Rheinau

Trinkwasserreserve im Weinland wird mit dem Klimawandel wichtiger

Um trotz des Klimawandels auch für kommende Generationen genügend Trinkwasser zu haben, soll das Grundwasservorkommen bei Rheinau in Zukunft stärker genutzt werden. Dafür braucht es ein Schutzareal.

Nördlich des Thurspitzes (unten links) liegt das Grundwasserschutzareal Rheinau. Auch die Stadt Winterthur besitzt hier das Recht, das Grundwasser zu nutzen.

Nördlich des Thurspitzes (unten links) liegt das Grundwasserschutzareal Rheinau. Auch die Stadt Winterthur besitzt hier das Recht, das Grundwasser zu nutzen. Bild: Heinz Kramer

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Anfang Juli erhielten alle Grundeigentümer im Gebiet des Grundwasserschutzareals Rheinau einen Brief vom kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel). Sie werden zu einer Orientierungsversammlung eingeladen, die im September stattfindet. Auslöser ist die sogenannte Ausscheidung des Grundwasserschutzareals. Damit ist nicht etwa der Wegfall, sondern dessen Festlegung gemeint. So soll das Schutzareal für die künftige Trinkwassergewinnung gesichert werden, wie es der Bund vorschreibt.

Es sind Superlative, mit denen das Grundwasserschutzareal Rheinau in einem Fachbericht umschrieben wird: Es ist das «mit Abstand grösste» Areal dieser Art im Kanton Zürich und für die Gewinnung von Trinkwasser «sehr geeignet und sehr ergiebig» und deshalb von «grösster strategischer Bedeutung». Das knapp zehn Quadratkilometer grosse Schutzareal gilt als «die bedeutendste strategische Trinkwasserressource für kommende Generationen» im Kanton.

Heute werden etwa 10 Prozent des dortigen Grundwassers genutzt. Als Folge des Bevölkerungswachstums und Klimawandels, heisst es in dem Bericht weiter, würde dieser mächtige Rheingrundwasserstrom stärker genutzt als heute.

80 Prozent Wald

Ganz im Norden des Areals sickert Rheinwasser in den kiesig-sandigen Untergrund und wird so natürlich zu Grundwasser gefiltert. Das Grundwasserschutzareal ist zu 80 Prozent bewaldet, fast nur im nördlichsten Teil gibt es landwirtschaftliche und bebaute Flächen. Nutzungsbeschränkungen gälten bereits heute, teilt die kantonale Baudirektion auf Anfrage mit. Für die Landwirtschaft seien im Moment keine zusätzlichen Beschränkungen vorgesehen. Bei der jetzigen Festsetzung des Grundwasserschutzareals werde das Augenmerk vielmehr auf langfristige Bauten, Anlagen und Infrastrukturen gelegt, die später ein Problem in Sachen Grundwasserschutz darstellen könnten.

«Einwandfreie Qualität»

Die Grundwasserschicht im Rheinauer Schutzareal ist 10 bis 15 Meter mächtig. Wie erwähnt sickert Rheinwasser im Norden in das Areal ein und wird zu Grundwasser, das unterirdisch langsam Richtung Südwesten fliesst. Bei der Chuetränki, einer kiesigen Stelle am Rheinufer südlich von Rheinau, sprudelt ein Teil dieses Wassers wieder an die Erdoberfläche. Auch von Osten her, südwestlich von Marthalen, strömt Grundwasser ins Areal ein. Insgesamt strömen pro Minute schätzungsweise 20000 Liter Grundwasser durch das Schutzareal von Norden Richtung Süden. Davon sind knapp zwei Drittel sogenanntes Rheininfiltrat – Flusswasser also, das ins Gebiet einsickert.

Das Tor zum Endlager läge ganz in der Nähe des Grundwasserschutzareals Rheinau
Wo genau im Weinland das oberirdische Tor zum unterirdischen Atomendlager gebaut würde, darüber wird seit Jahren diskutiert. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) entscheidet voraussichtlich 2022, ob sie das Endlager im Zürcher Weinland, Zürcher Unterland oder am Aargauer Bözberg bauen will. Im Weinland würde das Tor zum Endlager vermutlich in einem Gebiet nördlich von Marthalen liegen (siehe Karte). Untersuchungen der Nagra haben gezeigt, dass sich unter dem bislang vorgeschlagenen Standortareal überraschend ein Grundwasservorkommen befindet. Wenn man das Tor zum Endlager dort bauen würde, dann könnte man die Anlage wegen dieses Vorkommens nicht etwas im Gelände absenken, was wegen des Landschaftsbildes wünschbar wäre. Daher schlägt die Nagra aktuell ein Standortareal etwas weiter nordwestlich vor. Doch das Wichtigste ist nicht der Schutz des Landschaftsbildes, sondern des nahen, mächtigen Rheingrundwasserstroms. Der zentrale Befund der Nagra besteht darin, dass es unter beiden Standortvorschlägen keine direkten Verbindungen zu diesem Grundwasservorkommen am Rhein gibt. Würde eine solche Verbindung bestehen, würde der Kanton einen Standort aus Vorsorgegründen ablehnen. Folglich richtet sich die aktuelle Festlegung des Grundwasserschutzareals Rheinau nicht nach den Nagra-Vorschlägen, sondern umgekehrt. (mab)

Laut dem Fachbericht, aus dem all diese Informationen stammen, ist das Grundwasser im Schutzareal Rheinau von «einwandfreier Qualität». Aktuell sind im Gebiet drei öffentliche Trinkwasserfassungen für Gemeinden in der Region in Betrieb. Auch die Stadt Winterthur besitzt dort seit 1967 eine Konzession zur Entnahme von aktuell maximal 40000 Liter Grundwasser pro Minute. Genutzt wird diese Bewilligung derzeit zwar nicht. Doch voraussichtlich im Jahr 2035 soll dies der Fall sein und ein Grundwasserwerk sowie eine Wasserpipeline bis nach Winterthur gebaut werden. Das Projekt dazu wurde bereits 1963 erarbeitet. Nach heutigen Schätzungen soll das Vorhaben 70 Millionen Franken kosten. In den Jahren 1967/1968 wurde ein grosser Pumpversuch durchgeführt: Im Dauerbetrieb wurden während 16 Monaten 12 Millionen Kubikmeter Grundwasser entnommen. Nur zwei Tage nach Ende des Versuchs war das Grundwasserfeld «wieder praktisch vollständig aufgefüllt», heisst es im Bericht, der diese Resultate «eindrücklich» nennt.

Zusätzliches Grundwasser

Um künftig noch mehr Grundwasser entnehmen zu können, sind sogenannte Anreicherungsbecken angedacht, die bereits in den 1960er-Jahren geplant wurden. Dabei würde am Nordrand des Areals Wasser aus dem Rhein gepumpt und über Rohre in mehrere Mulden im Gelände geleitet. Dort versickert das Flusswasser in den kiesig-sandigen Untergrund, sodass dort Grundwasser entsteht. Eine dieser Mulden läge am Mederbach im Gebiet Fosenacker im Niderholz – just dort, wo der Biber vor über zehn Jahren bereits einen natürlichen See aufgestaut hat.

Erstellt: 12.08.2019, 13:45 Uhr

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