Sitzbänke

Verein will Bankgeheimnisse lüften

Sie laden ein zum Rasten, Ruhen, Reden, Schlafen, Streiten, Schauen und Geniessen: Sitzbänke. Mit der Bänkli-Challenge 2018 will der Verein für Bankkultur möglichst viele davon in einer Karte erfassen – auch in der Region Winterthur.

Rund 50 Sitzbänke hat Freddy Kühne für die Bänkli-Challenge erfasst. Da er in Andelfingen arbeitet und während der Pausen oft spazieren geht, sind dort schon fast 30 Bänke kartiert.

Rund 50 Sitzbänke hat Freddy Kühne für die Bänkli-Challenge erfasst. Da er in Andelfingen arbeitet und während der Pausen oft spazieren geht, sind dort schon fast 30 Bänke kartiert. Bild: Madeleine Schoder

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Es sei eine Sucht, sagt Freddy Kühne. Die Jagd nach der Sitzbank. Der Softwareingenieur kommt aus Frauenfeld und arbeitet in Andelfingen. Deshalb sind auf der interaktiven Bänkli-Karte www.bankgeheimnisse.ch allein für Andelfingen schon 28 Sitzbänke erfasst: mitten im Dorf, mit Aussicht am Isenberg, oder direkt an der Thur.

Die Karte ist Teil der Bänkli-Challenge 2018, ein Mitmachprojekt des Vereins Bankkultur. In der ganzen Schweiz können sich Leute registrieren und ihre «Bankgeheimnisse» mit anderen teilen.

Ziel des Projekts ist es, so viele Sitzbänke wie möglich in der Karte zu erfassen, damit jeder einen für sich passenden Rastplatz finden kann. Zudem soll laut Initiantin Renate Albrecher das Bewusstsein für das Schweizer Kulturgut Bank gefördert werden (siehe Interview).

Und Bänklein bewegen die Gemüter, zum Beispiel wenn sie fehlen: In Elsau vermisste die Einwohnerin Erna Frisch auf ihren Spaziergängen einen Platz zum Ausruhen. Kurzerhand spendete sie der Gemeinde diesen Sommer eine farbenfrohe Bank, gestaltet vom Winterthurer Künstler Erwin Schatzmann, die nun in der Nähe des Waldfriedhofs steht. Dieses Bankgeheimnis wurde bei der Challenge schon verraten.

Auch das neue Schatzmann-Bänkli in Elsau (unten rechts) hat es schon in die Karte geschafft. Bild: mas

Auch im Tösstal sind bereits einige Aussichtsbänke kartiert, zum Beispiel solche in Zell mit Blick auf die Töss oder den Tobelbach. Und in Wildberg ist unter anderem ein lauschiges Plätzchen mit Grillstelle vermerkt. Für die Stadt Winterthur wurden noch gar keine Bänkli erfasst.

Noch kein Foto vom «Bankgeheimnis»

Freddy Kühne hat vor rund zwei Wochen im Radio von der Bänkli-Challenge gehört. «Ich fand das eine tolle Idee», sagt der 41-Jährige. Da er gerne spazieren und wandern gehe, nehme er oft Platz auf einer Sitzbank irgendwo in der Schweiz. «Bisher habe ich sie einfach genutzt und nie darüber nachgedacht», sagt er.

«Wenn sich die Leute der Bänke mehr bewusst sind, dann sind sie vielleicht eher bereit, dafür Geld auszugeben.»Freddy Kühne,
Bänkli-Jäger

Seit er aber die Bänkli-Karte fülle, fielen sie ihm überall auf. «Und wenn sich die Leute der Bänke mehr bewusst sind, dann sind sie vielleicht auch eher bereit, für deren Installation und Unterhalt Geld auszugeben.»

Mitmachen kann bei der Bänkli-Challenge jede und jeder. Registrieren, Foto vom Bänkli hochladen, weiter Infos wie Lage, Aussicht, Infrastruktur und Zugänglichkeit anhand von Symbolen auswählen und fertig. Die Bank ist dann in der Karte erfasst und jeder kann weitere Fotos oder sein Erlebnis mit der Bank dazustellen.

