Bezirksgericht Andelfingen

Der Opernsänger und der Strassenpfosten

Bei Ellikon am Rhein schlitterte ein Opernsänger in seinem Auto von der Strasse. Den Strafbefehl des Statthalteramts Andelfingen akzeptierte er nicht – nun bekam er vor Gericht teilweise recht.

Als der Opernsänger von der schneebedeckten Strasse schlitterte, soll er einen solchen Pfosten beschädigt haben.

Als der Opernsänger von der schneebedeckten Strasse schlitterte, soll er einen solchen Pfosten beschädigt haben. Bild: Archiv Hans Wüthrich

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Es hatte nochmals kräftig geschneit in der Region, Anfang März 2018. Der Opernsänger fuhr am späten Nachmittag mit seinem Auto auf der schneebedeckten Strasse nach Hause. Dann, erzählte der Mann vorgestern vor dem Bezirksgericht Andelfingen, sei ihm in einer Kurve bei Ellikon am Rhein ein anderes Auto entgegengekommen, allerdings auf seiner Fahrbahnhälfte. Er habe gebremst. Doch wegen des Schnees habe er nicht mehr steuern können und sei geradeaus in eine Wiese geschlittert. Dabei streifte er einen Baum, sodass sich die Vorderachse des Autos etwas verkrümmte.

«Es ging alles langsam, ich war sicher mit weniger als 40 Kilometern pro Stunde unterwegs.» Selbst der Airbag sei nicht ausgelöst worden. Mit Traktor und Seil zog der Landbesitzer das Unfallauto aus dem Wiesland. Denn der Bauer habe befürchtet, sagte der Mann vor Gericht weiter aus, dass ein externer Abschleppdienst sein Land zerstören würde. Um den Sachschaden über die Versicherung zu regeln, gab der Mann dem Landwirt die nötigen Angaben. «Wir haben uns im Guten geeinigt, es gab keine Verletzten und alle Geschädigten waren vor Ort.» Es habe also keinen Grund gegeben, noch die Kantonspolizei an den Unfallort zu rufen.

«Er ging gerechtfertigterweise davon aus, dass alle Geschädigten vor Ort waren.» Der Gerichtspräsident des Bezirksgerichts Andelfingen

Weil am Folgetag ein weiterer Unfall an der fast gleichen Stelle geschah, war die Polizei vor Ort und fand ein abgefallenes Autonummernschild des Opernsängers. Mitten in der Nacht, erzählte der Mann weiter, habe die Polizei ihn aus dem Bett geläutet, weil sie geglaubt habe, dass er Fahrerflucht begangen habe.

Anfang August stellte das Statthalteramt des Bezirks Andelfingen einen Strafbefehl gegen den Opernsänger aus, der sich vorgestern ohne Anwalt selber vor Gericht verteidigte. Die zwei Vorwürfe des Amtes: Nichtanpassen der Fahrgeschwindigkeit an die Strassenverhältnisse sowie pflichtwidriges Verhalten nach dem Unfall – landläufig als Fahrerflucht bezeichnet. Bezahlen sollte der Mann eine Busse von 700 Franken und Gebühren in der Höhe von 550 Franken. Er habe den Unfallplatz verlassen, «ohne sich um den weiteren Schaden zu kümmern», heisst es im Strafbefehl. Dabei wird ein sogenannter Randleitpfosten erwähnt. Gemeint ist damit einer jener schwarz-weissen Pfosten aus Kunststoff am Strassenrand. Und weil dieser Pfosten an einer Kantonsstrasse stand, gehörte er dem Kanton, einem weiteren Geschädigten also.

«Viel Geld für mich»

Dass er einen solchen Strassenpfosten umgefahren haben soll, davon wisse er nichts, sagte der Mann vor Gericht. Unter anderem deswegen ging er nach seinen Sommerferien im Ausland aufs Statthalteramt in Andelfingen. Er habe sich beschwert und «erklärt, dass die Geschichte so gar nicht stimmt». Doch der Mitarbeiter des Amtes habe ihm gesagt, dass er eine schriftliche Einsprache machen müsse. Das tat der Mann dann zwar, doch brachte er den Brief zu spät zur Post, und die zehntägige Einsprachefrist war abgelaufen.

«Ich habe mich korrekt verhalten, das Problem vor Ort gelöst.»Der Beschuldigte vor dem Bezirksgericht Andelfingen

Zur drohenden Busse von 700 Franken sagte der Beschuldigte: «Das ist viel Geld für mich.» Es sei schon hart, dass er aufgrund von reinem Pech diese Busse zahlen soll. «Ich habe mich korrekt verhalten, das Problem vor Ort gelöst.» Jetzt, im Nachhinein, wisse er, dass er die Polizei hätte rufen sollen.

Busse und Gebühren gesenkt

Das Bezirksgericht Andelfingen urteilte anders, als vom Statthalteramt Andelfingen im Strafbefehl gefordert. So sprach das Gericht den Mann nur schuldig, dass er die Fahrgeschwindigkeit nicht den rutschigen Strassenverhältnissen angepasst hatte. Dass er den Unfallort pflichtwidrig verlassen haben soll, das sah das Gericht anders. «Er ging gerechtfertigterweise davon aus, dass alle Geschädigten vor Ort waren, zudem hinterliess er seine Adresse und die Autonummer», sagte der Gerichtspräsident in seiner Urteilsverkündung. Und vor allem: «Wir sind klar der Meinung: Wenn eine Privatperson auf dem Amt zum Ausdruck bringt, dass es einen Strafbefehl nicht akzeptiert, dann soll das als Einsprache protokolliert werden.»

Das Andelfinger Bezirksgericht reduzierte die Busse von 700 auf 200 Franken, die gesamten Verfahrenskosten von 550 auf 350 Franken. Davon erhält das Statthalteramt bloss 250 statt 550 Franken für seine Kosten. Der Opernsänger schien mit dem Urteil einigermassen zufrieden. Die Berufungsfrist beträgt zehn Tage – für ihn und das Andelfinger Statthalteramt.

Erstellt: 15.05.2019, 14:04 Uhr

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