Russikon/Berg am Irchel

Eine kauzige Sensation

Die Greifvogelstation in Berg am Irchel durfte eine noch nie da gewesene Patientin pflegen: ein Sperlingskauz-Weibchen. Die Eule flog in Madetswil in eine Scheibe und erlitt eine Gehirnerschütterung.

Andi Lischke, Leiter der Greifvogelstation, freut sich über den seltenen Patienten.Foto: PD

Andi Lischke, Leiter der Greifvogelstation, freut sich über den seltenen Patienten.Foto: PD

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«Eine kleine Sensation» ereignete sich kürzlich im Russiker Ortsteil Madetswil. «Eine Eule so gross wie ein Spatz» flog Anfang Oktober in die Scheibe zweier Madetswiler Einwohner. So steht es auf der Internetseite der Greifvogelstation Berg am Irchel. Es war morgens um 7.15 Uhr, wie Urban Hess, erzählt: «Sie ist mit einem lauten Knall in unsere Wohnzimmerschiebetüre geflogen und blieb mit zitterndem Kopf liegen.» Er habe darauf bei der Greifvogelstation angerufen und das Tier sofort vorbeigebracht.

Dort bestätigte sich die Vermutung dann, es könnte sich um einen Sperlingskauz handeln. Und weil die kleinste Eule Europas in der Schweiz vor allem im westlichen Jura und in höheren Lagen des Alpenbogens vorkommt, bezeichnete Andi Lischke, Leiter der Greifvogelstation, den Fund als «eine schöne Überraschung». Zumal auch die Greifvogelstation in ihrer 63-jährigen Geschichte noch nie einen solchen Patienten behandelt hat. Obwohl sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewohnt sind, Eulen zu plfegen. Häufigster Gast ist der Waldkauz, gefolgt von Schleiereulen, Waldohreulen und ab und zu einem Uhu.

70 Gramm schwer

Das 70 Gramm schwere Sperlingskauz-Weibchen ist mit einer Flügelspannweite von knapp 30 Zentimetern etwa gleich gross wie ein Star. Es hatte eine Gehirnerschütterung erlitten, von der es sich wieder erholen musste, wie Nicole Bosshard, Sprecherin der Stiftung Paneco, auf Anfrage sagt. Die Stiftung ist die Betreiberin der Greifvogelstation. «In einem solchen Fall erholt sich das Tier von selbst», sagt sie. Es brauche aber viel Ruhe. Man habe es deshalb in einer Einzelbox untergebracht. Nach und nach habe es wieder zu fressen und zu fliegen begonnen.

Guter Orientierungssinn

Vor etwa zwei Wochen haben es die Mitarbeiter auf dem Irchel zwischen alten Fichten wieder frei gelassen. Es sei nicht notwendig, dass man den Vogel an den Fundort zurückbringe, sagt Lischke. «Sie haben einen guten Orientierungssinn und finden selbst zurück, wenn sie das wollen.» Das Tier trägt jetzt ausserdem einen Ring, der später Rückschlüsse auf sein Verhalten geben kann.

Eine Eule so klein wie ein Spatz: Der Sperlingskauz. Foto: Frank Vassen

Die Madetswiler Finder haben die Patenschaft für das Tier übernommen. Mit einer Spende von 300 Franken haben sie die Genesung und Auswilderung unterstützt. Sie durften dem Kauz deshalb auch einen Namen geben: «Wir haben uns für Louise entschieden», sagt Hess. Dies in Anlehnung an den «Sonnenkönig» Louis XIV von Frankreich, wo die beiden Verwandte haben.

Nicht bedroht

Die Eulenart wird in der Schweiz als nicht vom Aussterben bedroht eingestuft, wie die Greifvogelstation auf ihrer Internetseite weiter informiert. Fachleute schätzen den Bestand auf 800 bis 2000 Paare. In der Regel leben sie in Nadelwäldern und bevorzugen Standorte mit genügend Totholz, damit sie in Baumhöhlen nisten können. Entgegen der Gewohnheiten der meisten hiesigen Eulen jagen Sperlingskäuze auch am Tag. Am liebsten fressen sie kleine Singvögel und Insekten wie etwa Heuschrecken. Ein «Scheingesicht» auf ihrem Hinterkopf schützt sie vor Angriffen von hinten.

Weshalb aber hat die Greifvogelstation bis vor Kurzem noch nie einen Sperlingskauz gepflegt? Dafür gibt es zwei Gründe: das Zürcher Weinland ist nicht das Hauptverbreitungsgebiet der Eulen. Und ausserdem sind die kleinen Vögel sehr schwierig zu entdecken. Selbst Lischke hat in der freien Natur noch nie einen gesehen.

Erstellt: 26.11.2019, 15:48 Uhr

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