Weinland

«Als zweitklassiger Mensch gefühlt»

Der Bundesrat hat das Kapitel der Administrativen Versorgungen aufarbeiten lassen. Nun finden mehrere Veranstaltungen dazu statt. In Andelfingen kamen Zeitzeuginnen zu Wort.

Staatsarchivar Beat Gnädinger, Zeitzeugin Marlies Landolt, Moderatorin Silvia Müller, Zeitzeugin Heidi Ambiel-Etter und Karin Fischer von der KESB diskutierten.

Staatsarchivar Beat Gnädinger, Zeitzeugin Marlies Landolt, Moderatorin Silvia Müller, Zeitzeugin Heidi Ambiel-Etter und Karin Fischer von der KESB diskutierten. Bild: Marc Dahinden

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Verarbeiten könne man das nicht, sagte Heidi Ambiel-Etter am Donnerstagabend an der Podiumsdiskussion «Fremdplatziert im Zürcher Weinland». Rund 50 Personen, vorwiegend Betroffene, hatten sich im Restaurant des Ausbildungszentrums Andelfingen versammelt.

Ambiel-Etter ergänzte: «Aber ich habe meine ganze Kindheit und Jugend vakuumiert.» Und wenn sie heute darüber spreche, dann sei es, als würde sie die Lebensgeschichte ihrer allerbesten Freundin erzählen. «Und das tut mir zwar weh, aber es macht mir auch nichts mehr. Es ist vorbei.»

Entrissen und missbraucht

Bis 1981 war es in der Schweiz den Behörden möglich, Menschen ohne Gerichtsurteil zu entzweien oder wegzusperren. 2014 hat der Bundesrat eine Unabhängige Expertenkommission mit der Aufarbeitung dieser über 100 Jahre dauernden Geschichte beauftragt. Die Ergebnisse der Forscherinnen und Forscher werden nun via Publikationen, Ausstellungen und Veranstaltungen publik. Der Bericht zuhanden des Bundesrats soll im September folgen.

«Sie hatte eine schwere Kindheit balso heiratete sie den Nächstbesten.» 

Die Geschichte der Betroffenen Ambiel-Etter beginnt bereits bei ihrer Mutter: «Sie hatte eine schwere Kindheit.» Sie habe so rasch als möglich dem Elternhaus entfliehen wollen «Also heiratete sie den Nächstbesten.»

Doch dieser sei Alkoholiker gewesen und habe die Lohntüte stets versoffen, während die Mutter die vier Kinder in Langwiesen mit Putzarbeiten durchbringen musste. Rasch kam das Fürsorgeamt, weil die Kinder nicht immer betreut waren. Auch Heidi Ambiel-Etter, das fünfte Kind, dazu noch ein uneheliches, wurde als fünfmonatiges Baby der Mutter weggenommen. Der schwammige Vorwurf ohne jeden richterlichen Beschluss: «Liederlicher Lebenswandel».

Eine Odyssee über mehrere Familien und Heime in der Region, sexuelle Belästigungen und stetiges Arbeiten von früh bis spät prägte die Kindheit und Jugend von Ambiel-Etter. Lange war sie Bettnässerin, dann bekam sie jeweils nichts mehr zu essen. Wenn sie essen durfte, dann nicht am Tisch der Erwachsenen, wie sie es als Fünfjährige bei einer Familie im Hinterhörnli erlebt hatte.

Dort musste sie alleine an einem Tischchen mit dem Gesicht zur Wand speisen. «Ich merkte, ich gehöre nicht dazu und fühlte mich als zweitklassiger Mensch.» Um in der Schule trotzdem beliebt zu sein, stahl sie manchmal einen Zwei- oder Fünffränkler aus dem Portemonnaie ihrer Adoptiveltern, kaufte damit Süssigkeiten und verteilte sie unter ihren Klassenkameraden. «Dann habe ich mich wohl gefühlt.»

«Versuchen zuzuhören»

Auf dem Podium waren nebst Zeitzeugin Ambiel-Etter auch Marlies Landolt (siehe Ausgabe vom Dienstag), Staatsarchivar Beat Gnädinger sowie Karin Fischer, Präsidentin der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Winterthur/Andelfingen anwesend. Silvia Müller von der «Andelfinger Zeitung» moderierte es.

Eine zentrale Frage war, was sich seit der Änderung des Gesetzes 1981 getan hat. Gnädinger, Mitglied der vom Bundesrat ins Leben gerufenen Unabhängigen Expertenkommission, erklärte, dass es zwar noch Parallelen, vor allem aber ganz wesentliche Unterschiede gebe: «Die heutigen fürsorgerischen Unterbringungen werden richterlich überprüft und sind nicht mehr auf unbeschränkte Zeit möglich.»

KESB-Präsidentin Fischer sieht auch einen Unterschied in punkto Haltung: «Wir versuchen heute den Betroffenen zuzuhören.» Früher habe man hingegen die Menschen «korrigieren und in eine gesellschaftliches Korsett» zwängen wollen.

Ausserdem hätten auch Entscheidungen der Vormundschaft nicht hinterfragt werden können. «Heute entscheiden drei Mitglieder der KESB über die Aufgaben der Beistände. Die ausführende Person wird dann wiederum mindestens alle zwei Jahre von der KESB kontrolliert.» Bei ungerechtfertigter Behandlung könne man als Betroffener ausserdem Beschwerde bei der KESB einreichen. «Dieser Rechtsschutz ist heute ganz anders», sagte Fischer.

Das Staatsarchiv hat in den letzten zwei Jahren etwa 900 Aktensuchen für Betroffene durchgeführt. Für den Solidaritätsbeitrag des Bundes, der maximal 25000 Franken pro Person beträgt, sind laut Gnädinger insgesamt 9000 Gesuche eingegangen.

Die Hälfte davon sei schon bearbeitet, die andere Hälfte solle bis Ende Jahr soweit sein. Die Zeit drängt. «Ganz viele der Betroffenen konnten kein Gesuch mehr stellen, weil sie bereits vorher an den Folgen ihrer Versorgung zu Grunde gegangen sind.» Den Solidaritätsfonds werde der Kanton Zürich voraussichtlich nicht mitfinanzieren. «Das ist ein politischer Entscheid», sagte Gnädinger.

(Der Landbote)

Erstellt: 29.03.2019, 17:27 Uhr

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