Hettlingen

«Am Sonntag werden bei mir die Tränen fliessen.»

Pfarrerin Esther Cartwright verlässt Hettlingen. Sie bleibt Co-Dekanin, wird Seelsorgerin in einem Pflegeheim und arbeitet auf einem innovativen Bauernhof mit.

Beschäftigt sich mit würdigem Sterben und fühlt sich wohl auf Friedhöfen: die reformierte Pfarrerin Esther Cartwright.

Beschäftigt sich mit würdigem Sterben und fühlt sich wohl auf Friedhöfen: die reformierte Pfarrerin Esther Cartwright. Bild: Marc Dahinden

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Im Moment verabschiedet sie sich von vielen lieb gewonnenen Menschen. Manch einer oder eine möchte der beliebten Pfarrerin noch etwas erzählen, kurz bevor sie aus Hettlingen weggeht. Esther Cartwright und ihr Mann zügeln in acht Tagen nach Wülflingen, wie sie auf dem Weg in ihr Büro erzählt. Manche Zügelkisten seien schon gepackt. «Aber längst nicht alle», sagt sie und lacht.

Vor tränenreichem Abschied

Ihr Abschied muss fliessend erfolgen. Vieles steht in der wenigen Zeit bis Sonntag noch auf dem Programm. Sie zählt auf: eine Abdankung, die Übergabe an die Pfarrstellvertreterin und den Pfarrstellvertreter, die Leitung des ordentlichen Pfarrkapitels und schliesslich der Erntedank-Gottesdienst, der gleichzeitig ihren Abschied markieren wird. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt der 53-Jährigen da nicht. Doch eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: «Am Sonntag werden bei mir die Tränen fliessen.»

Esther Cartwright verlässt Hettlingen nicht, weil es ihr hier in den letzten elf Jahren nicht gefallen hätte oder irgendetwas schief gelaufen wäre. Hier hätte sie gut bleiben können, sagt sie. «Ich werde die Menschen, meine Arbeit und vor allem die Gemeinschaft hier sehr vermissen.» Ihre Bilanz nach der Hettlinger Zeit: Sie sei dankbar und glücklich, wo die Kirchgemeinde heute stehe.

Ins Blaue gekündigt

Neben Wehmut empfindet sie auch Freude: «Ich habe das Gefühl, für meinen Aufbruch den richtigen Zeitpunkt erwischt zu haben.» Sie will noch einmal etwas Neues anpacken, sagt sie. Was dies sein würde, wusste sie bis vor ein paar Wochen noch nicht. Sie hatte «im Gottvertrauen» ins Blaue gekündigt.

«Ich werde die Menschen, meine Arbeit und vor allem die Gemeinschaft hier sehr vermissen.»Esther Cartwright,
Reformierte Pfarrerin

Inzwischen weiss sie es. «Zumindest teilweise», sagt sie lachend. Sie werde zusammen mit Arnold Steiner Co-Dekanin im kirchlichen Bezirk Winterthur bleiben. «Ich bin froh, dass dies so problemlos möglich ist.». An zwei Tagen in der Woche wird Esther Cartwright ausserdem als Seelsorgerin im Wohn- und Pflegehaus Magnolia in Zollikerberg arbeiten, einem Unternehmen der Stiftung Diakoniewerk Neumünster. «Die Themen Palliative Care und würdiges Sterben interessieren mich brennend.»

«Zum Ausgleich» will Hettlingens scheidende Pfarrerin einen Tag in der Woche auf einem Bauernhof in der Gegend arbeiten. «Da erhoffe ich mir für die Arbeit in der Kirche wichtige Inspiration, die Bauernfamilie ist innovativ und probiert immer wieder Neues aus.» – Genau wie sie beim Brotbacken, ihrer privaten Leidenschaft. Sie bereite jeweils einen Vorteig zu und lasse diesen lange ziehen.

Sie verlasse Hettlingen mit einem Gefühl grosser Dankbarkeit, sagt die Kirchenfrau. «Dankbarkeit für die vielen Begegnungen, das Vertrauen und die Offenheit der Menschen.» Bevor sie nach Hettlingen kam, lebte und arbeitete Cartwright mit ihrem Mann fast fünf Jahre lang in Moçambique. Davor war sie Spitalpfarrerin in der Klinik Balgrist.

Die letzte Predigt

Das Fenster zum sonnendurchfluteten Büro im Pfarrhaus steht offen. «Diesen schönen Arbeitsplatz gebe ich nicht leicht auf.» Hier wird sie nun die letzte von gegen 400 Predigten schreiben, die sie in Hettlingen gehalten hat. Fast jede Woche eine könne einen unter Druck setzen, räumt sie lachend ein – wohlwissend, dass sie es jetzt schon vermisst.

Erstellt: 17.09.2019, 13:22 Uhr

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