Insgesamt hat Kühne schon 40 bis 50 Bänkli online gestellt. «Und es werden sicher noch mehr dazukommen.» Sein persönliches Bankgeheimnis hat jedoch noch keinen Eingang in die Karte gefunden: «Es befindet sich auf einer Wanderung, die ich schon länger nicht mehr gemacht habe.» Darum habe er noch kein Foto davon. Doch Kühne ist sich sicher. Irgendwann wird er auch sein Geheimnis kartieren.

Bänkli-Challenge

Der Verein für Bankkultur unterstützt wissenschaftliche und künstlerische Arbeiten, die sich mit der «aktuellen, der historischen, der soziologischen und der kulturellen Bedeutung von öffentlichen Sitzgelegenheiten» auseinandersetzen, wie es auf der Webseite www.bankkultur.ch heisst .

Der Verein ist Mitglied des Trägervereins für das Kulturerbejahr 2018, in dessen Rahmen das kulturelle Erbe der Schweiz mit verschiedenen Veranstaltungen und Projekten gefeiert wird. Die Bänkli-Challenge 2018 ist ein Projekt davon. Es hat zum Ziel, möglichst viele Bänke in der Schweiz zu kartieren. Unterstützt wird das Projekt unter anderem von Swisslos der Kantone Uri und Schwyz sowie von der Kulturförderung des Kantons St. Gallen.

Unter www.bankgeheimnisse.ch kann jeder, der möchte, seine Lieblingsbänkli mit Bild und Zusatzinfos auf einer Landkarte erfassen. So entsteht ein virtuelles Bänkli-Buch, in das weitere Einträge möglich sind. Wer bis Ende des Jahres die meisten Bänkli hinzugefügt hat, erhält einen der Hauptpreise. Weitere Preise werden unter allen Teilnehmenden verlost. Die Bänkli-Challenge ist zudem auf Facebook und Instagram vertreten.

(Der Landbote)

Erstellt: 10.08.2018, 13:14 Uhr

«Bänke bieten Platz für Emotionen»

Seit zwei Jahren arbeitet die Soziologin Renate Albrecher praktisch ausschliesslich für ihr Bänkli-Projekt.

Frau Albrecher, hier in Winterthur hat die Stadt als Sparmassnahme im letzten Jahr 40 Sitzbänke demontiert. Das hat bei der Bevölkerung viel Empörung ausgelöst.
Renate Albrecher: Oh ja, ich habe von der Geschichte gehört, obwohl ich in der Westschweiz lebe. Aber das ist ein typisches Beispiel. Bänklein sind einfach da und keiner spricht darüber. Man braucht sie einfach. Aber wenn sich etwas verändert, dann setzt das Emotionen frei.

Ihr Ziel ist es, alle Sitzbänke der Schweiz in einer Karte festzuhalten. Warum sind Ihnen die Bänklein so wichtig, dass Sie zwei Jahre unbezahlte Arbeit in das Projekt stecken?
Als gebürtige Österreicherin fiel mir auf, dass die Aussichtsbänke in der Schweiz ein grosses Thema sind. Es gibt sie überall, an den schönsten Orten. Jeder braucht sie und nutzt sie, egal ob alt oder jung, reich oder arm, gesund oder krank. Doch weiss man sehr wenig über die Bänkli – weder wo sie stehen, noch seit wann und warum es sie gibt. Ich wollte auf dieses Kulturgut aufmerksam machen, ihm eine Plattform geben und zu entsprechender Forschung anregen.

Was ist Ihr persönliches Bankgeheimnis?
Es gibt zwei Sorten von Geheimnissen, das örtliche und das emotionale. Mein örtliches Bankgeheimnis habe ich kürzlich oben auf einem Hügel entdeckt. Ganz versteckt steht da ein Bänklein, von dem aus man eine wunderbare Aussicht auf den Genfersee hat. Das Entdecken dieser Bank hat mir grosse Freude bereitet.

