Leitartikel

Chance, sich aus der leidigen Abhängigkeit zu lösen

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Das Stammertal ist sich seit vielen Jahren gewohnt, dass Geld aus Zürich ins Tal fliesst. Doch dieser Geldfluss hat zu einer gefühlsmässigen Abhängigkeit geführt, als würden die Stammertaler Gemeinden am Tropf des Kantons hängen. Man hat sich zwar an diese Infusion gewöhnt, gleichzeitig verflucht man sie. Denn sie macht Waltalingen, Ober- und Unterstammheim unfrei.

Auf der einen Seite ist da der Anti-Zürich-Reflex, auf der anderen die finanzielle Abhängigkeit – von eben­diesem Zürich. Es ist wie die Wut des Jugendlichen auf seine Eltern: Er will zwar auf eigenen Beinen stehen, ist aber nach wie vor von ihnen abhängig.

Mit ihren ungeschickten Äusserungen hat Regierungsrätin Jacqueline Fehr diesen unguten Reflex geweckt. «Erbsenzähler» und dergleichen: Viele Stammertaler, selbst Fusionsbefürworter, fühlten sich durch ihre Wortwahl angegriffen. Und nur wenige Minuten vor Beginn der gewichtigen Medienkonferenz Anfang Juni gab ihre Direktion die Millionen bekannt, die der Kanton im Falle einer Fusion dem Tal überweisen würde.

Es ist wie die Wut des Jugendlichen auf seine Eltern

Die Folge? Vor allem die Gegner, aber nicht nur sie, verbarrikadierten sich in ihrer Wagenburg und schossen gegen den Kanton. Und das Wettern gegen Zürich hat Tradition. Daher sei die Frage erlaubt: Ist dies der Kitt, der die Talgemeinden letztlich zusammenhält? Vereint im Schimpfen gegen Zürich? Wie vor ein paar Jahren, als sich die Gemeinden standhaft weigerten, dem Kanton zu viel erhaltenes Geld zurückzuzahlen. Obschon die Sache aussichtslos war, zogen sie den Fall bis vor Verwaltungsgericht weiter. Man verlor, war aber vereint gegen Zürich.

Auch das Kokettieren mit einem Anschluss an den nahen Thurgau gehört zu diesem Verhaltensmuster. Als Beobachter kriegt man bisweilen den Eindruck, dass sich das Stammertal in seine chronisch gewordene Ablehnung gegenüber dem Kanton verbeisst – und sich so zugleich an diesen kettet. Zu dieser negativen Form von Abhängigkeit passt auch das Sich-Kleinmachen. Hier das kleine Stammertal, dort das grosse Zürich. Dies hat sich auch jüngst wieder gezeigt, als Fusionsgegner eine Teilnahme an einem Podium ablehnten. Die sinngemässe Begründung: Man getraue sich nicht, gegen die Regierungsrätin anzutreten, da habe man keine Chance.

Das Stammertal sollte sich endlich ein Stück weit aus der langjährigen Abhängigkeit des Kantons befreien. Sich nicht von ihm ständig vor sich hertreiben lassen. Kein Jammertal sein, sondern ein selbstbewusstes Tal, das die Herausforderungen gemeinsam stemmt. Die lähmende Passivität durchbrechen, mehr noch auf den eigenen Beinen stehen. Aber: Um die Vorteile einer Fusion zu verwirklichen, muss man diese wirklich wollen. Sie fallen einem nicht in den Schoss.

Das Stammertal verbeisst
sich in seine chronisch
gewordene Ablehnung
gegenüber dem Kanton.

So heisst es auch im Fazit des gemeinsamen Weisungsentwurfs aller Stammertaler Gemeinden: «Gelingt es aber, das Synergiepotenzial in den Bereichen Organisation und Liegenschaften zu nutzen, verbessert sich der Haushalt und der Spielraum für Neuinvestitionen würde grösser als in der heutigen Lösung ohne Fusion.» Das Stammertal hat also jetzt die Chance, sich einen Freiraum zu schaffen und etwas Gestaltungsspielraum zurückzuerobern.

Der Waltalinger Gemeinderat ist der einzige im Tal, der eine Fusion klar befürwortet. Es ist ein Gebot der gutnachbarschaftlichen Zusammenarbeit, dass auch Ober- und Unterstammheim Ja sagen zu einem Zusammenschluss. Lassen die Nachbarn Waltalingen aber im Regen stehen, verkommt die viel beschworene Stammertaler Solidarität zur Farce. Die beiden Stammheim haben sich nun allerdings eine rosige Finanzzukunft im Alleingang ausgerechnet. Und es wird auch gesagt, dass der Zeitpunkt für eine Fusion nicht der richtige sei.

Ja aber wann dann? Wenn der Kanton den Druck so stark erhöht hat, dass den Gemeinden schlicht keine andere Möglichkeit mehr bleibt, als zu fusionieren? Dann würde das Tal aber wieder in seine lieb gewordene Opferrolle verfallen. ­Dabei wäre es dem Stammertal zu ­wünschen, wenn es diese Rolle endlich ablegen könnte. Das Tal muss nicht für Zürich oder Fehr Ja sagen, sondern für sich selber.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.09.2017, 09:32 Uhr

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