Leitartikel

Wilde Natur, aber bitte schön brav

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Es ist eine kleine Geschichte, doch sie hat Symbolcharakter: Im Stammertal hat der Kanton im Frühling 2015 eine Betonröhre in eine Uferböschung eingebaut. Nicht etwa als Wasserleitung, sondern als erster künstlicher Biberbau im Kanton Zürich.

Ziel der Aktion: Der Biber soll sich weiter wohlfühlen und so richtig ausleben können, aber bitte im geplanten Rahmen und ohne den Uferweg zu beschädigen.

Das Thurauen-Projekt ist ein paar Tausend Schuhnummern grösser als diese Biberröhre. Diese Woche wird der Abschluss der Bauarbeiten der Renaturierungsarbeiten gefeiert, heute findet das offizielle Einweihungsfest statt. 54 Millionen Franken waren für das Projekt ursprünglich geplant, 40 Millionen hat man nun tatsächlich verbaut.

Der Fluss wird nicht ganz entfesselt, man nimmt ihn bloss an eine längere Leine.

Die Verantwortlichen sprechen von einem einmaligen Vorhaben. Zu Recht. Es wurde der Rahmen für die grösste Auenlandschaft des Schweizer Mittellandes geschaffen. Und die ersten Erfolge stellen sich bereits ein, seltene Tierarten sind vermehrt in den Thurauen anzutreffen. Offenbar hat sich unter den Eisvögeln und ihren Kollegen schon herumgesprochen, dass hier für sie etwas getan worden ist.

Doch zur feierlichen Eröffnung gehören auch ein paar kritische Gedanken. Und damit kommen wir zum eingangs erwähnten Beispiel der Betonröhre für den Biber zurück. Die Parallele zum Thurauen-Projekt: Auch hier wurde ein künstlicher Rahmen für die Natur geschaffen.

Das zeigt auch die Wortwahl des Kantons. Er spricht von einem Abschluss der «Bauarbeiten». Wenn man in den letzten Jahren die Flusslandschaft besuchte, wähnte man sich tatsächlich manchmal eher auf einer Autobahnbaustelle als in einem Naturschutzgebiet. Riesige Bagger waren am Werk, gigantische Mengen von Kies wurden verschoben.

Das Projekt ist heute nicht abgeschlossen. Die Entwicklung läuft weiter, man wird immer wieder neue Lösungen finden müssen.

Mit viel Aufwand wünschen wir uns in der modernen zivilisierten Welt mehr Natur zurück. Für die grosse Wildnis fehlt jedoch längst der Platz. Strassen und fruchtbares Ackerland schränken die Entfaltung ein, auch in den Thurauen. So wird der Fluss nicht ganz entfesselt, man nimmt ihn bloss an eine längere Leine.

Deutlich zeigt sich dieser Zwiespalt am Beispiel des untersten Thurabschnitts. Wo der Fluss früher schnurgerade vom Eggrank in Richtung Thurspitz und Rhein floss, hat er nun mehr Freiheiten erhalten. Er soll mäandrieren, in schönen Kurven eine Auenlandschaft entstehen lassen. Mittendrin steht jedoch die Ellikerbrücke im Weg, über welche die Strasse von Flaach nach Ellikon führt, eine Verbindung, die man nicht missen möchte. Also muss sich die Thur hier wieder an der geplanten Stelle einfädeln.

Starke Verbauungen schützen die Brücke gegen die Kraft der Hochwasser. Dass die Strassenverbindung unterspült wird, soll auf jeden Fall verhindert werden. Statt einer langen freien Strecke hat der Fluss so nur zwei Teilstücke, wo er sich austoben kann.

Es ist nur einer von vielen Kompromissen des Thurauen-Projekts. Auch zwischen den unterschiedlichen Ansprüchen von Badetouristen und Naturschützern musste eine Verhandlungslösung gefunden werden. So wurde am Eggrank eine Kiesbank vergrössert, um mehr Platz für Erholungs­suchende zu schaffen. An schönen Sommertagen geht es dort zu und her wie in einem Schwimmbad. Einige Dutzend Meter flussabwärts beginnt das Schutzgebiet, in dem die Uferzonen gesperrt und ganz den Vögeln vorbehalten sind.

Thurauen ist typisch Schweizerisch: eine gute, grosse Idee, dann viele Kompromisse und ein angepasstes Endprodukt.

Während sich diese Aufteilung in diesem Sommer schon bewährt hat, sind andere Konflikte noch nicht ausdiskutiert. Die Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr und die Parkplatzfrage sind nach wie vor nicht befriedigend geregelt. Auch die Diskussion um die Mückenplage in Ellikon wird im nächsten Frühling sicher wieder losgehen. Naturschutz, Erholung, Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Jagd, ja sogar noch die Elektrizitätswirtschaft. All diese Interessen speilen in den Thurauen eine Rolle. Darum kann man sicher sein: Das Thurauen-Projekt ist heute nicht abgeschlossen. Die Entwicklung läuft weiter, man wird immer wieder neue Lösungen finden müssen.

All diese Kritikpunkte sollen das Erreichte nicht schlecht machen. Bei einem so grossen Projekt gibt es immer Dinge, die man noch verbessern könnte, vor allem in einem solchen Spannungsfeld. Es ist auch ein typisch Schweizerisches Projekt: eine gute, grosse Idee, dann viele Kompromisse und ein angepasstes Endprodukt. Das Thuruauen-Projekt zeigt, was im Moment in Sachen Naturschutz in der Schweiz möglich ist.

Übrigens: Die am Anfang erwähnte Betonröhre im Stammertal hat der Biber nur zwischenzeitlich bewohnt. Laut Biberfachstelle grub er sich danach in der Umgebung wieder eigene Wohnungen. Das ist vielleicht ein Omen für die Thurauen: Am Schluss ist die Wildnis dann doch eigenwilliger, als es sich mit der besten Planung voraussagen lässt.

Erstellt: 22.09.2017, 13:09 Uhr

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Jakob Bächtold ist stv. Chefredaktor des Landboten.

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