Dachsen

Zur Sechstklässlerin in den iPad-Kurs

Sechstklässler haben in Dachsen für ein Schulprojekt einen iPad-Kurs für Senioren organisiert. Ein Augenschein vor Ort zeigt: Die Kinder sind geduldige und souveräne Lehrer – und können selber etwas lernen.

Wo ist schon wieder die SBB-App? Silvia Müller sucht konzentriert, Sechstklässlerin Hannah hilft geduldig. Der iPad-Kurs ist ein Schulprojekt der Begabtenförderung.

Wo ist schon wieder die SBB-App? Silvia Müller sucht konzentriert, Sechstklässlerin Hannah hilft geduldig. Der iPad-Kurs ist ein Schulprojekt der Begabtenförderung. Bild: Marc Dahinden

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Es läutet und vibriert vom Tisch ganz vorne beim Fenster her. «Das ist jetzt eben der Wecker», erklärt Hannah geduldig, während Silvia Müller angestrengt aufs Display schaut und versucht, den Lärm so schnell wie möglich zu beenden. Beide lachen, als es endlich gelingt. Gleich werden sie aber wieder ernst, Hannah stellt eine nächste Aufgabe. Hannah ist 12 Jahre alt und eine von drei Sechstklässlern der Primarschule Dachsen in der Begabtenförderung. Diesen Frühling arbeiteten sie dort an einem besonderen Projekt, das jetzt vor den Sommerferien zum Abschluss kommt: Sie organisierten zwei iPad-Kurse von je drei Lektionen für Seniorinnen wie Silvia Müller, 67, und Monika Brütsch, ebenfalls 67. Beide sind iPad-Anfängerinnen.

Bewährtes Projekt

Die Schüler zeigen den beiden Frauen ganz Grundsätzliches: «Mit diesem Knopf schalten Sie das Gerät ein», etwa. Sie erklären, dass man gewisse Apps nur mit W-Lan nutzen kann und sie erläutern mithilfe einer Zeichnung, was W-Lan ist. Sie bringen den Frauen bei, wie sie die Zugverbindung von Dachsen nach Winterthur nachschlagen können und wo sie in der Wetterapp den Regenradar abrufen können. Das alles in Einzelunterricht und in einem expliziten Hände-weg-Ansatz. Die Schüler erklären mit Worten oder Arbeitsblättern, die Senioren probieren am Gerät alles selber aus.

Lehrerin Sabin Tschopp führt das iPad-Projekt bereits zum zweiten Mal mit ihren Schülern in der Begabtenförderung durch. Konzipiert hat sie es nicht selber, sondern stützt sich auf das Projekt «Compi Sternli», das 2006 entwickelt worden ist und das seither schweizweit in Schulen und Projektwochen durchgeführt wird. «Es sind also bewährte Unterlagen, die wir bei der Vorbereitung nutzen können», sagt Tschopp.

Seit Februar hat sie mit den Schülern den Kurs vorbereitet. Während Severin das iPad schon spielend beherrschte, musste etwa Alessia selber erst lernen, mit dem Gerät umzugehen. Aber auch anderes musste vorbereitet werden: «Wie schaffe ich es, geduldig zu bleiben, wenn jemand etwas einfach nicht versteht?», fragten sich die Schüler etwa und «Was mache ich, wenn ich selber etwas nicht weiss?» Die Schüler übten solche für sie nicht alltäglichen Situationen mit Rollenspielen. Und natürlich musste auch Logistisches geklärt werden: Wie richten sie das Zimmer ein, wer lädt die iPads, und vielleicht das Wichtigste: Wo finden sie lernwillige Senioren?

Die Schüler haben ein Plakat kreiert und dieses im Dorf aufgehängt, auch haben sie den Kurs mit einem Inserat im Dorfblatt beworben. «Dieses Mal hatten wir etwas Mühe, Teilnehmer zu finden», sagt Tschopp. Viele hätten entweder keine Zeit, kein Interesse am iPad oder bereits gute Grundkenntnisse. Dass das Konzept von «Compi Sternli» grundsätzlich ein Gutes ist, davon ist sie überzeugt: «Es gibt für Senioren viele Kursangebote. Die Hemmschwelle ist bei solchen Angeboten aber sehr viel höher. Viel ältere Menschen haben Angst, dass das Tempo zu hoch ist und sie sich blamieren», sagt sie und: «Bei uns haben sie diese Angst nicht, weil es pro Senior einen Schüler hat und weil sie vor einem Kind weniger Hemmungen haben, Nichtwissen zuzugeben.»

«Es macht Spass, selber einmal Lehrer sein zu dürfen.»Severin, Sechstklässler

Die beiden Seniorinnen, die sich für den Donnerstagmorgen angemeldet haben, sind auf jeden Fall pflegeleichte Schülerinnen. Man hört von den Pulten viel Lachen, aber auch konzentrierte Gespräche. «Es macht Spass, selber einmal Lehrer sein zu dürfen», erzählt Severin. Auch wenn die neue Rolle nicht immer einfach sei: «Es ist schon etwas komisch, dass etwas, was ich bubileicht finde, für jemand anderes so schwierig ist.»

Apps und Suchmaschinen

Dass auch die Sechstklässler profitieren, weiss Seniorin Silvia Müller. «Am Schluss des ersten Kurstags haben wir uns zu zweit überlegt, worauf wir jetzt stolz sind», erzählt sie. «Hannah hat mir erzählt, dass sie stolz darauf ist, wie sie ganz locker mit einem fremden Menschen hat sprechen können.» Auch Monika Brütsch hat Freude am Kurs und erfährt Neues. Dass sie sich von Kindern etwas erklären lassen muss, findet sie nicht schlimm. «Die Kinder dürfen ruhig auch mal jene sein, die es besser wissen. Das tut ihnen gut.»

Hannah und Silvia Müller sind inzwischen nicht mehr auf der Wecker-App, sondern in eine Internetrecherche vertieft. Auf der Karte haben sie in Dachsen ein Kino eingetragen gesehen, von dem beide noch nie gehört haben. Via Suchmaschine, Telefonbuch und Satellitenansicht auf der Karte versuchen die beiden herauszufinden, was es damit auf sich hat. Fündig werden sie allerdings in den verbleibenden zehn Kursminuten nicht mehr. Dafür beenden sie die Lektion mit einem hitzigen Spiel 4-gewinnt – natürlich der digitalen Variante auf dem iPad. (Landbote)

Erstellt: 10.07.2018, 17:48 Uhr

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