmals, von 16 auf 24 Monate. Sie zitierte aus einem Whatsapp-Chat, in dem sich der Mann zu entschuldigen scheint: «Was passiert isch, het nid dörfe passiere und het nid sölle passiere.» Der Beschuldigte erklärte dies damit, dass er manchmal die Verantwortung für Dinge übernehme, für die er gar nichts könne.

Der Verteidiger des Mannes verwies auf pikante Aussagen der Frau in den Polizeiverhören. So habe sie anfangs auch von Anal- und Oralsex gesprochen, dies später aber widerrufen. Auch Aussagen über eine frühere «Fast-Vergewaltigung» zog sie zurück. «Bei jeder Einvernahme steigerte sie die Dramatik, was sich auf ihre Glaubwürdigkeit katastrophal auswirkt.»

Klägerin besucht Therapiestunden

Die Frau erzählte vor Gericht hingegen vom Leid, das mit der Nacht im Dezember 2016 über sie gekommen sei. Praktisch nahtlos befand sie sich seither in Therapie, ihr Grundvertrauen sei erschüttert. So halte sie es beispielsweise fast nicht aus, wenn ein Mann sich irgendwo hinter sie stelle. Und das Erlebte wirke sich für sie, die in der Zwischenzeit Mutter geworden ist, auch negativ auf die Beziehung zu ihrem Sohn aus.

Die Richter setzten schliesslich einen dritten Prozesstag zur Beratung an, das Urteil wollen sie am Montagnachmittag bekannt geben.

Erstellt: 10.08.2019, 09:41 Uhr

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