Uesslingen

Den Pestiziden den Kampf angesagt

Die Initiative für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung will Pestizide und Antibiotika im Wasser bekämpfen. Auf dem Bio-Weingut Lenz in Uesslingen wurde das Thema diskutiert.

Der Pestizideinsatz in der Landwirtschaft gerät zunehmend in die Kritik. In fast allen Böden und Gewässern des Landes sind Rückstände zu finden.

Der Pestizideinsatz in der Landwirtschaft gerät zunehmend in die Kritik. In fast allen Böden und Gewässern des Landes sind Rückstände zu finden. Bild: Marc Dahinden

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In Schweizer Bächen fanden Forschungsanstalten insgesamt 145 Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln. Im Jahr 2016 mussten in Bayern drei Bio-Biere vom Markt genommen werden, weil sie Pestizide enthielten. In Frankreich gilt Parkinson bei Winzern als von Chemikalien verursachte Berufskrankheit und Anfang Monat wurden Studien publik, die in praktisch jedem Schweizer Acker Pestizidrückstände nachweisen konnten.

«All diese Fakten haben mich sehr bewegt», sagte Winzer Roland Lenz am Donnerstagabend auf seinem Weingut in Uesslingen. Er produziert seit 25 Jahren biologisch und setzt sich derzeit für die Trinkwasser-Initiative ein. Darum war er Gastgeber für einen Infoabend mit der Initiantin Franziska Herren. Gut 70 Personen sind der Einladung auf den Iselisberg gefolgt.

«Der Konsument unterstützt die Landwirtschaft jährlich mit über drei Milliarden Franken aus Steuergeldern, aber er kennt die Wahrheit über die Produktion nicht.»Franziska Herren, Initiantin Trinkwasserinitiative

Herren legte in einem kurzen Vortrag dar, warum sie die Initiative lanciert hat: «Der Konsument unterstützt die Landwirtschaft jährlich mit über drei Milliarden Franken aus Steuergeldern, aber er kennt die Wahrheit über die Produktion nicht.» Mit Werbekampagnen werde den Menschen vorgekaukelt, dass die Landwirtschaft ökologisch und tiergerecht sei. Dabei habe die Schweiz Probleme mit Nitrat, Ammoniak, Pestiziden und Antibiotika in der Luft, in Gewässern und Böden. Zudem machen resistente Keime und Pilze dem Gesundheitssystem zu schaffen.

«Keine Schikane»

Die Initiative hat drei Hauptanliegen: Subventionen erhalten Bauern nur noch wenn sie ohne chemische Pestizide sowie ohne prophylaktischen Antibiotikaeinsatz arbeiten und dass sie nur so viele Tiere halten dürfen, wie sie mit dem eigenen Land ernähren können. Man könne natürlich nur Bio-Produkte kaufen, sagte Herren. Das tue sie selbst schon lange. «Aber wenn der Staat Milliarden in eine Produktion investiert, die auf Gift setzt, kann Bio kaufen nicht die Wende bringen.» Und sie wolle mit der Initiative eine andere Richtung einschlagen, weg von Pestiziden und prophylaktischem Antibiotika-Einsatz.

«Wir werden stetig vergiftet und können uns nicht wehren»Diskussionsteilnehmer

«Ich möchte hier aber klar stellen, dass wir nicht vorhaben, die Schweizer Bauern zu schikanieren», sagte Herren. «Das ist nicht unsere Motivation.» Vielmehr mache man sich Sorgen um die Zukunft der Landwirtschaft und der Biodiversität.

«Alkohol ist krebserregend»

Nach dem Vortrag wurde die Runde für die Diskussion geöffnet. Einige Teilnehmer waren sehr besorgt. «Wir werden stetig vergiftet und können uns nicht wehren», sagte ein Mann. «Falsch», widersprach Herren. Man könne sich wehren. Der Konsument müssen seine Empörung zum Ausdruck bringen, beim Einkauf nach den Produktionsbedingungen fragen und entsprechend kaufen, und er müsse zeigen, dass er seine Steuergelder nicht in diese Art von Produktion investieren wolle.Viele im Saal stimmten Herrens Argumenten zu und zeigten sich besorgt über die zunehmenden Pestizidrückstände.

«Beim Alkohol entscheide ich selbst, ob ich ihn trinken will, er ist nicht automatisch in meinem Wasser enthalten.»Diskussionsteilnehmerin

Ein Landwirt übte aber auch Kritik an der Initiative: «Wenn der Rhein Basel verlässt werden Messungen gemacht und die Verschmutzungen durch Pestizide liegen bei zwei Prozent.» Daneben würden Medikamente, Mikroplastik und anderes gefunden. «Die Landwirtschaft muss handeln, das ist mir klar.» Aber es werde auch schon viel gemacht, das müsse man anerkennen. Man diskutiere zum Beispiel über Glyphosat, dass vielleicht krebserregend sein könnte. «Alkohol ist ganz sicher krebserregend und befindet sich hier im Weingut in jeder Flasche», argumentierte der Bauer.Beim anschliessenden Apéro meinte eine Frau dazu: «Beim Alkohol entscheide ich selbst, ob ich ihn trinken will, er ist nicht automatisch in meinem Wasser enthalten.»

