Stammheim

Der Förster und seine Charakterbäume

Christian Bottlang kennt die Wälder im Stammertal bis in den hintersten Winkel. Zu einigen Bäumen hat er eine spezielle Beziehung. Er hält sie für besonders schützenswert. Auch, weil sich der Wald seit dem Sommer 2017 rasant verändert.

Christian Bottlang misst den Stammumfang einer Douglasie.

Christian Bottlang misst den Stammumfang einer Douglasie. Bild: Madeleine Schoder

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Beinahe sieht es so aus, als würde Christian Bottlang die prächtige Silberpappel umarmen. Der Förster muss sich mit einem Messband eng an die Rinde pressen, um den Stammumfang erfassen zu können. Holunder- und Nussbaumäste versperren ihm den Weg. «Fünf Meter, 80 Zentimeter!», ruft er mit stolzer Stimme zwischen den Zweigen hervor.

Dabei sei die Silberpappel, die mitten auf einem Feld bei Guntalingen steht, vielleicht erst 70 Jahre alt. «Ein schöner Baum, der schnell wächst», sagt Bottlang, als er wieder davor steht.

Die Silberpappel ist eine Seltenheit in seinem Forstrevier. Denn Bäume dieser Grösse, die frei im Feld stehen, gibt es nur noch wenige. Viele sind längst gefällt, damit die Bewirtschaftung der Felder einfacher wird. «Einen solchen Baum müsste man schützen», sagt er.

Bäume mit Magie

Die Silberpappel ist nicht der einzige Baum in seinem Revier, auf den er ein spezielles Augenmerk gelegt hat. Der Förster hat sich das Ziel gesetzt, verschiedene Charakterbäume des Stammertals zu porträtieren. Er sieht das als Ausgleich zur Betreuung des Wirtschaftswalds. Zudem will er auf besondere Bäume aufmerksam machen. Einige von ihnen hätten eine ganz eigene Magie und könnten den Betrachtern viel geben.

«Das hohe Alter der Bäume und ihre Einzigartigkeit lassen einem die grosse Verantwortung bewusst werden, die man ihnen gegenüber hat», sagt Bottlang. «Sie stehen über Jahrhunderte einfach nur da, reinigen die Luft und bieten Lebensraum.» Ein gutes Dutzend Charakterbäume hat er mit Text und Bild bereits porträtiert. Weitere sollen folgen.

Auf einem Rundgang mit Bottlang durch die Stammer Wälder sind jedoch nicht nur eindrückliche Einzelbäume zu sehen. Augenscheinlich wird auch, wie stark sich der Wald derzeit verändert. Ganze Fichtenbestände sind zugrunde gegangen, überall sind freie Flächen zu sehen. «Unser Wald ist arg gebeutelt», sagt Christian Bottlang. Im Sommer 2017 zog ein heftiger Sturm über das Stammertal.

Circa 10 Prozent der Waldfläche sind seither verschwunden. Dazu beigetragen haben die Borkenkäfer: Sie profitieren vom heissen und trockenen Wetter und breiteten sich explosionsartig aus. «Ich bin hier seit 32 Jahren Förster. Noch nie waren die Veränderungen so gross, wie in den letzten beiden Jahren», sagt Bottlang. Er zeigt auf einen dicht bewachsenen, dunklen Fichtenbestand, dem er nur noch wenige Jahre gibt. «Der Borkenkäfer wird sich auch hier nicht mehr aufhalten lassen.»

Nahrung für Insekten

Für die Mitarbeiter im Forstrevier haben sich die Aufgaben seit 2017 geändert. Nach monatelangen Holzarbeiten sind sie jetzt vor allem damit beschäftigt, freigewordene Flächen zu pflegen. Es sollen daraus resistente, artenreiche Waldstücke entstehen. Ein Lernender gräbt an diesem Novembertag mit einer Spitzhacke auf einer neuen Lichtung ein Loch in den verwurzelten Boden und setzt eine Eiche ein.

Auch Douglasien werden gefördert. Beide wurzeln tiefer als Fichten und können besser mit höheren Temperaturen umgehen. Gehegt werden zudem etwa Edelkastanien oder Nussbäume. Neophyten wie Sommerflieder werden hingegen ausgerissen.

Die Waldfläche für Anpflanzungen wählen die Forstarbeiter bewusst. Sie achten darauf, ob die Bäume hier auch natürlich vorkommen. So stehen auf der erwähnten Lichtung bereits einzelne knorrige Eichen, die dem Sturm widerstanden haben. Andere verrotten am Boden und bieten so Insekten Nahrung. Die Pflanzungen sind sanfte Eingriffe. Ziel ist ein Wald, der langfristig stabil bleibt und der möglichst wenig Pflege braucht.

Die grosse Aach

Zuoberst auf dem Stammerberg wächst eine uralte Eiche. Circa 350 Jahre alt soll sie sein. Schilder weisen den Weg zur «grossen Aach». Dort angekommen, braucht es einen Moment, um den Baum in seiner vollen Grösse zu erfassen: Die Krone verzweigt sich weit oben in alle Richtungen. Die Rinde ist mit tiefen Furchen durchzogen, auf der Westseite ist sie mit Moos bewachsen. Der Stammumfang beträgt fünf Meter und 20 Zentimeter. Ein Holztisch und Bänke laden zum Verweilen ein – und zum längeren Betrachten der mächtigen Eiche.

