Benken

Atomstrom mit Rosskur aus Markt werfen

Alt-Regierungsrat Martin Graf zeigte am Sonntag in Benken auf, wie er sich die Zukunft des Atomstroms vorstellt. Er bezeichnet diesen als «Zechprellerei» und hofft insgeheim auf weiter fallende Strompreise, um ihn auszubooten.

Auf falsche Pferd gesetzt: Wegen der unkalkulierbaren Risiken und Kosten war und ist die Atomenergie für Martin Graf die falsche Entscheidung.

Auf falsche Pferd gesetzt: Wegen der unkalkulierbaren Risiken und Kosten war und ist die Atomenergie für Martin Graf die falsche Entscheidung. Bild: Keystone

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Wer in einer Beiz isst und trinkt und sich dann, ohne zu bezahlen, davonstiehlt, ist ein Zechpreller. Genau gleich verhalte es sich mit dem Atomstrom, sagte Alt-Regierungsrat Martin Graf (Grüne) gestern im Benkemer Gasthaus Sonne. «Man bezahlt einfach die Rechnung des Konsums nicht, den man schon getätigt hat», sagte Graf, der als Regierungsrat auch dem Verwaltungsrat des Stromkonzerns Axpo angehörte. Schon damals habe er immer wieder auf die prekäre Finanzlage rund um die Stilllegung und Entsorgung der Atomkraftwerke hingewiesen.

Die von vier regionalen atomkritischen Organisationen veranstaltete Matinee mit dem Titel «Zechprellerei Atomstrom!» besuchten rund 50 Personen. Im Untergrund von Benken im Zürcher Weinland könnte einst das Endlager für Atommüll gebaut werden.

Ein Kampf über den Preis

Doch gerade die Diskussion um die Finanzierbarkeit der Entsorgung radioaktiver Abfälle hat sich in letzter Zeit massiv verschärft. Dies, weil der Strompreis am europäischen Markt fällt und fällt und somit die Stromkonzerne mit ihren Kraftwerken kaum noch Geld verdienen und stattdessen Schulden anhäufen. Und obwohl man, so Graf, von Anfang an gewusst habe, dass die Atomkraftwerke für 40 Jahre ausgelegt wurden, habe man erst im Jahr 2000 einen Entsorgungsfonds eingerichtet.

«Ursprünglich war ich auch der Meinung, dass die Rohstoffe teurer sein müssten», sagte Graf. Aber vielleicht gebe es auch einen anderen Weg und die Rohstoffpreise sänken gegen null. Dann nämlich, so Grafs Hoffnung, würde nicht mehr in nicht nachhaltige Energieformen wie Uran oder Erdöl investiert. Zudem gebe es von vielen Rohstoffen bereits genügend im Kreislauf, die man ständig wiederverwerten könne — Stichwort Urban Mining.

Und um konkret den Atomstrom niederzuringen und dem Ökostrom zum Durchbruch zu verhelfen, schlägt Graf gleichsam eine Rosskur vor, und zwar auf der «ökonomischen Schiene»: «Stecken Sie alles überschüssige Geld, das Sie haben, in die Sonnenenergie. Dann wirft es die Atomkraft aus dem Markt hinaus.» So sinke der Strompreis noch mehr und der Umstieg auf Ökostrom erfolge noch rascher. Das Problem aber, das man sich damit einhandle,sei, dass Stromkonzerne dadurch in Konkurs gehen könnten. Das sei keine schöne Aussicht. Dass dann aber der Staat respektive der Steuerzahler die Kosten übernehmen soll, «das sehe ich gar nicht».

Für Atomstrom nachzahlen

Stattdessen schlägt Graf vor,jedem Atomstrombezüger eine Rechnung hinterherzuschicken «für das, was er da verursacht hat». Leider laufe es aktuell auf eine Liquidationsstrategie hin-aus. Dabei solle man die Anteile, welche die Kantone an den Stromkonzernen halten, vom Verwaltungs- ins Finanzvermögen transferieren und umgehend abstossen, «zu jedem Preis».

Nach Grafs Idee sollen dann die Kantonswerke diese Anteile übernehmen und gewissermassen aufteilen in eine «Good Bank» für den Ökostrom und in eine «Bad Bank» für den Atomstrom. Den «schlechten» Anteil sollen die Kantonswerke allenfalls mit einer Exitstrategie liquidieren. Und wenn es dann ums Zahlen gehe, so müssten alle ein bisschen bluten.

Erde gepachtet, nicht geerbt

«Wir sind nun an einem Ort angelangt, an dem wir nie hätten sein wollen. Aber jetzt müssen wir das Beste daraus machen», sagte Graf am Schluss seines rund einstündigen Referats. Seiner Ansicht nach sollte die verbrauchte Energie zu 100 Prozent erneuerbar sein und null Abfall verursachen. «Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern gepachtet.»

In der abschliessenden Frage- und Diskussionsrunde kam ein Zuhörer auf die Kostenfrage zurück. «Man kann es drehen und wenden, wie man will. Wir sind Kunde und als Bürger des Kantons Zürich Miteigentümer der EKZ (Elektrizitätswerke des Kantons Zürich) und indirekt der Axpo», sagte der Mann. «Auf irgendeine Art müssen wir der Rechnung einmal ins Gesicht sehen.»

Das sei absolut richtig, entgegnete Graf. Doch bevor der Staat einspringen müsse, «müssen die anderen noch bluten». Von den«anderen» war an der gestrigen Matinee so gut wie niemand anwesend, wie der kräftig-zustimmende Applaus nach Martin Grafs Referat zeigte. (Landbote)

Erstellt: 18.04.2016, 11:44 Uhr

Martin Graf, Alt-Regierungsrat

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