Vogelkunde

Der wohl schönste Vogel lebt in Afrika – und fliegt immer öfter auch in die Schweiz

Kürzlich flogen rund 15 Bienenfresser durchs Stammertal. Der seltene Vogel profitiert von der Klimaerwärmung.

Das Bienenfresserweibchen hat von ihrem Partner eine Libelle geschenkt bekommen. Der Bienenfresser wurde kürzlich auch im Stammertal gesichtet.

Das Bienenfresserweibchen hat von ihrem Partner eine Libelle geschenkt bekommen. Der Bienenfresser wurde kürzlich auch im Stammertal gesichtet. Bild: Markus Brupbacher

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Türkis, Goldgelb, Orange, Dunkelrot, Ebenholzschwarz und Malachitgrün: Gegenüber dem so farbenprächtigen Federkleid des Bienenfressers sieht so mancher Papagei blass aus. Der bunte Vogel überwintert in Afrika südlich der Sahara, den Sommer über brütet er vor allem im Mittelmeerraum – eigentlich.

Denn mit dem wärmer werdenden Klima wandert der Bienenfresser immer weiter nordwärts, auch in den Kanton Zürich. Auf der von der Vogelwarte Sempach getragenen Website ornitho.ch fällt diesen Frühling etwas auf: Es hat viele Meldungen über Sichtungen von Bienenfressern. Im Jahr 1991 wurde die erste Brut von Bienenfressern in der Schweiz entdeckt. Die Vogelwarte hat herausgefunden, dass Bienenfresser in festen Gruppen nach Afrika und wieder zurück in den Norden fliegen.

«So viele wie noch nie»

«Wir stellen für den Mai so viele Sichtungen via Ornitho.ch fest wie noch nie vorher», bestätigt Livio Rey von der Vogelwarte. Auch jetzt im Juni gehen diese Meldungen weiter. Die meisten Bienenfresser wurden im Raum zwischen Neuenburger- und Genfersee gesichtet, aber auch bei Genf, Bern, im Wallis, am Thunersee, zwischen Ober- und Walensee oder am Bodensee.

Und: Am 17. Mai wurden in Oberstammheim rund 15 Bienenfresser gesichtet und gemeldet. Rey relativiert aber auch. Da jedes Jahr mehr Leute Vögel beobachten und melden, seien diese Zahlen nicht sehr aussagekräftig und deshalb sei der Vergleich mit früheren Jahren kaum möglich. Auch gebe es jährliche Schwankungen, «die dieses Jahr nach oben ausschlagen».

Mehrere Bienenfresser flogen kürzlich durch das Stammertal. Bild: Markus Brupbacher

Und doch gibt es übers Ganze betrachtet eine Tendenz: Seit etwa 2010 zeigt die Kurve der in der Schweiz brütenden Bienenfresser steil nach oben. Als wärmeliebende Vogelart profitieren sie von höheren Frühlings- und Sommertemperaturen hierzulande. Laut der Vogelwarte wird die Schweiz jedoch kaum je ein wichtiges Land für den Bienenfresser werden. Auch ist die Freude über den Gewinner der Klimaerwärmung bei der Vogelwarte verhalten: «Mit den höheren Temperaturen verschwinden hingegen alpine Arten, wie Alpenschneehuhn und Schneesperling, für die die Schweiz eine hohe internationale Verantwortung hat», sagt Rey.

«Es gibt einige wenige Imker, die den Bienenfresser als Gegner sehen und ihn für den Rückgang der Bienen verantwortlich machen»Livio Rey, Vogelwarte Sempach

Der Bienenfresser brütet in Kiesgruben oder an Flussufern in weichen Steilwänden aus Sand oder Lehm. In diese Wände graben die Vögel mit ihren langen Schnäbeln ein bis drei Meter tiefe Höhlen, an deren Ende sich die Brutkammer befindet. Nach Auskunft der Vogelwarte gibt es aktuell keine Brutplätze von Bienenfressern im Kanton Zürich. Mitte der Nullerjahre gab es einen sporadisch besetzten Brutplatz bei Glattfelden im Zürcher Unterland sowie einen im Reusstal hinter dem Albis.

Die Bienenfresser bauen sich mit dem Schnabel Höhlen in sandige Steilwände. Darin brüten sie ihre Eier aus. Bild: Markus Brupbacher

Nicht nur in Oberstammheim wurden dieses Jahr Bienenfresser gesichtet. «Es gibt vier weitere Durchzugsmeldungen aus Unterstammheim», sagt Rey. Wohin all diese Vögel gezogen sind, sei aber unmöglich zu sagen. Denkbar wäre, dass diese Bienenfresser weiter nach Deutschland geflogen sind, wo die Vögel etwa am Kaiserstuhl am Oberrhein oder in Sachsen-Anhalt brüten.

Wenige Imker als Gegner

Viele schwärmen von Bienen, weil sie viele Nutzpflanzen des Menschen bestäuben – da ist der Name Bienenfresser nicht schmeichelhaft für den Vogel. Er ernährt sich vor allem von Grossinsekten, zu denen nebst Bienen aber auch Wespen, Hummeln, Libellen, Schmetterlinge, Käfer oder Heuschrecken gehören. Auf Französisch wird der Bienenfresser übrigens guêpier genannt, wobei guêpe Wespe bedeutet.

«Es gibt keine aktuellen Brutplätze des Bienenfressers im Kanton Zürich.»Livio Rey, Schweizerische Vogelwarte Sempach

Laut der Vogelwarte sind Bienen und Wespen zwar ein wichtiger Bestandteil der Nahrung, aber der Bienenfresser frisst eben auch viele andere Insekten. «Es gibt einige wenige Imker, die den Bienenfresser als Gegner sehen und ihn für den Rückgang der Bienen verantwortlich machen», sagt Rey. In der Schweiz gebe es aber nur einen Brutbestand von rund 50 bis 70 Paaren, «also sehr wenige Vögel». Aber auch wenn es viel mehr wären: Pestizide, Überdüngung, zu häufiges Mähen der Wiesen, Monokulturen «und viele weitere menschengemachte Probleme wirken sich sehr viel stärker auf die Bienen aus, als dies der Bienenfresser je könnte».

Erstellt: 06.06.2019, 14:45 Uhr

Die Romantiker unter den Vögeln

Männchen schenken ihren Weibchen Insekten

Die grösste Bienenfresserkolonie der Schweiz brütet in Penthaz zwischen Yverdon und Lausanne in einer alten Kiesgrube. Informationstafeln weisen auf den seltenen Gast aus Afrika hin. Von offiziellen Beobachtungsposten aus darf man die Bienenfresser in der Grube beobachten, ohne dass sich diese gestört fühlen. Dabei sind Verhaltensweisen zu entdecken, wie sie in Vogelkundebüchern beschrieben sind – hier ein paar Beispiele: Bienenfresser sitzen oft auf abstehenden Zweigen als Warten, um loszufliegen und Insekten in der Luft zu fangen. Haben diese einen Stachel, streicht der Vogel das Insekt so lange über einen Zweig, bis die Giftdrüse leer ist. Männchen schenken die so entgifteten Insekten ab und an ihren Weibchen, um sie zu beeindrucken. Der Ruf des Bienenfressers wird als ein weiches, rollendes «prrt» umschrieben. (mab)

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles