Marthalen

Ein Dorf feiert seinen grössten Helden

Am Sonntag eröffnet das Ortsmuseum in Marthalen eine Sonderausstellung über die Schweizer Radsportlegende Ferdy Kübler: eine liebevolle Hommage an einen, der für seinen Erfolg leiden musste.

Der Radsportlegende Ferdy Kübler wird im Ortsmuseum Marthalen eine Sonderausstellung gewidmet.

Der Radsportlegende Ferdy Kübler wird im Ortsmuseum Marthalen eine Sonderausstellung gewidmet. Bild: Madleine Schoder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ferdy Kübler steht gebückt am Strassenrand, zwischen Daumen und Zeigefinger hält er einen lädierten Radreifen. Seine stählernen Muskeln scheinen bis zum Bersten gespannt, das Gesicht ist zu einer verzweifelten Grimasse verzerrt. Vermutlich beobachtet Kübler in diesem Moment, wie nach seinem Sturz die Konkurrenz heranbraust.

Es sind solche Schwarzweissaufnahmen, die den Reiz der kleinen Sonderausstellung im Ortsmuseum in Marthalen ausmachen. Sie zeigen die Radsportlegende Ferdy Kübler in allen Facetten: fröhlich jubelnd nach grossen Siegen, leidend am Strassenrand nach schmerzhaften Stürzen oder als Werbeikone mit seiner eindrücklichen und deshalb berühmten Nase.

«Schon früh wurde uns Kindern im Nachbardorf Alten von seinen Taten erzählt»Noldi Ehrensberger, Schwingerkönig

Belastet war das Verhältnis von Ferdy Kübler zu seinem Heimatdorf Marthalen. Er wuchs hier in ärmlichen Verhältnissen auf, mehrfach gepeinigt von seinem Vater. Im Alter von 16 Jahren riss er von zu Hause aus, mit dem Traum, Radprofi zu werden.

Die Ortsmuseumskommission Marthalen und ein Komitee planen dieses Jahr nebst einer Sonderausstellung mehrere Anlässe, um Ferdy Kübler zu ehren. Am 24. Juli 1919 kam er im Marthaler Weiler Radhof zur Welt, 100 Jahre alt wäre er in diesem Jahr geworden, wenn er nicht am 29. Dezember 2016 im Alter von 97 Jahren gestorben wäre.

Idol des Schwingerkönigs

An der gestrigen Führung durch die Ausstellung mit einigen Medienvertretern würdigte Schwingerkönig Noldi Ehrensberger die Leistungen Küblers. Dabei sprach er das «K» in dessen Namen stehts liebevoll weich aus, fast wie ein «Ch». Radrennfahrer «Chübler» sei sein grösstes sportliches Idol gewesen, sagte Ehrensberger, und ein Freund.

«Chübler» sei sein grösstes sportliches Idol gewesen, sagte Schwingerkönig Noldi Ehrensberger. Foto: mas

Stolz berichtete er im rassigen Stil eines Sportmoderators von einigen Begegnungen: «Schon früh wurde uns Kindern im Nachbardorf Alten von seinen Taten erzählt», sagte er. Im Herbst 1977 habe der Jahrhundertsportler das Bruderhaus besucht, um dort den neuen Winterthurer Schwingerkönig zu beehren. Im weissen Mercedes und mit gleichfarbenen Kleidern sei er aufgefahren. «Unsere Gäste waren derart erstaunt, dass sie kaum mehr etwas gegessen haben», sagte Ehrensberger.

Barfuss in die Schule

Der Weg zum Helden war für Kübler allerdings äusserst hart. Nicht einmal seine Brüder hätten sich laut Ehrensberger gefreut, als er zur Welt kam. Denn sie mussten bald zu dritt ein Bett teilen. In die Schule seien sie barfuss gelaufen oder in Holzschuhen. Schon im Alter von zwölf Jahren wollte Kübler Rennfahrer werden. Mit einem selbst gebastelten Velo sei er einst in den Dorfbrunnen gestürzt. «Und schon wieder schlägt der Vater zu, zersägt und entsorgt das Vehikel.» Auch später musste Kübler mit Widerständen kämpfen. Verletzungen und Geldsorgen plagten ihn. Es brauchte einen eisernen Willen, damit er die Tour de France und viele weitere Rennen gewinnen konnte.

Ferdy Kübler war nicht nur ein erfolgreicher Sportler, er sorgte auch mit einer Kampagne für Aufsehen, die auf seine Nase anspielte. Foto: mas

Eines dieser Rennen hatte auch Rosmarie Vollenweider gesehen. Die Präsidentin der Marthaler Ortsmuseumskommission sah ihn als Drittklässlerin auf der Ehrenrunde in der Rennbahn Oerlikon, mit einem Blumenstrauss in der Hand. Es sind Bilder, die lange haften bleiben und die Emotionen wecken.

An das Bleibende erinnerte in seiner Rede auch Gemeindepräsident Matthias Stutz. Nur von den wichtigen Dingen spreche man auch 100 Jahre später noch, sagte er. Zu sehen sind in der Ausstellung nebst Bildern auch persönliche Gegenstände von Ferdy Kübler, ein Lederhelm, ein Koffer und Rennvelos. Ein solches wurde ihm einst gestohlen, nachdem er dafür hart gespart hatte. Doch auch das konnte ihn nicht von seinem Weg abbringen. (Landbote)

Erstellt: 05.04.2019, 10:15 Uhr

Artikel zum Thema

Ferdy Kübler stirbt mit 97 Jahren

Rad Eine Schweizer Radsport-Legende ist tot: Ferdinand «Ferdy» Kübler ist am Donnerstag «friedlich eingeschlafen». Mehr...

Auf den Spuren von Ferdys Jugend

Marthalen Das «Küblerhaus» in Marthalen ist eines der wenigen Zeugnisse von Ferdy Küblers Kindheit und Jugend im Weinland. Aufgewachsen ist er im Radhof zwischen Marthalen und Rheinau. Mehr...

Ein Dorf ehrt seine Radsportlegende

Marthalen Eine Sonderausstellung, einen Filmabend und vieles mehr organisiert die Gemeinde Marthalen zu Ehren von Ferdy Kübler. Er hätte heuer seinen 100. Geburtstag feiern können. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Paid Post

Burger ahoi auf dem Zürichsee

Feines Fast Food zum Feierabend: Ab dem 16. Mai geht das Build-your-Burger-Schiff auf Kurs – mit neuen Ideen und spannenden Kreationen.