Endlager

Den Deutschen mitten in die schöne Aussicht

Die Nagra hat für das Tor zum Endlager einen alten Standortvorschlag wieder ins Spiel gebracht.Von Marthalen aus ist dieser Standort zwar nicht zu sehen, dafür umso besser aus der deutschen Gemeinde Lottstetten.

Blick von der deutschen Gemeinde Lottstetten aus hinüber zum möglichen Standort des Tors zum Endlager in der Schweiz. Foto: M. Brupbacher

Blick von der deutschen Gemeinde Lottstetten aus hinüber zum möglichen Standort des Tors zum Endlager in der Schweiz. Foto: M. Brupbacher

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Alpenblickstrasse, Säntisblickstrasse oder Panoramaweg: Bereits die Strassennamen in einem Wohnquartier der deutschen Gemeinde Lottstetten lassen die schöne Aussicht in die Schweiz erahnen.

Doch vor diese Kulisse könnte sich eine grosse atomare Industrieanlage schieben. Denn kürzlich hat die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) überraschend einen alten, einst verworfenen Standortvorschlag für das oberirdische Tor zum unterirdischen Endlager wieder ins Spiel gebracht (Der «Landbote» berichtete). Dieser Hauptzugang zum Lager – eine Anlage fast so gross wie die Winterthurer Altstadt – läge rund fünf Kilometer Luftlinie von Lottstetten entfernt.

«Natürlich ist man
in Lottstetten davon
nicht begeistert.»
Jürgen Link
Bürgermeister Lottstetten

Ob die Nagra das Endlager für hoch radioaktive Abfälle im Zürcher Weinland, im Zürcher Unterland oder am Aargauer Bözberg bauen will, wird sie voraussichtlich im Jahr 2022 bekannt geben. Anfang 2030 entscheidet das Bundesparlament darüber, und danach gibt es vielleicht eine Volksabstimmung (fakultatives Referendum).

Nach einem Ja folgen weitere Untersuchungen untertags. Der Bau des geologischen Tiefenlagers für hoch radioaktive Abfälle, so die Planung heute, würde von 2049 bis 2059 dauern. Zwischen 2060 und 2074 sollen die Abfälle ins Endlager gebracht werden.

Hinter dem Berg

«Natürlich ist man in Lottstetten davon nicht begeistert», sagt Bürgermeister Jürgen Link über den Standort, der von der deutschen Gemeinde aus einsehbar wäre.

Allerdings könne Lottstetten aufgrund dieser Einsehbarkeit in der dafür zuständigen Fachgruppe in der Endlager-Regionalkonferenz mitarbeiten, «was uns sehr wichtig ist, um die Interessen der Gemeinde Lottstetten vertreten zu können». Der bisherige Standort für das Tor zum Endlager läge hinter dem bewaldeten Hügel Berg und wäre von Lottstetten aus nicht zu sehen – dafür von Marthalen aus.

«Am wenigsten ungeeignet»

Nach jahrelangem Ringen einigte sich die Region auf den «am wenigsten ungeeigneten Standort» – so die offizielle Wortschöpfung – für das Tor zum Endlager. Doch letztes Jahr wurde unter diesem Standort ein neues, bislang unbekanntes Grundwasservorkommen entdeckt.

Damit könnte die Nagra die Grossanlage nicht so tief im Gelände versenken, um sie in der Landschaft zu verbergen. Die Grundwasseruntersuchung der Nagra ergab noch etwas Neues: Unter dem alten, einst verworfenen Standort im Rinauerfeld ist die Nagra auf ein weiteres, kleines Grundwasservorkommen gestossen, das aber nicht wie bis anhin geglaubt direkt mit dem Grundwasserstrom des Rheins verbunden ist.

Daher schlägt die Nagra diesen alten Standort erneut vor. Sie tut dies eben auch, weil das Tor zum Endlager dort etwa von Marthalen aus kaum noch zu sehen wäre.

Mit oder ohne «heisse Zelle»

In den kommenden Monaten wird die Region also wieder zwei Standortareale für das Tor zum Endlager diskutieren – je mit und ohne «heisse Zelle».

Auf Drängen des Weinlandes muss die Nagra je eine Variante ohne dieses atomare Hochsicherheitsgebäude ausarbeiten, in dem die in Castorbehältern angelieferten, hoch radioaktiven Abfälle in die kleineren Endlagerbehälter umgepackt werden. Ohne «heisse Zelle» wäre das Tor zum Endlager kleiner und das höchste Gebäude auf dem Gelände 15 statt 25 Meter hoch.

Bis 30 Meter hohe Bauten

Die Nagra hat kürzlich nicht nur den alten Standortvorschlag für das Tor zum Endlager wieder ins Spiel gebracht, sondern auch die Vorschläge für die sogenannten Nebenzugangsanlagen veröffentlicht. Gemeint sind die oberirdischen Bauten für den Betrieb und die Lüftung des unterirdischen Lagers.

Ebenfalls vorgeschlagen wurde der Standort für einen Verladebahnhof an der Bahnlinie Winterthur–Schaffhausen. Das höchste Gebäude der Nebenzugangsanlage für den Lagerbetrieb wäre 30 Meter hoch, jenes für die Lüftung 10 Meter.

