Rheinau

Richter spricht von «Wildwest» im Weinland

Ein Faustschlag ins Gesicht, Schläge mit einer Rute, eine Verfolgungsjagd sowie ein Pistolenschuss in die Luft: Diese Woche ist am Bezirksgericht in Andelfingen ein Streit zwischen einem Velo- und einem Autofahrer verhandelt worden.

Das Bezirksgericht Andelfingen hatte diese Woche einen aussergewöhnlichen Fall zu behandeln.

Das Bezirksgericht Andelfingen hatte diese Woche einen aussergewöhnlichen Fall zu behandeln.

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«Autolenker fährt Velofahrer an und gibt Schuss auf Helfer ab»: So überschrieb die Kantonspolizei Zürich ihre Medienmitteilung von Anfang Juni 2018. Damals gerieten die zwei Verkehrsteilnehmer in Rheinau aneinander, weil der Autofahrer den Radfahrer zu nahe überholt haben soll.

Als der Velofahrer nach dem verbalen Streit weiterfahren wollte, fuhr der deutsche Autolenker los und kollidierte mit dem Radler, der leicht verletzt zurückblieb.

Ein deutsches Paar hatte die Szene beobachtet und verfolgte den davonfahrenden Autolenker mit seinem Auto. Um seine Verfolger abzuschütteln, gab der 52-jährige Deutsche einen Schuss aus einer Schreckschusspistole in Richtung des Paars ab.

1200 Euro im Monat

Noch am gleichen Tag nahm die Polizei den Mann fest. Danach sass er rund ein halbes Jahr in Untersuchungshaft, vorgestern stand er in Andelfingen vor Gericht. Gefährdung des Lebens, Körperverletzung, Drohung, Fahrerflucht und Vergehen gegen das Waffengesetz: Die Staatsanwaltschaft hatte den Deutschen in mehreren Punkten angeklagt.

Doch eigentlich war es gar keine Anklage, sondern ein «Antrag auf Anordnung einer Massnahme für eine schuldunfähige Person»: Weil der Autofahrer psychisch krank ist, gilt er als nicht schuldfähig. Das hat ein psychiatrisches Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft ergeben. Am Ende des Prozesstages stellte das Andelfinger Bezirksgericht zwar fest, dass der Mann gegen das Waffengesetz verstossen und nach dem Unfall Fahrerflucht begangen hat.

«Als ich das Gutachten gelesen habe, ist mir bewusst geworden, dass ich schwerer krank bin, als ich es mir selber eingestanden habe.»Der Beschuldigte

Doch eben: Weil er als nicht schuldfähig gilt, kann er dafür auch nicht bestraft werden. Von dem Vorwurf der Gefährdung des Lebens und der Körperverletzung sprach ihn das Gericht frei. Eine ambulante psychiatrische Behandlung wird angeordnet. Und weil der seit rund zehn Jahren arbeitsunfähige Mann nur 1200 Euro Einkommen hat, gehen alle Gerichts- und Anwaltskosten auf die Staatskasse.

Die vom Pflichtverteidiger geforderte Entschädigung für die 189 Tage U-Haft erhält der Mann allerdings nicht. Über die Drohungen des Mannes – gegen den Velofahrer mit einer Schlagrute und das Paar im Auto mit der Schreckschusspistole – entschied das Gericht erst gar nicht und stellte das Verfahren dazu ein. Denn «zu unserer Überraschung», sagte der Gerichtspräsident, lägen dazu gar keine Strafanträge vor. Die sich bedroht gefühlten Personen hätten diese Anträge stellen müssen.

Sorgerecht entzogen

Obschon der Mann dank des psychiatrischen Gutachtens als schuldunfähig gilt, befragte ihn das Gericht ausgiebig zur Person, zum Rheinauer Vorfall und zu den ihm vorgeworfenen Straftaten. Der nicht vorbestrafte Deutsche lebt in Grenznähe zur Schweiz und war schon zweimal verheiratet, derzeit läuft die dritte Scheidung.

Er nimmt Medikamente gegen Depressionen und Stimmungsschwankungen. In Deutschland ist er deswegen bereits in Behandlung. Ebenfalls dort steht eine medizinisch-psychiatrische Abklärung an, ob er den Fahrausweis behalten darf. Das Sorgerecht für seinen Sohn ist ihm entzogen worden, der Sorgerechtsfall ist vor einem deutschen Gericht hängig.

Und über das psychiatrische Gutachten sagte er vorgestern vor dem Andelfinger Gericht: «Als ich es gelesen habe, ist mir bewusst geworden, dass ich schwerer krank bin, als ich es mir selber eingestanden habe.» Nach den Terminen zur Erstellung des Gutachtens sei es ihm jeweils besser gegangen. «Ich bin froh, dass es gemacht worden ist, ich weiss jetzt mehr über mich.» Noch nie habe sich jemand so viel Zeit genommen, «das zu analysieren, aufzuarbeiten.»

«Eigenartiger Vorfall»

Die Ereignisse in Rheinau schilderte der Mann so: Zuerst habe er gehupt, weil der Velofahrer vor ihm mitten auf der Strasse freihändig gefahren sei. Dann habe er ihn mit maximal Tempo 30 überholt, doch der Radfahrer habe ihm den «Stinkefinger» gezeigt, «er war sehr aggressiv». Als er von ihm beschimpft worden sei, habe er ihm die mitgeführte Schlagrute «gezeigt», aber ihn nicht damit geschlagen. Danach sei er weitergefahren, «nicht davongerast». Dabei habe er das Velo touchiert, nicht aber den Fahrer auf die Kühlerhaube geladen. Dieser sei über sein Rad gestolpert.

Doch warum schoss der Mann später mit einer Schreckschusspistole aus dem fahrenden Auto, als das Paar ihm folgte? Und wieso hatte er diese Waffen bei sich im Auto, in dem auch noch sein Sohn sass? Ein Kokaindealer, erzählte der Mann, habe ihm am Morgen mit der Faust ins Gesicht geschlagen und gedroht, ihm «die Jugos hinterherzuschicken».

Das habe ihn so verängstigt, dass er sich bewaffnet habe. Beim Streit mit dem Dealer sei es nicht um Drogen gegangen, sagte der Mann. Ihm sei unterstellt worden, ein falsches Gerücht über jemanden verbreitet zu haben. Der Schreckschuss aus dem Auto sei «wegen Putativnotwehr» gerechtfertigt gewesen, sagte sein Verteidiger: Wegen des Faustschlags vom Vormittag habe sein Mandant irrigerweise geglaubt, dass die «Mörderbande» ihn verfolge.

Seine Version vom Rheinauer Vorfall wich in mehreren Punkten von jener der Staatsanwaltschaft ab und wirkte teils ziemlich abenteuerlich. Auch der Andelfinger Gerichtspräsident sprach von einem etwas «fragwürdigen Bezug zur Realität», von einem «eigenartigen Vorfall», von einer «Wildwest-Art» und von einem «Wildwest-Schuss in den Himmel». Es wirke bisweilen, als habe er zu viele Krimis am Fernsehen geschaut, meinte der Richter.

(Der Landbote)

Erstellt: 25.04.2019, 18:56 Uhr

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