Endlager

Keine Extrawurst für die Deutschen

Lautstark wehrte sich Deutschland gegen die grenznahen Tore zum Schweizer Endlager. Doch der Bundesrat geht nicht speziell auf den deutschen Protest ein.

In diesem Gebiet bei Marthalen würde voraussichtlich das oberirdische Tor zum unterirdischen Endlager gebaut.

In diesem Gebiet bei Marthalen würde voraussichtlich das oberirdische Tor zum unterirdischen Endlager gebaut. Bild: Markus Brupbacher

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Nach sieben Jahren hat der Bundesrat am Mittwoch in Sachen Endlager wieder einen Entscheid gefällt: Für die Lagerung der radioaktiven Abfälle in einem geologischen Tiefenlager sollen nur noch die Gesteinsschichten im Zürcher Weinland (Zürich Nordost), Zürcher Unterland (Nördlich Lägern) und am Aargauer Bözberg (Jura Ost) weiter untersucht werden.

Damit folgt die Landesregierung den Empfehlungen diverser Bundesbehörden sowie der betroffenen Kantone. Die restlichen drei möglichen Standortregionen wären zwar auch geeignet, weisen aber Nachteile auf und werden deshalb einstweilen zurückgestellt. Sie bleiben aber in der Reserve.

In diesen drei verbleibenden Regionen hat der Bundesrat ausserdem die vorgeschlagenen Standorte für die oberirdischen Tore zum Endlager gutgeheissen – allerdings erst als Zwischenergebnis.

«Prominentes Anliegen»

In diesen atomaren Hochsicherheitsanlagen würden die angelieferten radioaktiven Abfälle aus den Castor-Transportbehältern genommen und in die speziellen, kleineren Endlagerbehälter umgepackt. Sowohl im Zürcher Weinland als auch im Unterland lägen diese Anlagen allerdings sehr nahe am Rhein und damit an der Grenze zu Deutschland. Diese Grenznähe führte vor allem im vergangenen Jahr zu heftigem Protest aus dem Nachbarland. Als Vorbereitung für den Bundesratsentscheid vom Mittwoch fand eine Vernehmlassung statt – 1120 Stellungnahmen stammten aus Deutschland und bloss 431 aus der Schweiz.

Dass die drei Regionen weiter untersucht werden sollen, sei «grossmehrheitlich akzeptiert» worden, sagte Monika Stauffer an der gestrigen Medienkonferenz in Bern. Sie leitet im Bundesamt für Energie (BFE) die Sektion Radioaktive Abfälle. «Kontroverser» seien hingegen die Standorte der grenznahen Tore zum Endlager diskutiert worden. So habe es von deutscher Seite geheissen, die Schweiz wolle diese Anlagen aus politischen Gründen an die Landesgrenze setzen. Der Schutz der Gewässer und des Grundwassers war laut Stauffer ein weiteres «prominentes Anliegen», auf beiden Seiten des Rheins.

«Wir sehen keine Notwendigkeit für irgendwelche speziellen Vorgehensweisen gegenüber Deutschland.»Roman Mayer, Vizedirektor Bundesamt für Energie (BFE)

Da der Bundesrat die Standorte der Tore zum Endlager erst als Zwischenergebnis festgelegt hat, bestünde also noch die Möglichkeit, diese zu ändern. Die Frage, ob der Bundesrat der Meinung sei, dass die Grenznähe dieser Anlagen mit Deutschland separat oder in einer speziellen Form nochmals diskutiert werden solle, beantwortete BFE-Vizedirektor Roman Mayer gestern eindeutig: «Nein.» Deutschland sei, etwa in den Regionalkonferenzen, schon heute gut eingebunden. «Der Austausch findet statt.» Deutschland habe jederzeit die Möglichkeit, seine Argumente einzubringen. Diese würden alle geprüft und wenn möglich ins Verfahren eingebettet. «Von daher sehen wir keine Notwendigkeit für irgendwelche speziellen Vorgehensweisen gegenüber Deutschland», sagte Mayer.

Im Januar 2015 schlug die Nagra zur Überraschung einiger nur noch das Zürcher Weinland und den Aargauer Bözberg zur weiteren Untersuchung vor. Die beiden Regionen seien am besten geeignet sowohl für den Bau eines Endlagers für schwach und mittelradioaktive als auch für hoch radioaktive Abfälle. Die Reduzierung der möglichen Endlagerregionen von sechs auf nur noch zwei stiess damals aber auf breites Unverständnis. Und das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) bemängelte, dass der Ausschluss der Region Nördlich Lägern mit zu wenig Daten begründet und somit verfrüht gewesen sei.