Der neue Bahnhof wäre 15 Meter hoch. Beim neu-alten Vorschlag für das Tor zum Endlager im Rinauerfeld läge die Zugangsanlage für den Betrieb direkt daneben, ebenso der Verladebahnhof. Einzig der Lüftungszugang befände sich Richtung Benken oder Marthalen.

Oben der bisherige Standortvorschlag für das Tor zum Endlager samt Nebenanlagen (rot) unten der neue Vorschlag. Quelle: BFE, Grafik: ada

Erstellt: 18.06.2019, 10:34 Uhr

Vom neuen Nagra-Vorschlag für das Tor zum Endlager ist Rheinau am stärksten betroffen.

«Verbotene Stadt» und keine Vorfreude auf die Nagra

Gitter, Drähte, hohe Mauern und Überwachungskameras: Schon als die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich vor Jahren den Hochsicherheitstrakt für psychisch kranke Straftäter am Ortseingang baute, freute man sich nicht in Rheinau. Doch mit dem neuen Vorschlag der Nagra, fast alle oberirdischen Bauten zum unterirdischen Endlager vor den Toren Rheinaus zu bauen, ist der Ärger heute noch grösser.

Mit dem Begriff «Tiefenlager» werde der Bevölkerung «Sand in die Augen gestreut», schreibt der Rheinauer Gemeinderat in einer Stellungnahme. Denn für den Bau und den Betrieb des Lagers im Untergrund brauche es «sehr grosse Anlagen an der Oberfläche», wobei die Auswirkungen «über Jahrzehnte sicht- und spürbar» seien. Und wo all das Aushubmaterial in dieser Zeit gelagert werden soll, das habe die Nagra noch nicht gezeigt.

Die Region könne sich immer nur in einzelnen Tranchen äussern, die Informationen erfolgten gestaffelt. Solche Abläufe seien für Milizbehörden kaum mehr zu bewältigen – und: «Dies führt zu einer Ermüdung und Zermürbung in den Gremien und schwächt das Mitwirkungsverfahren ganz erheblich.»

Dass die Nagra den alten, bereits verworfenen Standortvorschlag im Rinauerfeld wieder ins Spiel gebracht hat, «bemängelt der Gemeinderat Rheinau ausdrücklich». Dieser Standort liege noch näher beim mächtigen Rheingrundwasserstrom. Der Rat erwarte vom Kanton Zürich, «dass er sich vehement gegen einen solchen Standort zur Wehr setzt, geht es doch nicht nur um das Trinkwasser der Gemeinde Rheinau, sondern um die strategische Trinkwasserreserve des Kantons Zürich».

«Höchst bedenklich»

Auch aus raumplanerischen Gründen bezeichnet der Gemeinderat den Vorschlag als «höchst bedenklich». Die Industrieanlage grenze praktisch nahtlos an eine Landschaft, die sich im Bundesinventar der geschützten Landschaften befindet.

Tor zum Endlager, Nebenzugangsanlagen und Verladebahnhof nebeneinander: Der Rheinauer Gemeinderat spricht von einer «verbotenen Stadt», einem abgesperrten Gebiet, sodass die Hauptstrasse nach Rheinau umgeleitet werden müsste.

«Es ist mühsam»

«Es sind ziemlich mühsame Diskussionen», schreibt Rheinaus Gemeindepräsident Andreas Jenni (SP) im Vorwort des aktuellen Mitteilungsblattes. Er meint die Debatte darüber, ob die oberirdische Atomanlage nun ein paar 100 Meter weiter nördlich oder südlich zu liegen kommen soll. «Als ob die radioaktive Gefahr Gemeindegrenzen kennen würde.» Anfang Mai habe ihm ein Nagra-Vertreter gesagt, dass er sich auf die Zusammenarbeit mit der Region freue.

Jenni ist der einzige Gemeindepräsident im Weinland, der die Nagra öffentlich derart deutlich kritisiert. Es sei seine Pflicht, sich für die Gemeinde Rheinau einzusetzen, «auch wenn es mühsam ist», schreibt er weiter. Immerhin gebe ihm das die Möglichkeit, «dem erstaunten Vertreter der Nagra zu entgegnen: ‹Nein, ich freue mich nicht auf die Nagra!›»

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Diverse Bohrungen in die Tiefe

Im Herbst 2016 reichte die Nagra acht Gesuche für Tiefenbohrungen ein, um die Gesteinsschichten im Weinländer Untergrund näher zu untersuchen. Derzeit wird auf Trülliker Gemeindegebiet der erste Bohrplatz gebaut, im Juli startet diese Bohrung östlich von Trüllikon.

Als zweite Bohrung im Weinland ist jene bei Marthalen vorgesehen, definitiv ist dies laut Nagra aber noch nicht. Bohrstart dort wäre nicht vor November. Sechs weitere Bohrgesuche hatte die Nagra in den Gemeinden Laufen-Uhwiesen (2), Dachsen (1), Rheinau (1) sowie in Trüllikon (2 weitere) eingereicht.

Ob/wann im Weinland weitere Tiefenbohrungen durchgeführt werden, das kann die Nagra noch nicht sagen. Dies wird fortlaufend aufgrund der Bohrergebnisse entschieden. (mab)

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