Andelfingen

Bauer wollte Himbeeren schützen – nun gilt er als Tierquäler

Ein Weinländer Landwirt stand gestern vor dem Bezirksgericht Andelfingen wegen fahrlässiger Tierquälerei. Das Urteil nahm der Mann alles andere als gefasst entgegen.

In solchen Weidezäunen verheddern sich Wildtiere immer wieder, so auch Rehe.

In solchen Weidezäunen verheddern sich Wildtiere immer wieder, so auch Rehe. Bild: Marc Dahinden

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Dass es emotional wird, wenn es um Tiere geht, das ist zwar bekannt. Dass aber ein Gerichtsurteil kurz nach Verkündung zwischen Richter, Anwalt und Verurteiltem heftig diskutiert und kommentiert wird, das kommt praktisch nie vor.

So jedoch geschehen gestern vor dem Bezirksgericht Andelfingen: «Ich werde gehängt, weil ein anderer das Reh erschossen hat», sagte der kurz zuvor wegen fahrlässiger Tierquälerei verurteilte Weinländer wutentbrannt.

«Ich werde gehängt, weil ein anderer das Reh erschossen hat»

Vor gut zwei Jahren hatte er eine Reihe junger Himbeerpflanzen mit einem mobilen Weidezaun vor Wildfrass schützen wollen. Ein Reh verhedderte sich im netzartig geknüpften Zaun, sodass der herbeigerufene Jagdobmann das Tier erschoss.

Später folgte die Anzeige wegen Tierquälerei gegen den Weinländer Landwirt. Er sei voll für die Natur, aber: «Sagen Sie mir, wie ich sonst meine Kulturen schützen kann», sagte er verzweifelt zum Gerichtspräsidenten. Dann schmeisse er halt den Bettel hin und lebe vom Staat.

Eh werde die Landwirtschaft mit immer neuen Naturschutzforderungen konfrontiert, klagte er. Der Mann ist weder vorbestraft, noch war er je zuvor in ein Strafverfahren verwickelt.

«Sie hätten es in der Hand»

Sein Verteidiger griff den Richter nach der Urteilsverkündung direkt an und legte gleich Berufung ein. Somit wird der Fall vor dem Zürcher Obergericht nochmals behandelt. Man ziehe ihn bis vor Bundesgericht, sagte der Anwalt. «Sie hätten es in der Hand gehabt, den traurigen Fall zu beenden.»

Das Kernargument seiner Verteidigung: Es gebe kein Gesetz, wonach solche mobilen Zäune zur Verhütung von Wildschäden an Kulturen verboten wären. Und im vorliegenden Fall gebe es keine Beweise oder Hinweise darauf, dass der Zaun unsachgemäss und unvorsichtig montiert worden sei.

«Es gibt Pfeifen unter den Jägern, welche die Tiere nicht richtig treffen, doch da sagt kein Mensch etwas.»

Aussergewöhnlich war auch, dass der Verteidiger den zuständigen Jagdobmann und eine unbestimmt grosse Gruppe von Jägern scharf kritisierte. «Es gibt Pfeifen unter den Jägern, welche die Tiere nicht richtig treffen, doch da sagt kein Mensch etwas.» Und nach dem Urteil sagte der Anwalt zum Richter: «Sie provozieren so eine Anzeige gegen den Jagdobmann des Reviers.»

In seinem 75-minütigen Plädoyer hatte er den Obmann mehrmals des unprofessionellen Handelns bezichtigt. So soll der Jäger rund eine halbe Stunde lang vergeblich versucht haben, das Reh aus dem Zaun zu befreien. Davor soll er ausserdem die angebotene Hilfe eines Zeugen ausgeschlagen haben.

Als die Befreiung nicht klappte, so die Version des Verteidigers, habe der Obmann das Gewehr geholt und das Tier erschossen. Der Verteidiger hingegen argumentierte, dass das Reh ohne weiteres hätte gerettet werden können.

Nicht das erste Mal

Während der gestrigen Gerichtsverhandlung kam ein anderer, mehrere Jahre zurückliegender Fall zur Sprache. Damals verfing sich ebenfalls ein Reh in einem mobilen Zaun des Weinländers. Dann, so erzählte er, sei eine Jägerin gekommen und habe das Tier erschossen «und der Fall war erledigt».

«Verheddert sich ein Reh, kommt der Wildhüter, erschiesst das Tier und der Fall ist erledigt.» 

Weder habe es dazumal eine Anzeige gegeben, noch habe ihn die Jägerschaft auf die Problematik solcher Zäune hingewiesen. Etliche Landwirte in Nachbargemeinden würden ihre Maisfelder mit solchen Zäunen vor Wildschweinen schützen. «Verheddert sich ein Reh, kommt der Wildhüter, erschiesst das Tier und der Fall ist erledigt.»

Wegen des Gerichtsverfahrens verwendet der Mann selber solche mobilen Zäune nicht mehr. Er und sein Verteidiger betonten allerdings mehrmals, dass das Aufstellen solcher Weidezäune nicht verboten sei – wenn auch zweckentfremdet zur Abwehr von Wild und nicht zum Einzäunen etwa von Schafen.

Ideal, räumte der Verteidiger ein, sei die Lösung mit diesen Zäunen zwar nicht. Aber solange es keine bessere gebe und die jetzige Lösung nicht verboten sei, könne man dafür nicht bestraft werden.

Kein «Naturfrevler»

Das Gericht sah dies anders. Es verurteilte den Mann wegen fahrlässiger Tierquälerei zu einer Geldstrafe von 700 und zu einer Busse von 300 Franken. Die Busse muss er bezahlen wie auch die Verfahrenskosten von 1600 Franken.

Die Geldstrafe muss er nicht bezahlen, sofern er sich zwei Jahre lang nichts zuschulden kommen lässt. Es sei ein ganz klar fahrlässiges Verhalten gewesen, aber kein bewusstes Verschulden, argumentierte der Richter. «Das Unglück wäre zu verhindern gewesen.» Dies auch deshalb, weil dem Mann Jahre zuvor Ähnliches schon einmal passierte.

«Sie müssen sich deswegen aber nicht als Naturfrevler fühlen, Sie handelten nicht rücksichtslos.» Die Verletzung der Sorgfaltspflicht sei geringfügig gewesen, «das hätte uns allen passieren können».

Aber eben: Diese Schlussworte vermochten den Verurteilten gar nicht zu beruhigen. (Der Landbote)

Erstellt: 22.08.2018, 11:34 Uhr

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