Rheinau

Zuerst das Geld, dann die Forschung

Für das Rheinauer Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen haben sich genug Leute angemeldet. Wie der Versuch wissenschaftlich begleitet werden soll, ist allerdings noch weitgehend offen – und von den Finanzen abhängig.

Volles Haus und TV-Kameras an der Informationsveranstaltung Ende August in Rheinau.

Volles Haus und TV-Kameras an der Informationsveranstaltung Ende August in Rheinau. Bild: Enzo Lopardo

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«Yay, es geht los! Danke, Rhein­au!» – «Die Freude im Team ist nicht in Worte zu fassen!!! Und ich bin einfach nur . . . sprachlos.»

Die Sprache auf der Webseite «Dorf testet Zukunft» ist aufgekratzt, ja euphorisch. In Rheinau haben sich über 800 und damit genügend Einwohner angemeldet, um das bedingungslose Grundeinkommen in der Weinländer Gemeinde während eines Jahres zu testen.

Auch eine Forscherin aus dem vierköpfigen Wissenschaftsteam schwärmt: «Diese Intensität hat Forschen nur, wenn das Thema wirklich meins ist. Wie jetzt, mit Rheinau. Ich fühle es bis ins Blut: Es ist ein Moment, in dem Geschichte entsteht. Ein Vorbote, ein vorauseilender Schatten wichtiger Entwicklungen. Etwas, worauf man in Geschichtsbüchern zurück­blicken wird.»

«Neue Zukunft testen»

Filmisch begleitet und dokumentiert wird das Rheinauer Experiment durch die Initiantin und Filmemacherin Rebecca Panian. Zusätzlich soll der Versuch mit dem Grundeinkommen wissenschaftlich begleitet werden.

«Das konkrete Forschungsdesign ist noch nicht spruchreif.»Jens Martignoni,
wissenschaftliche Begleitgruppe

Wie funktioniert diese Begleitung? Ausser den Namen und den Gesichtern des erwähnten Wissenschaftsteams findet man dazu auf der Webseite praktisch nichts.

Und trotzdem werden Fragen formuliert, die nach einer wissenschaftlichen Bearbeitung ­rufen – und hohe Ziele gesteckt: «Wir wollen eine mögliche neue Zukunft testen, und zwar so realistisch wie möglich.»

Der Hauptfokus lautet: «Wir wollen testen, wie sich das Grundeinkommen auf eine bestehende Gemeinschaft auswirkt. Was passiert mit den Menschen? In der Gemeinde?» Und schliesslich: «Wir wollen Daten und Informationenfür den internationalen Diskurs ­generieren.»

Viele Methoden anwenden

Hinter solchen indirekten oder direkten Fragen stecken Vermutungen über Wirkungszusammenhänge – in der Wissenschaft Hypothesen genannt. Zum Beispiel: Wenn Menschen ein Grundeinkommen beziehen, übernehmen sie mehr Freiwilligenarbeit in der Gemeinde. Wie aber wird das konkret getestet, wie der vermutete Zusammenhang in der Realität geprüft?

Der «Landbote» fragte nach einem Forschungskonzept, in dem das methodische Vorgehen fest­gehalten wird. Das konkrete Forschungsdesign sei «noch nicht spruchreif», sagt Jens Martignoni von der wissenschaftlichen Begleitgruppe zum Grundeinkommensversuch. Denn ein solches Design sei «stark von den ver­fügbaren Mitteln abhängig».

Will heissen: Zuerst soll Geld für das Grundeinkommenexperiment gesammelt werden, um dann zu sehen, wie viel davon noch für die Forschung übrig bleibt. Je mehr Finanzen also zur Verfügung ­stehen, desto umfassender soll demnach die wissenschaftliche Begleitung ausfallen.

Teilnehmende Beobachtung, Interviews, Forschungstage­bücher, Auswertung von Diskussionen an den Gemeindeversammlungen sowie Diskursanalysen von Medienberichterstattung und Social-Media-Dis­kus­sio­nen: Martignoni zählt eine ganze Reihe von Methoden auf, mit denen das interdisziplinäre Team arbeite. Welche Fragen dabei leitend sind, was wie beobachtet, gefragt, ausgewertet und analysiert wird, bleibt hingegen offen.