Nach diesen Reaktionen war damit zu rechnen, dass der Bundesrat auch die Region Nördlich Lägern zur weiteren Untersuchung vorschlagen würde. Die Nagra rechnete ebenfalls damit und führte deshalb im Zürcher Unterland auch schon seismische Messungen durch. Sogar die Vorbereitungsarbeiten für die Tiefenbohrung bei Bülach haben bereits begonnen – und zwar vor dem jetzigen Bundesratsentscheid.

2022 wird es spannend

Zürcher Weinland, Nördlich Lägern oder Bözberg im Aargau: Wo die Nagra das Endlager zu bauen gedenkt, das will sie im Jahr 2022 bekannt geben. Bis dorthin werden in allen drei Regionen ab 2019 diverse Tiefenbohrungen durchgeführt. Danach gibt es zwei Szenarien: Entweder wird das Lager für hoch radioaktive sowie jenes für schwach und mittelradioaktive Abfälle in einer Region in einem sogenannten Kombi-Lager gebaut. Oder aber die beiden Lagertypen werden in zwei verschiedenen Regionen errichtet. Über diesen Vorschlag der Nagra wird dann erneut der Bundesrat entscheiden, voraussichtlich im Jahr 2029.

Etwa zwei Jahre später gäbe es eine schweizweite Volksabstimmung, sofern das Referendum gegen den Standortentscheid ergriffen würde. Die betroffenen Kantone könnten kein Veto einlegen. Das Endlager für hoch radioaktive Abfälle soll im Jahr 2060 in Betrieb gehen – Stand der Planung heute. (landbote.ch)

Erstellt: 23.11.2018, 10:04 Uhr

Chronik Standortsuche

Seit bald 50 Jahren auf der Suche nach dem sicheren Standort für ein Endlager

1972
Die Verursacher von Atommüll, darunter die Betreiber der Kernkraftwerke, gründen die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra). Zuvor wurden die schwach und mittelradioaktiven Abfälle – wie damals europaweit üblich – im Nordatlantik versenkt. Die hoch radioaktiven Abfälle wurden ins Ausland zur Wiederaufbereitung gebracht.

1979
Das eidgenössische Gesetz tritt in Kraft, wonach die Nagra den Nachweis einer sicheren Entsorgung radioaktiver Abfälle im Inland erbringen muss. Der sogenannte Entsorgungsnachweis war die Bedingung, um neue Kernkraftwerke zu bewilligen.

1980 bis 1991
Die Nagra untersucht die Geologie der Nordschweiz mit seismischen Messungen und Tiefenbohrungen. Zuerst wird das kristalline Grundgebirge, später werden auch die Sedimentschichten darüber als mögliche Endlagergesteinsschichten untersucht.

1995
In einer Volksabstimmung sagt die Bevölkerung des Kantons Nidwalden Nein zu einer Konzession für ein Endlager am Wellenberg für schwach und mittelradioaktive Abfälle. Im Jahr 2002 scheitert das Wellenberger Endlagervorhaben erneut an der Urne.

1997
Die Nagra führt im Weinland seismische Messungen durch, um die Geologie im Untergrund näher zu untersuchen. Im Fokus ist der Opalinuston in mehreren Hundert Metern Tiefe.

1999
Bei Benken im Weinland bohrt die Nagra in eine Tiefe von über 1000 Metern, um den Opalinuston und die angrenzenden Gesteinsschichten noch genauer zu untersuchen.

2002
Als Resultat der Untersuchungsarbeiten im Weinland reicht die Nagra beim Bundesrat den Entsorgungsnachweis ein. Dabei beantragt sie auch, sich bei den weiteren Unter­suchungen auf das Weinland fokussieren zu können.

2003
Nach dem erneuten Nein am Wellenberg wird das Vetorecht der Kantone gegen Endlagerprojekte aus dem Gesetz gestrichen. Begründung: Ein betroffener Kanton würde ein Lager stets ablehnen, wodurch dieses nie gebaut werden könnte.

2006
Der Bundesrat heisst den Entsorgungsnachweis der Nagra für hoch radioaktive Abfälle zwar gut. Die Fokussierung auf das Weinland lehnt er aber ab. Bereits zwei Jahre zuvor verlangte er, dass neben dem Zürcher Weinland weitere Alternativen aufgezeigt werden sollen.

2008
Das heutige, noch laufende Suchverfahren startet. Die Nagra schlägt daraufhin sechs mögliche Standortregionen vor.

2011
Der Bundesrat heisst den Vorschlag der Nagra gut.

2015
Die Nagra schlägt nur noch das Zürcher Weinland (Zürich Nordost)und den Aargauer Bözberg (Jura Ost) für die weitere Untersuchung vor.

2018, vorgestern
Der Bundesrat will, dass zusätzlich auch Nördlich Lägern weiter untersucht wird. (mab)

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