Und emotional?
Ich bin an einem sehr abgelegenen Ort aufgewachsen. Wir hatten kaum Nachbarn und der Weg ins Dorf war weit. Aber es gab an der Strasse eine Sitzbank, auf der ab und an Spaziergänger oder Feldarbeiter rasteten. Als Kind setzte ich mich jeweils auf diese Bank und hoffte, dass jemand kommt und mit mir ein paar Worte wechselt. Als Erwachsene habe ich in verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet. Wenn man alleine in einem fremden Land ankommt, ist es schön, auf einer Bank zu sitzen und mit jemandem zu plaudern, der zufällig auch dort sitzt. Es ist so schön zu sehen, dass ich diese Erfahrung der «Bänkli-Momente» mit so vielen anderen Menschen teile. Ich bekomme so viele positive Rückmeldungen auf das Projekt.

Überrascht Sie das?
Ja, positiv. Denn die Sponsorensuche war und ist hart. Ich sagte immer, dass ich ein Start-Up habe, aber eines, das nicht auf den finanziellen Gewinn fokussiert, sondern auf die Maximierung der möglichen Glücksmomente. Denn solche bieten die Aussichtsbänklein des Landes. Sie verbinden Mensch und Natur, aber auch Menschen untereinander. Anfangs wurde ich für diese Idee oft belächelt.

Aber Sie liessen sich nicht davon abbringen.
Nein. Ich dachte mir: Ich bin ein Durchschnittsmensch. Und wenn mir die Idee gefällt, dann wird sie anderen wohl auch gefallen. Ich bin ausgebildete Soziologin und beobachte Menschen. Die Bänke bedeuten ihnen etwas. Ihren Gefühlen und Erlebnissen bieten wir eine Plattform auf verschiedenen Kanälen. Mittlerweile gibt es hunderte, wenn nicht tausende Menschen, die so wie ich «bankophil» sind: Man sieht plötzlich überall Bänkli, Bänkli, Bänkli.

Für die Bänkli-Challenge fordern Sie die Leute auf, Ihre Lieblingssitzbank zu kartieren und damit zu verraten. Was ist, wenn jemand den Platz lieber weiterhin für sich hat?
Diese Skepsis ist mir schon begegnet. Aber weniger von einzelnen Personen als von Gemeinden. Zu Beginn meines Projekts war ich mit verschiedenen Gemeindeverantwortlichen im Gespräch. Und einige meinten, dass ihre Einwohner schon wüssten, wo die Bänklein stünden und Leute von ausserhalb wolle man gar nicht haben. Es gibt Ängste, die man ernst nehmen muss. Vor nicht-lokalen Menschen, vor Müll oder Vandalismus. Wir versuchen aber, mit unserem Projekt die Verbundenheit zu den Orten zu fördern und hoffen so, dass man den Bänklein auch Sorge trägt. Wir möchten, dass alle gewinnen. Unsere User können einen schönen Rastplatz finden und so eine Gegend erkunden. Das fördert den sanften, nachhaltigen Tourismus und somit vielleicht auch die Einnahmen der lokalen Wirtschaft.

Die Bänkli-Challenge findet im Rahmen des Kulturerbejahrs 2018 statt. Was passiert danach mit dem Projekt?
Es soll auf jeden Fall weitergehen. Die interaktive Bänkli-Landkarte soll es allen ermöglichen, überall die schönsten Plätze finden zu können. Ein weiteres Ziel ist es, die Schweizer Bänklikultur als immaterielles Kulturerbe eintragen zu lassen. Den Beweis, dass die Bevölkerung hinter der Bankkultur steht, erbringen wir mit der Bänkli-Challenge. Aber das Projekt nagt an meinen Ersparnissen, ich kann neben meinem unbezahlten Engagement für die Bankkultur nur 30 Prozent arbeiten. Ich sage immer, wenn ich einmal selbst auf einer Bank schlafen muss, höre ich auf (lacht). Wir haben viele Ideen und hoffen sehr, dass wir finanzielle Unterstützung finden, um das Projekt und die interaktive Karte professionell weiterführen zu können. Es wäre schade, wenn wir das alles aufgeben müssten.

Renate Albrecher ist studierte Soziologin und kommt ursprünglich aus Österreich.

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