Marthalen

Aus Jakob wurde Jack

Als Jakob Ritter vor etwa 100 Jahren das Fernweh packte, wanderte er nach Nordamerika aus. Die Weltwirtschaftskrise zwang ihn zur Rückkehr, doch ein Stück USA brachte er mit.

Das Blockhaus in Marthalen war früher Sehnsuchtsort von Jakob Ritter. Heute dient es als Holzlager.

Das Blockhaus in Marthalen war früher Sehnsuchtsort von Jakob Ritter. Heute dient es als Holzlager. Bild: Madeleine Schoder

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Das Blockhaus, am Rand eines Feldes südlich von Marthalen fällt auf. Während die anderen Holzschuppen aus einfachen Brettern gezimmert sind, ist dieses aus massiven Stämmen gebaut. Knapp 100 Jahre steht das Häuschen bereits da und wurde nach nordamerikanischem Vorbild konstruiert.

In den 1920er-Jahren entschloss sich Jakob Ritter, aus Marthalen gemeinsam mit einem Kollegen nach Amerika auszuwandern. «Sie wurden von einem Ort zum anderen gescheucht», sagt Reinhard Nägeli aus Marthalen. Zwar war Nägeli damals noch nicht geboren, doch der Historiker befasst sich gerne mit regionaler Geschichte, vor allem, wenn sich diese in grösseren Kontext stellen lässt. Was bei der Geschichte von Jakob Ritter zutrifft.

Natürlich gingen wir schauen, was ‹der Amerikaner› da trieb.»Reinhard Nägeli

Wegen der Weltwirtschaftskrise gestaltete es sich schwieriger als gedacht, den amerikanischen Traum in Realität umzusetzen. So kamen die beiden Auswanderer wieder in ihr Heimatdorf Marthalen zurück. Jakob, der von da an nur noch Jack genannt wurde, arbeitete bei seinen Eltern auf dem Hof. Seinem Freund hatten die Erlebnisse im Ausland mehr zugesetzt: «Er wurde psychisch krank», sagt Nägeli.

Am schönsten Platz

Doch Ritter vergass seinen Traum vom grossen, weiten Amerika nicht. «Immerzu schwärmte er von den riesigen Feldern und Landschaften», sagt der Historiker. Dem Amerikafan gehörte damals ein grosses Stück Land in Marthalen. Er beschloss, darauf ein Blockhaus im nordamerikanischen Stil zu bauen. «Er hat sich extra den schönsten Platz dafür ausgesucht.»

Vom Holzhaus aus könne man bei gutem Wetter sogar die Berge sehen. «Es war sein Sehnsuchtsort», sagt Nägeli. Ritter habe das Blockhaus im Alleingang gebaut. «Das war eindrücklich zu beobachten», sagt Nägeli, der damals etwa acht Jahre alt war. «Natürlich gingen wir schauen, was der ‹der Amerikaner› da trieb.» In seinem Blockhaus hatte Ritter Dünger und Landwirtschaftsgeräte gelagert. «Einen klaren Zweck hatte das Haus nicht», sagt Nägeli. Jack Ritter hatte so einen Weg gefunden, ein Stückchen Amerika nach Marthalen zu holen. Doch der Wunsch vom Auswandern blieb.

Der zweite Versuch

In der Zwischenzeit hatte der Wahlamerikaner seine Frau aus dem Bünderland kennengelernt. «Sie war eine wackere Frau», sagt Nägeli. So liess sie sich vom Fernweh ihres Mannes anstecken. In den 50er-Jahren wagten sie und ihr Mann samt Tochter erneut den Versuch, in den USA Fuss zu fassen. Diesmal blieb der Erfolg nicht aus. In Kalifornien fand Ritter eine Anstellung auf einem grossen Bauernhof. «Er war dort der Mann für alles.» Manchmal war er als Chauffeur, manchmal als Helfer bei Feldarbeiten unterwegs.

Sein selbst gebautes Holzhaus in Marthalen blieb jedoch bestehen. Das Land hat er bei seiner Abreise einer Marthaler Familie verkauft, ihnen gehört die Fläche inklusive Blockhaus heute noch. Lediglich das Dach musste erneuert werden. Die Familie nutzt es zur Lagerung von Holz. (Landbote)

Erstellt: 07.02.2019, 15:34 Uhr

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