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Bemalte Steine, die den Nerv der Zeit treffen

Ein Ehepaar aus der Region bemalte 250 Steine und versteckte sie mit dem Hinweis, den Fund in einer Facebook-Gruppe zu teilen. Diese zählt nun bereits über 27000 Gleichgesinnte - nach drei Monaten.

An den bemalten Steinen soll man sich kurz erfreuen und sie dann wieder verstecken.

An den bemalten Steinen soll man sich kurz erfreuen und sie dann wieder verstecken. Bild: PD

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Die grossen Freuden bestehen oft aus kleinen, unerwarteten Dingen. Scheinbaren Zufällen, die das Grau des Alltags aufbrechen: Die Überraschung als Antithese zu unserem durchgetakteten und berechneten Leben. Und Freude zu schenken, löst ebenfalls Freude aus. So erstaunt es auch nur auf den ersten Blick, dass sich in den letzten drei Monaten landesweit über 27?000 fremde Personen zusammengetan haben, um sich gegenseitig und andere positiv zu überraschen.

Kunstwerke en miniature

Das Konzept ist simpel: Einen Stein anmalen und ihn dann in der Natur oder an einem öffentlichen Platz verstecken. Auf der Rückseite stets der Hinweis, dass die Finderin oder der Finder ein Foto des Steins in einer bestimmten Facebook-Gruppe posten soll. So erfährt auch der Erschaffer des Steins von der Freude, die sein kleines Kunstwerk ausgelöst hat. Was danach mit dem Stein geschieht? Er wird neu versteckt oder nach Hause genommen.

Die bemalten Steine sind wahre Kunstwerke. Bild: PD

Woher die Idee stammt, ist in der digitalen Welt, in der sich Trends viral verselbständigen, nicht mehr so einfach nachzuvollziehen. Auf Facebook finden sich Gruppen aus aller Welt. Einige mit hundert, andere mit Zehntausenden Mitgliedern, die britische Gruppe zählt fast hunderttausend Menschen. Die Qualität der Steinmalereien ist immer wieder beeindruckend, viele zeigen ihre Kunstwerke dem grossen Publikum, bevor sie sie aussetzen.

Eine kleine Blume

Klar ist aber, wer die Schweizer Gruppe CH rocks mit ihren mittlerweile über 27000 Mitgliedern ins Leben gerufen hat: Evelyn und Stefan Truttmann, die in einer Landgemeinde in der Region wohnen. Ihren genauen Wohnort wollen sie nicht in der Zeitung lesen.«Es geht nicht um uns, sondern die Sache», sagt Evelyn Truttmann.

«Plötzlich merkte ich, dass mein Mann zeichnen kann und das sogar sehr gut»Evelyn Truttmann

Auslöser war – natürlich – ein bemalter Stein, den sie diesen Frühling in einem Naturpark in Florida entdeckt hatten. Eine kleine Blume war darauf gemalt, mit dem Hinweis, den Fund auf Facebook zu teilen. Sie fotografierten den Stein und schauten sich die Gruppe mit den vielen bunt bemalten Steinen genauer an. In den nächsten Tagen entdeckten Truttmanns weitere Steine. Irgendwann fragten sie sich: «Würde das nicht auch in der Schweiz funktionieren?» Noch in den USA deckten sie sich mit Farben und Pinseln ein, zuhause in der Schweiz begannen sie umgehend zu malen.

Es war das erste Mal in knapp 20 Jahren Beziehung, dass Truttmanns mitein ander bastelten. «Plötzlich merkte ich, dass mein Mann zeichnen kann und das sogar sehr gut», sagt Evelyn Truttmann. Er selber war darüber auch überrascht, weil er es seit Schulzeiten nicht mehr gemacht hatte.

«Wirklich unglaublich»

250 bemalte Steine verteilten sie anfangs Juli in der Region, den Grossteil davon in Winterthur, wo Evelyn Truttmann aufgewachsen ist. «Wir dachten, mit 10 oder 20 Steinen erreichen wir wohl kaum jemanden», sagt Stefan Truttmann. Und dann sei es ziemlich schnell abgegangen, sagt seine Frau: «Es ist wirklich unglaublich, es hat uns doch ziemlich überrollt. Die Gruppe ‹rockt› im wahrsten Sinne des Wortes.» Die erste solche Gruppe in der Schweiz war es übrigens nicht, doch sie scheinen den optimalen Zeitpunkt getroffen zu haben.

Längst können Truttmanns die Gruppe und die vielen Fragen der stetig wachsenden Mitglieder nicht mehr allein betreuen. «Wir haben ein Team von fünf Leuten aus der Gruppe, die uns fast rund um die Uhr unterstützen», sagt Stefan Truttmann. Diese Leute stammen alle aus der Gruppe und hätten sich sehr gefreut, mithelfen zu dürfen. Ab und an müssen diese eingreifen. «Es gab auch schon Zickenkrieg», sagt Evelyn Truttmann. Bisher hätten sie deswegen aber lediglich eine Person von der Gruppe ausschliessen müssen. Insgesamt waren es einige mehr, wer sich nicht ans Verbot der Eigenwerbung hält, wird verwarnt und am Ende ausgeschlossen.

Beruhigendes Malen

Die Steine scheinen den Nerv der Zeit zu treffen. «Es lässt etwas in den Menschen anklingen», sagt Stefan Truttmann. Diese Mischung aus analoger und digitaler Welt, aus drinnen und draussen. «Es ist sehr digital, gleichzeitig aber auch nicht.» Viele Mitglieder würden schreiben, dass das Malen sie beruhige und fast therapeutisch wirke. Ein Grossteil der Nutzer, 85 Prozent, ist weiblich. Evelyn Truttmann wehrt sich aber gegen die Vorstellung, dass es ein Hobby von Hausfrauen oder Basteltanten ist. «Wir sind das lebendige Beispiel: Atypischer gehts nicht mehr.»

«Es soll ausschliesslich um die Sache und um die Freude, die verbreitet wird, gehen.»Evelyne Truttmann

Denn die Gruppe ist unglaublich aktiv. Jeden Tag teilen die Mitglieder ihre bemalten Steine, ihre Funde, geben sich kleine Hinweise, in welcher Region sie zu finden sind. Eltern schreiben, dass sie sich freuen, mit ihren Kindern nach draussen zu gehen, Steine zu sammeln, anzumalen und sie wieder zu verstecken.

Lehrer und Kindergärtner schreiben den Truttmanns und integrieren die Gruppe in ihren Medienunterricht: Um zu zeigen, wie Bilder in sozialen Medien herumgereicht werden können und nicht mehr so schnell verschwinden. «Es soll etwas Grundpositives sein und Freude verbreiten», sagt Evelyn Truttmann. Es ist ihnen wichtig, dass diese Idee nicht kommerzialisiert wird: «Es soll ausschliesslich um die Sache und um die Freude, die verbreitet wird, gehen.»

Erstellt: 15.10.2019, 11:06 Uhr

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