Endlager

Benkemer besuchen ihre – mögliche – Zukunft

Die Benkemer Bürger sind, was das Endlager angeht, etwas gebrannte Kinder. Letzte Woche besuchte eine erste Delegation aus Benken das atomare Zwischenlager im Aargau und das Felslabor im Jura. Der Besuch beeindruckte, gab aber auch zu denken.

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Die Strasse führt schnurgerade durch einen grossen Wald. Das flache Waldgebiet erinnert ans Niderholz am Rhein im Zürcher Weinland. Doch diese Strasse, auf welcher der Reisebus unterwegs ist, heisst Reaktorstrasse und liegt westlich von Würenlingen im Kanton Aargau. Und am Ende der asphaltierten Strasse liegt eine weitläufige Industrieanlage. Dort, direkt an der Aare, liegt das Zwischenlager (Zwilag), wo die Schweiz ihre schwach, mittel- und hoch radioaktiven Abfälle so lange lagert, bis ein Endlager gebaut ist.

Im Bus sitzen nicht irgendwelche Leute. Es sind knapp 20 Bürgerinnen und Bürger aus Benken. Die Weinländer Gemeinde wurde um die Jahrtausendwende schweizweit bekannt, als die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) bei Benken in tiefe Gesteinsschichten bohrte und danach das Endlager im Weinland bauen wollte. Doch die Nagra wurde von der Politik zurückgepfiffen und musste die Schweiz abermals nach geeigneten Standortregionen für das Endlager absuchen. Das Resultat dieser erneuten Suche bis heute: Im Rennen sind noch der Aargauer Bözberg (Jura Ost), das Zürcher Unterland (Nördlich Lägern) – und das Zürcher Weinland (Zürich Nordost). Die Nagra gibt wohl im Jahr 2022 bekannt, wo sie das Endlager bauen will.

«Nicht richtig vorstellen»

Benken ist die einzige Weinländer Gemeinde, die ihre Bevölkerung regelmässig aus erster Hand über das mögliche Endlager informiert. Dazu hat die Gemeinde 2017 die Kommission «Benkemer Information zum Tiefenlager» geschaffen, zu der auch Gemeindepräsidentin Beatrice Salce (FDP) gehört. Die Kommission organisiert Informationsanlässe mit Fachleuten, so auch die Reisen ins Zwilag und ins Felslabor Mont Terri im Kanton Jura, wo Wissenschafter das Endlagergestein Opalinuston untersuchen. Die erste Reise fand letzten Samstag statt, an der auch der «Landbote» teilnahm. Mit nochmals je rund 20 Teilnehmern wird es zwei weitere solche Informationsreisen geben.

Der Bus hat inzwischen vor einem Metalltor angehalten, hinter dem zwei massive Blocker in die Strasse eingelassen sind. Die Besucher aus Benken nehmen ihre Identitätskarten mit. Metalliges lassen sie im Bus zurück, auch die Handys – Fotografieren verboten. «Ich kann mir das gar nicht richtig vorstellen», sagt eine Benkemerin noch im Bus. Überwachungskameras, Sicherheitsschleusen -und leute, stumme Lautsprecher, dunkle Drehleuchten und still messende Geräte an den Wänden: Ein etwas mulmiges Gefühl beschleicht den Besucher. Jede und jeder erhält einen weissen Schutzhelm, einen weissen Kittel, weisse Gummischuhe und gelbe Übersocken. Nach einem Kurzvortrag und einem Film geht es auf den Rundgang durchs Zwilag, das aus mehreren Gebäuden besteht. Weil Samstag ist, sind die langen Gänge menschenleer, die Bildschirme in einem Kommandoraum schwarz – nur ein sonar- ähnliches «Pling» von einem Messgerät ist zu hören.

«Keine Kontamination»

In einer Anlage werden radioaktiv verschmutzte, nicht mehr benötigte Bauteile aus Atomkraftwerken dekontaminiert, also gereinigt. Wegen der Ende 2019 beginnenden Stilllegung des Kraftwerks Mühleberg erweitert das Zwilag diese Anlage um ein Gebäude. Gereinigte Metallteile etwa werden vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi ) kontrolliert, bevor sie das Zwilag verlassen und ins normale Recycling gelangen. In einem sehr heissen Spezialofen werden schwach und mittelradioaktive Abfälle eingeschmolzen und mit Altglas in eine feste Form gegossen. Dadurch verringert sich das Abfallvolumen für das Endlager, nicht aber die Radioaktivität.