«Der Baum strahlt eine gewisse Ruhe und Kraft aus», sagt Förster Christian Bottlang. «Um das zu spüren, muss man kein Esoteriker sein. Immer wieder kommen Leute hierher, um den Baum zu sehen.»

Eichen gelten als Symbol für Langlebigkeit und Standhaftigkeit, sie können bis zu 1000 Jahre alt werden. Die Eiche auf dem Stammerberg hatte Glück, dass sie noch stehen darf. In den 70er-Jahren habe man sie fällen wollen, sagt Bottlang weiter. «Doch im Dorf formierte sich Widerstand.» Inzwischen sei der Baum geschützt. Früher stand die Eiche alleine auf dem höchsten Punkt des Stammerbergs, inzwischen ist sie von Buchen umringt, die sie mit ihrem schnelleren Wachstum bedrängen. Die Förster achten darauf, dass dies nicht im Übermass geschieht.

Auf dem Stammerberg steht eine besondere Eiche: Die grosse Aach, wie sie Einheimische nennen.Foto: Madeleine Schoder

Alte Eichen bieten diversen Insekten und Vögeln Lebensraum. Im Stammerwald profitiert etwa der Mittelspecht davon. Ihr Bestand habe in den vergangenen Jahren zugenommen, sagt Bottlang. Sein Lieblingsort im Forstrevier: Der alte Eichenwald am Stammerberg.

Erstellt: 07.12.2019, 14:44 Uhr

Die leidende Bergulme

Die Bergulme im Stammerwald ist leicht zu übersehen. Das Laub ist Ende November schon abgefallen. Der Baum wirkt unscheinbar. Und dennoch hat ihn Förster Christian Bottlang in sein Inventar der Charakterbäume aufgenommen, denn Bergulmen sind selten geworden. Eine zweite Bergulme ganz in der Nähe musste kürzlich gefällt werden. Der Splintkäfer hatte ihr zugesetzt.



Gut 100 Jahre zählt die Bergulme bereits. Bild: Madeleine Schoder.

Das Insekt bohrt sich in die Rinde der Ulmen und infiziert sie mit einem Pilz, der die Leitungsbahnen verstopft. Seit den 70er-Jahren sind Ulmen in der Schweiz auf dem Rückzug, man spricht vom Ulmensterben. Christian Bottlang hofft dennoch, dass die grosse Bergulme im Stammerwald noch länger lebt, circa 100 Jahre alt ist sie schon geworden. Ihr Laub baue sich rasch ab und sei gut für den Boden. Der Förster nimmt ein Blatt in die Hand. Die feinen Linien verlaufen asymmetrisch.

Die robuste Douglasie

Douglasien gelten nicht als einheimisch. Sie kommen vor allem in Nordamerika vor und werden dort teilweise über 80 Meter hoch. In einem Waldstück in der Nähe von Waltalingen wachsen seit circa 100 bis 120 Jahren drei eindrückliche Douglas-Tannen. Sie sind circa 45 Meter hoch, der Stammumfang beträgt über drei Meter.



Douglasien bieten manchen Spechten ein Zuhause. Bild: Madeleine Schoder.

Douglasien sind in der Schweiz für manche ein Hoffnungsträger. Sie könnten dereinst Fichtenbestände ablösen. Denn die Bäume sind mit ihrem harten Holz wirtschaftlich interessant und robust. Sie wurzeln tiefer als Fichten und können besser mit Trockenheit und Stürmen umgehen. Bislang seien sie kaum von Schädlingen betroffen, sagt Förster Christian Bottlang. Die grobe Rinde sei für Spechte interessant. Und es gebe Hinweise, dass Douglasien vor der Eiszeit auch hier vorgekommen seien. Sie verbreiten sich natürlich, aber nicht zu schnell.

Die prächtige Silberpappel

Besonders eindrücklich sehen Silberpappeln aus, wenn ein Sturm aufzieht. Die Blätter mit ihrer weissen Unterseite wirbeln dann in der Luft, die Windstösse zeichnen sich wie Wellen auf dem Baum ab. Eine prächtige Silberpappel steht einsam auf einem Feld bei Guntalingen. Sie erinnert Förster Christian Bottlang an längst vergangene, urtümliche Landschaften. Früher seien grosse Silberpappeln häufiger zu sehen gewesen.



Diese Silberpappel ist selten - und gut 70 Jahre alt. Bild: Madeleine Schoder

Sie mögen sumpfige, feuchte Böden, die es heute immer weniger gibt. Wirtschaftlich sei der Baum kaum interessant, der schnell wachsende Baum liefert eher weiches Holz. Doch für die Artenvielfalt leistet sie einen wichtigen Beitrag. In der dicken Rinde und absterbenden Ästen finden Insekten Nahrung, wovon auch Vögel profitieren. Silberpappeln können über 400 Jahre alt werden. Der Baum in Guntalingen ist circa 70 Jahre alt.

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