Gachnang

Honig ist für ihn nicht einfach Honig

Imker Peter Frehner hat sich der Vielfalt des Honigs verschrieben. Dazu reiste er auch schon in den Dschungel Kolumbiens.

Peter Frehner imkert im Weiler Rosenhuben bei Gachnang zusammen mit seinem Vater und vertreibt Honig aus der ganzen Welt. Foto: PD

Peter Frehner imkert im Weiler Rosenhuben bei Gachnang zusammen mit seinem Vater und vertreibt Honig aus der ganzen Welt. Foto: PD

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Der 41-jährige Imker Peter Frehner hat bereits das nächste Holzstäbchen in der Hand. Er tunkt es in ein Glas Honig aus Mexiko. Dieser besteht aus Nektar der Sierranblüten und schmeckt auf der Zunge blumig, fast schon parfümiert.

Nächstes Holzstäbchen: Der französische Sortenhonig von Lavendelblüten erinnert im Abgang an Nougat. Eine Zitrusnote begleitet den italienischen Orangen-Blütenhonig. «Jedes Glas Honig ist ein Fingerabdruck eines bestimmten Ortes zum Zeitpunkt der Ernte», sagt Frehner. Er steht im Frauenfelder Spezialitätengeschäft Schlaraffenland. Nach über zehn degustierten Honiggläsern benebelt der viele Zucker die Sinne.

«Ein erfahrener Imker erkennt ein krankes Volk an der schrägen Flugbahn der Bienen oder am Geruch im Bienenstock»

«Mehr als Honig», steht in Englisch auf Frehners Gläschen. Es ist doppeldeutig zu verstehen. Zum Einen ist für Frehner Honig nicht gleich Honig. Die Diversität vergleicht er mit jener des Weines. Seit fünf Jahren vertreibt er Honigspezialitäten aus aller Welt. Sämtliche Imker, ob aus Kolumbien, Neuseeland, Mexiko oder Spanien, kennt er persönlich. «Das ist mir sehr wichtig. Ich will wissen, ob sie dieselben Werte teilen, ob sie sauber arbeiten oder nicht.»

Eine der Imkereien, deren Honig er bezieht, befindet sich im nördlichsten Teil Kolumbiens, «im tiefen Dschungel», wie Frehner sagt. Es ist ein ehemaliges Projekt des Schweizer Hilfswerks SwissAid, das der armen Bevölkerung vor Ort eine Einkommensquelle bescheren sollte und sich mittlerweile verselbständigt hat.

Imker in vierter Generation

Sein Slogan «Mehr als Honig» ist aber auch eine Anlehnung an den Dokumentarfilm «More than honey» von 2012. Dieser beleuchtet mit detaillierten Aufnahmen die Welt der Bienen, ihre Umwelt, die Auswirkungen ihrer heutigen Haltung, den damit verbundenen Krankheiten und des Bienensterbens. Frehner hat die Faszination für Honig und der Imkerei von seinem Vater geerbt: Alex Frehner ist seit über 60 Jahren Hobby-Imker, sein Grossvater wiederum begann 1934 mit der Bienenhaltung.

Die Arbeit habe sich seither «massiv verändert», sagt Peter Frehner. Früher seien über den Winter etwa zehn Prozent der Bienenvölker gestorben. «Heute beklagen namhafte Berufsimker, dass ihnen eine Mehrzahl der Völker ab und an verloren geht.» Komplett steuern könne man die Bedrohung durch verschiedene Krankheiten und Befall von Parasiten wie der Varroamilbe nicht mehr: «Es erwischt dich oder du hast Glück gehabt.»

Es sei nicht einfach, die Krankheiten rechtzeitig vor dem grossen Ausbruch festzustellen. «Ein erfahrener Imker erkennt allenfalls ein krankes Volk an der ungewöhnlich schrägen Flugbahn der Bienen oder bemerkt einen Geruch im Bienenstock, der leicht säuerlich an Käse oder Stinkfüsse erinnert.»

Grossteil der Völker verloren

Auch seine eigenen Bienenvölker hat es vor etwa drei Jahren erwischt: Genau zu diesem Zeitpunkt wollte er sich mit der Honigproduktion, dem Handel und der Vermarktung selbständig machen. Er besass damals über hundert Völker, im Sommer wuchs die Zahl der fleissigen Tiere rasch an, sodass es in kurzer Zeit mehr als fünf Millionen Bienen waren. Doch die Varroamilbe und Krankheiten rafften einen Grossteil über den Winter dahin.

«Wissen wir wirklich, was alles nicht mehr da ist, wenn die Bienen und die meisten Insekten nicht mehr sind?»

«Das war ein sehr einschneidender Moment, das hat mir das Fundament entzogen», sagt Frehner, der in den Jahren zuvor viel Passion, Zeit und Geld in seinen Betrieb investiert hatte.

Seither arbeitet der gelernte Metzger und studierte Lebensmittelingenieur wieder in seiner angestammten Branche. Den Traum des eigenen Betriebs hat er fürs Erste auf eine Grösse geschrumpft, die ihm erlaubt Leidenschaft und Beruf unter einen Hut zu bringen. Heute besitzt er noch fünfzig Völker. Zum Vergleich: Im Schnitt besitzt ein Schweizer Durchschnittsimker zehn Völker.

Unter der Woche kümmert sich sein Vater um die Bienen. Peter Frehner selber schätzt sein Arbeitspensum für die Bienen am Wochenende und den Abenden auf 40 bis 50 Prozent. «Ich sehe den Rückschlag heute auch positiv, vielleicht braucht eine Marke und meine Qualitätsphilosophie Zeit, um wachsen zu können.» In der Zwischenzeit experimentiert er mit neuen Geschmacksrichtungen: So verkauft er seinen Honig auch mit eingelegten Thurgauer Erdbeeren. Momentan tüftelt er auch an einem Trüffelhonig, dessen Geschmack bei der Degustation allerdings noch ein wenig zu dominant scheint.

«Der fragilste Gradmesser»

Die Tatsache, dass die Bienenvölker ohne Hilfe der Imkerinnen und Imker nicht überleben könnten, stimmt Frehner nachdenklich. «Die Biene ist der fragilste Gradmesser der Natur.»

Die rote Linie könnte bereits überschritten worden sein. «Pestizide, Monokulturen und Übernutzung machen der Biene das Leben schwer.» Frehner sieht nicht die industrielle Landwirtschaft als alleinigen Sündenbock, sondern betrachtet es als gesamtgesellschaftliches Thema.

«Honig ist ein sehr emotionales Produkt. Die Konsumenten wissen um die ökologischen Zusammenhänge. Aber wissen wir wirklich, was alles nicht mehr da ist, wenn die Bienen und die meisten Insekten nicht mehr sind?»

Erstellt: 09.10.2019, 17:53 Uhr

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