In einer grossen Halle stehen wie riesige Kegel die Behälter mit den verbrauchten, hoch radioaktiven Brennelementen aus den Kernkraftwerken. Wenn die Behälter geöffnet werden müssen, geschieht dies ferngesteuert mit Roboterarmen in der «heissen Zelle», einem flugzeugabsturzsicheren Gebäude. Am Schluss des Rundgangs müssen alle durch eine Schleuse: «5… 4… 3… 2...1… keine Kontamination», sagt die Computerfrauenstimme und entlässt die nicht verstrahlten Besucher.

Dem Protest begegnet

Die Busreise geht weiter über den landschaftlich schönen Bözberg ins Felslabor Mont Terri bei Saint-Ursanne. Am Strassenrand sind gelbe Plakate zu sehen: «Kein Atommüll im Bözberg!» Bevor es ins Labor geht, wo Tests im Opalinuston durchgeführt werden, hält ein Nagra-Mitarbeiter ein Referat. Um die Grundidee des in der Tiefe liegenden Endlagers zu illustrieren, zeigt er zuerst ein Bild vom Zwilag, dann eines von der 1945 durch Luftangriffe zerbombten Stadt Dresden. Das Zwilag sei gewiss noch 50 Jahre sicher – aber ist es das auch noch in 75 Jahren? Was, wenn dann erneut Krieg herrscht, die gesellschaftliche Ordnung zusammenbricht? Dann ist es sicherer, wenn die radioaktiven Abfälle tief unter der Erdoberfläche lagern, so das Argument.

Die Benkemer waren beeindruckt vom Gesehenen und Gehörten. Bei einigen blieb aber auch Skepsis zurück. Ist alles so sicher, wie die Fachleute sagen? (Landbote)

Erstellt: 03.04.2019, 06:07 Uhr

Strahlenschutz

Opalinuston soll radioaktive Teilchen einschliessen

Das Tongestein Opalinus hat die wichtigste Aufgabe im Endlager.

Die radioaktiven Abfälle, die heute im Zwischenlager sind und später ins Endlager kommen, bestehen aus unterschiedlich lange und stark strahlenden Atomsorten. Mit dem radioaktiven Zerfall der Atome nimmt die Strahlung und damit auch die Gefährlichkeit ab. Schädlich sind die energiereichen Strahlen deshalb, weil sie zum Beispiel die menschlichen Zellen zerstören und Krebs verursachen können.

Der Hauptanteil der hoch radioaktiven Strahlung in den Abfällen nimmt in den ersten 100 bis 200 Jahren nach der Einlagerung im Endlager rasch ab. So beträgt die Radioaktivität nach 100 Jahren noch rund 11 Prozent der Aktivität zu Beginn der Einlagerung, nach 200 Jahren sind es noch gut 3 Prozent. Es gibt in den Abfällen aber auch noch solche radioaktiven Atome, die zwar weniger stark, aber viel länger strahlen. Zusammengefasst haben schwach- und mittelradioaktive Abfälle nach rund 30000 Jahren noch die Giftigkeit von Granitgestein, wie es in der Natur vorkommt. Die verbrauchten Brennelemente aus den Kernkraftwerken benötigen etwa 200000 Jahre, bis sie «nur» noch so stark strahlen wie Uranerz.

Je nach Stärke der Strahlung schützt bereits ein Blatt Papier oder erst eine dicke Beton- oder Bleiwand vor der Radioaktivität. Aber auch Wasser und Luft schirmen radioaktive Strahlen ab. Wer sich etwa ohne jeglichen Schutz in einigen Metern Abstand zu einem verbrauchten Brennelement aufhält, der hat nach etwa einem Tag die tödliche Strahlendosis aufgenommen. In einem Abstand von 200 Metern würde die tödliche Dosis erst nach etwa 80 Jahren erreicht, ab 500 Metern gar nie im Leben.

Risse schliessen sich wieder

Warum aber müssen dann die radioaktiven Abfälle so tief unter der Erde endgelagert werden? Bis die Strahlung Mensch und Umwelt nicht mehr gefährdet, dauert es viele Jahrtausende. In dieser langen Zeit verrosten und bersten die Schutzbehälter, sodass radioaktiv strahlende Teilchen des Abfalls austreten. Um diese Teilchen vor der Erdoberfläche oder dem Grundwasser zu stoppen, werden die Behälter im 175 Millionen Jahre alten Opalinuston eingelagert. Dieses Tongestein besteht aus sehr vielen, winzigen Plättchen. Dadurch entsteht eine riesige Oberfläche, an der gewisse radioaktive Teilchen kleben bleiben. Andere Partikel bewegen sich im Porenwasser des Tons zwar weiter, allerdings äusserst langsam. Bilden sich Risse im Ton, sorgen das Wasser und die Toneigenschaft zudem dafür, dass sich solche Risse wieder verschliessen. Wie genau all diese Prozesse ablaufen, das untersuchen Forscher im Felslabor Mont Terri. (mab)

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