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Als man noch im Wohnzimmer tagte

Der Glockenturm eines Bauernhauses in Wilen ist Zeuge eines kuriosen Skandals. Er machte das Dorf und seinen renitenten «Türmer» um 1900 schweizweit bekannt.

Der Besitzer des Glögglihauses in Wilen war bis 2013 verpflichtet, der Gemeinde seine Stube für Versammlungen zu überlassen.
Der Besitzer des Glögglihauses in Wilen war bis 2013 verpflichtet, der Gemeinde seine Stube für Versammlungen zu überlassen.
Marc Dahinden

Fast unscheinbar steht das Glögg­lihaus an der Strassenkreuzung der Dorfstrasse Wilen. Von aussen erinnert nichts daran, dass das Gebäude vor gut hundert Jahren die Aufmerksamkeit, ja sogar das hämische Gelächter der Schweiz auf sich zog. Dazu hat der Zürcher Historiker Markus Brühlmeier (Bild rechts) geforscht und erzählt die Geschichte in der Stammer Chronik.

Es beginnt damit, dass Wilen – durch das die Kantonsgrenze zum Thurgau verläuft – einst eine eigene Zivilgemeinde war. Zürich fasste diese zu Politischen Gemeinden zusammen. Im Stammertal muss die Resistenz besonders gross gewesen sein, denn aus nur fünf Dörfern wurden ganze drei Politische Gemeinden gemacht. Wilen und Oberstammheim mussten 1878 zusammenrücken.

Zunächst setzte sich die neue Oberstammer-Wilener Gemeindeversammlung über die Auflagen hinweg, indem sie die Aufgaben an die Zivilgemeinden zurück übertrug. Als es mit dem Thurgau Streit gab, weil die Zürcher Wilener zwei Personen gratis das Bürgerrecht verliehen haben sollten, kam es zur Kündigung des Staatsvertrags zwischen den beiden Kantonen.

«Das Gehalt des Messmers, der die Glocke läutete, teilten sich der Zürcher und der Thurgauer Dorfteil hälftig»

So wurde die Zivilgemeinde aufgehoben und das Vermögen «nach der Zahl der Seelen» von 1880 aufgeteilt, berichtet Brühlmeier. «Wilen hatte aus heutiger Sicht einen eher bescheidenen Gemeindebesitz: eine Waage, ein Sandgatter, ein Anschlagbrett, den Stock des Nachtwächters sowie die Löschgeräte der Feuerwehr.» Zum gemeinsamen Besitzstand des Dorfes gehörte allerdings auch der Glöggliturm (von 1832) auf einem Bauernhaus mit Uhr und Blitzableiter. «Das Gehalt des Messmers, der die Glocke läutete, teilten sich der Zürcher und der Thurgauer Dorfteil hälftig», erklärt der Historiker.

Nicht oft genug geläutet

Auf dem Haus lastete ausserdem das Servitut, die Stube des jeweiligen Besitzers als Gemeindesaal nutzen zu dürfen. 1890 ging der Ärger los, da dem «Türmer» vorgeworfen wurde – allerdings nur von Thurgauer Seite –, er läute nicht so oft, wie man sich das vorstelle. Zudem ziehe er die Uhr nicht regelmässig auf. Der Glöckner stellte daraufhin das Läuten ganz ein, denn die Thurgauer hatten ihren Anteil an seinem Lohn (jährlich 35 Franken) nicht gezahlt. Die Zürcher schon. Schliesslich wurde ein verbindliches Reglement erarbeitet. Neben dem Läuten bei Bränden und Todesfällen erklangen die Glocken zum Gebet, im Sommer um 4 und 21 Uhr, im Winter um 6 und 19 Uhr.

Der nächste Streitpunkt war der Eingriff in die Privatsphäre des Glögglihaus-Besitzers, denn die Versammlungen und Ganten der Gemeinde fanden weiterhin in seiner Wohnstube statt. Da der Mann dort wohnen bleiben wollte, forderte er nun einen Mietzins für das Aufbewahren der Gemeindestühle und -tische. Die Thurgauer Wilener tagten in der Zwischenzeit bereits im Schulhaus, denn die Vorfälle wurden genüsslich von der Presse, nicht zuletzt dem «Nebelspalter» mit einem Spottgedicht, aufgenommen.

Kein Platz zum Wursten

Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, unterliess der Türmer ein Totengeläut und sogar bei einem Brandfall mussten die Wilener gewaltsam das Haus stürmen, um selbst die Glocke zu läuten. Der Mann schloss seine Mitbürger auch aus, als sie wieder einmal in seiner Stube tagen wollten. Er benötige den Platz selber, um zu wursten, behauptete er. Es brauchte den Dorfmetzger, der ihm erklärte, sogar ihm würde die Küche dafür reichen!

Über mehrere Instanzen zog sich der Prozess, bis das Obergericht 1911 entschied, dass das Servitut rechtens sei, rekapituliert Markus Brühlmeier. Dafür wurde dem Besitzer des Glögglihauses eine Entschädigung von 130 Franken plus 1.50 Franken für jedes Todesglöcklein zugesprochen. «Das Recht der Gemeinde, die Stube zu benützen, wurde erst 2013 abgelöst», schliesst er, «das Recht an der Glocke blieb jedoch bestehen.»

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