Rheinau

«Die Umstellung irritiert auch die Spatzen»

Landwirt und Buchautor Martin Ott kritisiert die Zeitumstellung und sagt, was das Thema mit der Abstimmung über die Hornkuh-Initiative zu tun hat.

Martin Ott, Landwirt und Buchautor, ist im Komitee der Hornkuh-Initiative.

Martin Ott, Landwirt und Buchautor, ist im Komitee der Hornkuh-Initiative. Bild: Stefan V. Keller

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Herr Ott, welche Folgen hat die Zeitumstellung am kommenden Sonntag auf Bauernhöfen?
Martin Ott: Tiere und Pflanzen orientieren sich stark an natürlichen Rhythmen. Ein Beispiel dafür sind Vögel, die exakt mit den ersten Sonnenstrahlen anfangen zu singen. Die moderne Landwirtschaft entfernt sich schon länger von solchen Prozessen. Die plötzliche zeitliche Verschiebung der Abläufe ist zusätzlich ein starker Eingriff und eigentlich eine Frechheit.

Die Tiere reagieren darauf?
Ja klar, wenn der Landwirt plötzlich früher in den Stall kommt, sind die Kühe noch schläfrig. Sie hatten eine Stunde weniger Zeit, um in der Nacht zu ruhen und geben am Morgen weniger Milch, bis sie sich an den neuen Rhythmus gewöhnt haben. Kommt der Bauer eine Stunde später müssen sie länger mit vollen Eutern warten. Sie muhen, bis sie endlich gemolken werden. Viele Landwirte versuchen deshalb, möglichst langsam umzustellen.

Sind andere Tiere betroffen?
Es ist ein wichtiges natürliches Gesetz, sich an gewisse Rhythmen zu halten und zum Beispiel zu bestimmten Zeiten zu essen. Das belegen Erkenntnisse aus der Chronobiologie, die natürliche zeitliche Prozesse wissenschaftlich untersucht. Auch Spatzen sind irritiert, wenn auf dem Hof alles eine Stunde früher oder später stattfindet. Dasselbe gilt für alle Tiere, die mit Menschen in Berührung kommen.

Was bedeutet die Umstellung für die Menschen?
Das muss jeder für sich beurteilen. Für uns kann es ein grosser Lustgewinn sein, sich hin und wieder nicht an Zeiten zu halten. Viele erinnern sich an ihre erste Freinacht und an das Morgengrauen danach. Und Kinder stehen für eine Schulreise meist gerne früher auf. Es ist aber etwas anderes, wenn staatlich verordnet plötzlich alle eine Stunde früher aus dem Bett müssen. Das macht wütend und bringt alles durcheinander.

«Wer gibt den Rhythmus vor?
Die Natur oder die Gesellschaft?»

Martin Ott

Man sollte damit aufhören?
Wenn mit der Zeitumstellung Energie eingespart werden kann, ist das sicher wichtig. Ist das aber nicht mehr der Fall, dann sollten wir damit aufhören. Die entscheidende Frage ist doch, wer gibt den Rhythmus vor, die Natur oder die Gesellschaft? Ich plädiere für mehr Naturverbundenheit. Menschen können aus natürlichen Abläufen ausbrechen. Tiere und Pflanzen funktionieren anders, sie sind viel präziser auf einen Rhythmus ausgerichtet. Mit der Zeitumstellung wird das beeinträchtigt. Wir sollten unseren Umgang mit der Umwelt generell diskutieren. Eine Gelegenheit dafür ist die Hornkuh-Abstimmung am 25. November.

Sie sind im Initiativ-Komitee und setzen sich für ein Ja ein. Warum?
Stellen Sie sich vor, sie stehen im Tram nur zehn Zentimeter von vielen anderen Menschen entfernt. Das ist sicher effizient, um ans Ziel zu kommen. Aber wie fühlen sie sich dabei?

Es ist eher unangenehm.
Noch unangenehmer wäre es, wenn sie den ganzen Tag so stehen müssten. Kühe können mit ihren Hörnern einen für sie nötigen Raum abgrenzen und sich eine Respektzone verschaffen. Dieser fehlt enthornten Kühen und sie rempeln sich häufiger an. Das bedeutet für sie Stress. Im Grunde geht es bei der Hornkuh-Abstimmung um die Frage, wie stark wir unsere Bedürfnisse den Tieren aufdrücken wollen.

Was haben Sie für ein Gefühl, knapp einen Monat vor der Abstimmung?
Entscheidend wird sein, wie die Leute das Gegenargument gewichten, dass ein solches Thema nicht in die Bundesverfassung gehört. Ein anderer Weg blieb uns aber mehrmals versperrt. Auf gesetzlicher Ebene wurde das Anliegen von Bergbauer Armin Capaul nicht umgesetzt – trotz viel Zuspruch. Zudem ist nicht wichtig, wo das Anliegen formuliert ist, sondern, dass es wirkt. Unser Vorteil ist: Wir haben kein Gegenkomitee. Und wir wollen niemandem etwas befehlen oder verbieten. Die Initiative setzt auf Freiwilligkeit, Kühe mit Hörnern sollen gefördert werden.

Erstellt: 25.10.2018, 13:38 Uhr

Zur Person

Martin Ott ist Autor des Buchs «Kühe verstehen» und Leiter der biodynamischen Ausbildung Schweiz. Zudem ist der Primarlehrer und Landwirt Mitglied im Fintan-Stiftungsrat. (roh)

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