«Wie der Verwendungszweck des bedingungslosen Grundeinkommens erhoben wird, ist im Moment noch unklar.»Jens Martignoni

Entsprechend unbeantwortet bleibt auch die Frage, welche Daten denn für den internationalen Grundeinkommensdiskurs durch Beobachtung und Aus­wertung erhoben werden sollen. Martignoni sagt einzig, dass die Daten mit den erwähnten Methoden erhoben würden. Die Ergebnisse der Datenauswertung sollen dann öffentlich zugänglich sein «und soweit sinnvoll und ­finanzierbar auch in Englisch in internationalen Publikationsorganen publiziert» werden. Ziele eines bedingungslosen Grundeinkommens sind etwa ein menschenwürdiges Leben, die Teilnahme am öffentlichen Leben und dass niemand mehr in Existenzangst leben muss.

Dinge also, die sich durch ein solches Einkommen idealerweise verändern. Wie aber werden diese vermuteten Veränderungen wissenschaftlich erfasst, woran werden sie festgemacht? Das seien übergeordnete Ziele des Konzepts eines bedingungslosen Grundeinkommens an sich, antwortet Martignoni, «die sich nicht unbedingt mit den Zielen des konkreten Projekts decken können oder müssen».

Dieses könne jedoch Hinweise darauf liefern, ob das Grundeinkommen das Potenzial habe, «das Leben der Beteiligten in irgendeiner Form zu ver­ändern». Als Hinweise zum ­Beispiel für einen wachsenden Zusammenhalt im Dorf nennt Martignoni etwa häufigere Treffen von Dorfbewohnern oder den Austausch zwischen Menschen, «die sich vor dem Projekt nicht unbedingt getroffen hatten».

Forschungsfragen noch offen

Was einfach klingt, ist in der Datenerhebung anspruchsvoll. Für den Hinweis «häufigere ­Treffen von Dorfbewohnern» beispielsweise hätte schon vor Beginn des Projekts die übliche Zahl an Treffen in Rheinau erhoben werden müssen.

Denn nur so kann geprüft werden, ob es nach Projektbeginn tatsächlich zu häufigeren Treffen kam. Doch damit ist es noch nicht getan. Denn eine grössere Zahl an Treffen könnte auch andere Ursachen haben als das Experiment zum Grundeinkommen.

Laut Martignoni werden «voraussichtlich» zwei Onlinebe­fragungen durchgeführt. Und bei der Anmeldung der Teilnehmer zum Projekt würden demografische Daten sowie das Einkommen erhoben.

Die Frage, welche am meisten interessiert, lautet: Wozu verwenden die Teilnehmer des Experiments das Grundeinkommen? Wie der Verwendungszweck erhoben wird, «ist im Moment noch unklar», sagt Marti­gnoni. Denn dies hänge stark von den Forschungsfragen ab, «die noch nicht endgültig festgelegt sind».

(Der Landbote)

Erstellt: 05.10.2018, 10:54 Uhr

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Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen ist gemeint, dass der Empfänger keine Rechen­schaft darüber ablegen muss, was er mit dem Geld macht – er erhält es ohne Be­dingungen und Gegenleistung.

Der Rheinauer Versuch mit einem solchen Einkommen startet 2019, wobei von den gut 800 Angemeldeten die erwachsenen Personen 2500 Franken pro Monat erhalten, Kinder und junge Erwachsene etwas weniger. Rheinau hat rund 1300 Einwohner. Wer mehr verdient oder höhere Sozialleistungen wie etwa AHV bezieht, muss das gesamte Grundeinkommen zurückzahlen.

Wer weniger verdient, zum Beispiel monatlich 1000 Franken, muss diesen Betrag zurückerstatten. Die Projektverantwortung liegt bei einem Verein um die Initiantin und Filmemacherin Rebecca Panian. Dieser Verein arbeitet mit einem Team von Wissenschaftern zusammen. Bis gestern mussten die Teilnehmer am Experiment ein Vertragsformular ausfüllen und einreichen. Darin waren persönliche An­gaben zu machen, so etwa zum Lohn.

Danach startet das Projektteam das Geldsammeln via Crowdfunding. Der Betrag von rund fünf Millionen Franken soll also nicht durch Steuergelder, sondern durch Einzelspenden aus der ganzen Schweiz ­zusammenkommen.

Ende November soll bekannt sein, ob das benötigte Geld vorliegt. Wenn dies gelingt, startet der Rheinauer Versuch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen im Januar 2019.

Das zusätzlich erhaltene Geld durch das bedingungslose Grundeinkommen müssen die Teilnehmer ver­steuern, als zusätzliche Einkünfte in der Steuererklärung.

Jens Martignoni von der wissenschaftlichen Begleitgruppe zum Grundeinkommen.

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