Noch viele Baustellen

Auch andere Votanten wiesen darauf hin, dass die Abwässer zusätzlich mit Medikamentenrückständen oder Putzmitteln verschmutzt würden, sich die Initiative aber nur auf die Landwirtschaft konzentriere.

Herren konterte: «An jeder Veranstaltung werde ich darauf hingewiesen, was man sonst noch alles retten soll.» Ihr sei durchaus bewusst, dass es noch mehr Baustellen auf der Welt geben. Aber sie habe sich nun auf die Landwirtschaft mit ihrem Pestizid- und Antibiotikaeinsatz konzentriert. «Wenn Sie sich noch gegen weitere Umweltsünden einsetzen wollen, starten Sie auch Initiativen und ich werden Sie unterstützen», versprach Herren.

Einige Landwirte befürchteten einen Preiszerfall. Ausländische Produzenten müssten die Auflagen der Initiative nicht einhalten. «Dann importieren wir einfach Produkten aus Ländern, in denen es keine Auflagen zum Tierwohl gibt», kritisierte eine Votantin.

«Der Bauernverband macht uns nur Angst, weil er alles beim Alten lassen will»Ein Landwirt an der Diskussion

«Wir können mal in unserem Land anfangen», antwortete Herren. Und der Konsument könne zum Beispiel auch bei ausländischen Produkten auf Bio-Label und faire Produktion achten. Zudem könnten Grossverteiler ihren Produzenten im Ausland auch Auflagen machen, wie das schon bei einigen der Fall sei.

6000 Bio-Bauern als Beweis

Zum Preisdruck meinte Franziska Herren: «Die konventionelle Landwirtschaft verursacht Folgeschäden an der Umwelt von geschätzen 7,9 Milliarden Franken.» Wenn Kostenwahrheit herrschen würde, müssten die Produkte massiv teurer werden, um diese Schäden zu begleichen. «Am Ende wäre Bio sogar günstiger.» Einige anwesende Bio-Landwirte wiesen auch darauf hin, dass der Preisunterschied für den Produzenten schon jetzt gering sei. «Der Bauernverband macht uns nur Angst, weil er alles beim Alten lassen will», sagte ein Landwirt.

6000 Schweizer Bio-Bauern würden heute schon beweisen, dass man nach den Standards der Inititative produzieren könne, argumentierte Herren. Sie forderte die Anwesenden auf, mutig zu sein. «Für unsere Gesundheit und unsere Kinder.»

Erstellt: 26.04.2019, 17:00 Uhr

Die Winzerfamilie

Bio-Winzer lancieren ein eigenes Label

Die Winzer-Familie Lenz arbeitet eng mit dem Bio-Winzer Bruno Martin aus dem Bernischen Ligerz zusammen. Auch Martin war an dem Infoabend anwesend. Seit 30 Jahren arbeitet er biologisch und wird wie Lenz immer wieder mit Preisen ausgezeichnet. «Aber wir müssen noch mehr machen, vorwärts kommen», sagt Martin. «Und wir müssen zeigen, dass eine natürliche Produktion auch wirtschaflich ist.» Darum haben er und Lenz das Label «Pesticide free» lanciert. Die Weine aus resistenten Rebsorten, die dieses Label tragen, werden von einem Labor analysiert und zertifiziert. Doch sie sind nicht nur frei von Pestiziden, sondern werden auch ohne Kupfer und Schwefel produziert, die im Bio-Landbau erlaubt wären. Ausserdem werden die Reben nicht bewässert. (rut)

Trinkwasserinitiative

Das sagen die Gegner der Trinkwasserinitiative

Im Januar 2018 wurde die Initiative für sauberes Trinkwasser eingereicht. Das Volk wird voraussichtlich 2020 darüber abstimmen. Der Bundesrat hat die Initiative ohne Gegenvorschlag abgelehnt. Er argumentiert, dass der Gesetzgeber mit dem «Aktionsplan Pflanzenschutzmittel» und der «Strategie Antibiotikaresistenzen» bereits auf die Anliegen der Initianten reagiere und Massnahmen plane. Auch der Bauernverband bekämpft die Initiative: Sie würde die Landwirtschaft «auf den Kopf stellen». Er sieht die einheimische Lebensmittelproduktion gefährdet. Einige Pflanzen könnten ohne Pestizide kaum angebaut werden und die Haltung von Schweinen und Hühnern würde eingeschränkt. Der Verband hat darum die Kampagne «Wir schützen, was wir lieben» lanciert. (rut)

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