Rheinau/Marthalen

Der Kanton und die Nagra sind sich uneins

Dort, wo das «Tor zum Endlager» hinkäme, wird nun der Verlauf des Grundwassers untersucht. Der Kanton findet dies wichtig – die Nagra nur «interessant».

Der Kanton untersucht den riesigen Grundwasserstrom des Rheins in der Nähe des «Tors zum Endlager».

Der Kanton untersucht den riesigen Grundwasserstrom des Rheins in der Nähe des «Tors zum Endlager». Bild: Marc Dahinden

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Würde das Endlager für Atommüll im Zürcher Weinland gebaut, läge das «Tor zum Endlager» nur einen Steinwurf vom mächtigen Grundwasserstrom des Rheins entfernt. Dies muss die Stadt Winterthur ebenfalls interessieren, die dort eine Grundwasserkonzession für den Notfall besitzt. Auch für den Kanton Zürich ist es von grösster Bedeutung, dass diese riesigen, strategischen Trinkwasserreserven nicht gefährdet werden.

Die Oberflächenanlage zum End­lager dürfe nicht an einem Ort errichtet werden, wo sich abfliessendes Wasser mit dem Grundwasserstrom vermischen könnte, schreibt der Marthaler Gemeinderat im aktuellen Mitteilungsblatt. «Die Auswirkungen wären verheerend.» Um dies zu vermeiden, starten demnächst Untersuchungen zum Verlauf des Grundwassers.

Die Angst vor einem Leck

Sollte der Endlager-Entscheid auf das Weinland fallen, würde die Oberflächenanlage wohl im Gebiet Isenbuck-Berg nördlich von Marthalen gebaut – ausserhalb des Rhein-Grundwasserstroms und dessen Zuströmgebiet also (siehe Karte). Doch obschon es unterhalb des Baustandorts selber kaum Grundwasser gibt: Würde die atomare Anlage leckschlagen und verseuchte Flüssigkeit in den Untergrund versickern, würde diese irgendwohin weiterfliessen. Wohin, das sollen die anstehenden Untersuchungen zeigen. Denn Wasser an der Oberfläche nimmt einen anderen Fliessweg als im Untergrund, wo es in gewisser Weise auch «Täler» und «Berge» gibt. «Im Gebiet Isenbuck-Berg wird eine unterirdische Felsrippe, eine Art Hügelzug, vermutet», sagt Kurt Nyffenegger vom kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel). Ob es diesen Felsgrat, der eine unterirdische Wasserscheide darstellt, tatsächlich gibt und wie er verläuft, das soll nun also untersucht werden.

Wohin versickert das Wasser?

Das bedeutet: Je nachdem, wie dieser Grat verläuft, würde ver­sickernde Flüssigkeit schlimmstenfalls direkt in den Grundwasserstrom fliessen. «Vermutlich noch entscheidender als die Felsrippe ist aber die Beschaffenheit des Moränen- und Schottermaterials darüber», sagt Nyffenegger. So sollen die Untersuchungen auch zeigen, ob dieses Material durchlässig ist oder nicht und in welche Richtung das Wasser darin fliesst. Die abzuklärende Frage lautet also, ob die Fliesswege in den Schichten unterhalb des ­«Tores zum Endlager» in Richtung Rhein und damit direkt ins Grundwassergebiet führen. «Es wäre heikel, wenn die Anlage über derartigen Schichten gebaut würde.» Würden die Untersuchungen zu einem solchen Ergebnis führen, «müsste man den Anordnungsspielraum der einzelnen Bauten der Oberflächenanlage ausnutzen». Oder es wäre allenfalls der Einbau einer zusätz­lichen technischen Barriere im Untergrund denkbar. Würde der Fliessweg im Untergrund hingegen weg vom Grundwasser Richtung Marthalen weisen, würde dies eine Verzögerung bewirken und mehr Zeit für Gegenmassnahmen bringen.

Auch über dem Grundwasser

«Es war vor allem ein Anliegen der Regionalkonferenz, bei der Platzierung der Oberflächenanlage die Grundwasserverhältnisse genauer zu untersuchen», sagt Markus Fritschi von der Nagra. Für die Nagra selber sei es interessant, diese Verhältnisse genauer anzuschauen. «Ich kann mir vorstellen, über die Platzierung der Anlage nochmals zu diskutieren.» Die Nagra sei für Optimierungen immer offen. Dass die Untersuchungsresultate den Standort der Anlage aber insgesamt infrage stellen, davon geht Fritschi nicht aus. Dies, weil das Grundwasservorkommen unter diesem Standort sehr gering sei. Die Nagra sei aber nach wie vor der Auffassung, dass eine solche Anlage auch über dem Grundwasser grundsätzlich sicher gebaut werden könnte.

«Aus den Fehlern lernen»

«Aus dem Vorsorgegedanken heraus sind wir anderer Auffassung als die Nagra, die das Bauen über Grundwassergebieten für unproblematisch hielt», sagt Kurt Nyf­fen­egger vom Awel. Denn wenn man schon die Möglichkeit habe, einer Gefahr auszuweichen, dann solle man dies auch tun. «Man muss auch mit dem Unwahrscheinlichen rechnen, alles andere wäre verantwortungslos.» Die strategischen Trinkwasserreserven für kommende Generationen «soll man nicht mit einer Hypothek beladen». Dass das Zwischenlager und mehrere Kernkraftwerke auch über Grundwassergebieten stehen, sei zwar richtig. «Doch die wurden früher gebaut, und man muss aus den Fehlern lernen», findet Nyffenegger.

Die Untersuchungen umfassen kleine Stromstösse in den Untergrund sowie kleinere Bohrungen. Mit den Auswertungen der Daten dürften sie ein bis zwei Jahre dauern.

(Landbote)

Erstellt: 02.02.2016, 22:02 Uhr

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