Adlikon

Er sammelt und erzählt die Geschichten von Adlikon

Die Geschichte eines Dorfes wird in Form von Geschichten durch die Generationen getragen. Hansueli Waser aus Adlikon schaut, dass die Erzählungen seines Dorfes nicht verloren gehen.

Hansueli Waser in seinem Adliker Zuhause im Weinland. Nicht nur die Geschichte seines Dorfes interessiert ihn, sondern auch die Politik.

Hansueli Waser in seinem Adliker Zuhause im Weinland. Nicht nur die Geschichte seines Dorfes interessiert ihn, sondern auch die Politik. Bild: Johanna Bossart

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Auf Fotos und in Texten kommt er selber kaum vor. Hansueli Waser aus Adlikon dokumentiert andere Menschen, hält sie und ihre Geschichten in Wort und Bild fest. Da bereitet ihm die Anfrage, einmal selber porträtiert zu werden, zuerst Mühe. «Ich bin so etwas nicht gewohnt», schreibt er in der Mail, sagt dann aber doch zu – zum Glück. Denn der Adliker Ortsvertreter des Heimatkundlichen Archivs Andelfingen kann gut Geschichten erzählen. Diese sind es auch, über die man sich dem bald 69-Jährigen annähern kann.

Da sind zum Beispiel die Adliker Dorfgeschichten, die er vergangenen Winter für die diesjährige 200-Jahr-Feier von Adlikon aus seiner Erinnerung niedergeschrieben hat. Im Mittelpunkt der Texte stehen Dorforiginale, Charakterköpfe. Es sind die Geschichten von einfachen, hart arbeitenden Menschen, die man in herkömmlichen Geschichtsbüchern kaum liest.

«Ich bin ein Geschichtenerzähler.» Hansueli Waser

Waser mailte die Anekdoten vor dem Porträtgespräch – der Morgenkaffee wurde kalt, so spannend waren sie zu lesen. Da ist etwa diejenige eines Bauers, der in den 1930er-Jahren ein sündhaft teures, amerikanisches Motorrad kaufte. Oder jene eines Findelkindes, das später eine Metzgerlehre machte und im Schlachthaus schier von einem Stier zertrampelt wurde.

Schon fast filmreif ist eine Anekdote aus Wasers eigener Kindheit. Der Grossvater gab dem etwa dreijährigen Hansueli einen Apfelschnitz, samt Kerngehäuse, dem «Bütschgi» also. Dieses blieb in seinem Hälschen stecken, er rang nach Luft und Grossvater geriet in Panik. In Adlikon gab es damals zwei Autos, das eine war an jenem Tag samt Besitzer zufällig im Dorf. Man brauste Richtung Winterthur ins Kantonsspital. Damals gab es noch keine Autobahn, also raste man mitten durchs Nachbardorf Henggart. Der Fahrer drückte aufs Gas, als sich vor ihm die Barriere beim Bahnübergang senkte. Wegen der Bahnschwellen hob das Auto in voller Fahrt ab, prallte wieder auf die Strasse – und in Hansuelis Hals löste sich das «Bütschgi».

«Ich bin ein Geschichtenerzähler», sagt Waser. Eine Frage, ein Stichwort, und er greift nach einem Blatt Papier, einem Foto, einem Buch oder nach einem Ordner auf dem Tisch. Waser dokumentiert alles, auch sein eigenes Leben.

«Wer erzählen will, muss zuerst einmal zuhören. Beides kann anstrengend sein, auch wenn man es gerne macht.»

Abgeordneter von Adlikon im Heimatkundlichen Archiv und Adliker Kontaktperson im Asylbereich: All dies wird ihm langsam zur Last. «Mit spätestens 70 möchte ich kein Amt mehr haben.»

Dabei sprudelt es nach wie vor aus ihm heraus, er erzählt Geschichten, unterhält. Ja, er sei manchmal der Pausenclown – er kann immer eine Geschichte aus der Schublade ziehen. Als vor rund einem Jahr Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger an der 25-Jahr-Feier der Altemer Holzbrücke eine Rede hielt, traf er eine Stunde zu früh ein. «Kannst du ihn übernehmen?», wurde Waser von den Kollegen vom Heimatkundlichen Archiv gebeten.

Doch er redet nicht nur, er hört auch zu. Und er ist nicht ständig unter Leuten. Die regelmässige Einkehr ins stille Kämmerlein ist für ihn wichtig. «Wer erzählen will, muss zuerst einmal zuhören. Beides kann anstrengend sein, auch wenn man es gerne macht.» Fotografie, Familie, Waldarbeit, Motorradfahren, Bergwandern, Lesen, Fliegerei und Modellflugzeuge: Waser wird es nie langweilig.

«Dorforiginale sind ausgestorben. Den Leuten fehlt heute die Fantasie und die Abenteuerlust.»

Er ist seit 40 Jahren mit Katharina verheiratet, sie haben einen Sohn und eine Tochter sowie sechs Enkelkinder. Waser war zuerst Landwirt und wechselte später zur kantonalen Baudirektion, wo er 31 Jahre lang beim Tiefbauamt arbeitete. Manche Berichte für die Kantonsräte, meist zu diversen Bauprojekten von Staatsstrassen oder zum Zürichseeweg, schrieb er selber und machte die Fotos dazu. Ob einen Alt-Bundesrat unterhalten, ein Referat halten oder eine Klassenzusammenkunft organisieren: Waser machts. Und wer könnte Luftaufnahmen von Andelfingen und Umgebung machen? Zusammen mit Pilot Peter Schäuble aus Alten hob Waser ab.

Schäuble ist ebenfalls Ortsvertreter für das Heimatkundliche Archiv. Sieben Anläufe brauchte es, bis das Fotowetter perfekt war. Während Schäuble die engen Kurven über den Dörfern flog, knipste Waser die Bilder. Und lag einmal der dunkle Schatten einer Wolke über einem Dorf, flog man zum nächsten und kehrte später zurück.

Doch Waser dokumentiert nicht nur und sammelt alte Geschichten, er interessiert sich auch für aktuelle Politik und sagt dazu seine Meinung. Etwa zur geplanten Verbreiterung der Autobahn A4, die unweit von Adlikon verläuft. Die Engpassbeseitigung führe einfach zu einem nächsten Engpass an einer anderen Stelle.

Und zur Grossfusion im Raum Andelfingen sagt er: «Die kommt.» Er selber wünscht sich den grossen Wurf – eine Gemeinde Weinland. Erst dann hätte die Region Gewicht und etwas zu sagen in Zürich. Die bisherigen Fusionen seien «Pflästerlipolitik» gewesen. Und das Gerede vom angeblichen Identitätsverlust sei eine Ausrede einzelner Gemeindepräsidenten, die um ihr Königreich fürchten.

Dorforiginale – gibt es die denn heute noch in Adlikon? Die seien ausgestorben, glaubt Hansueli Waser. Den Leuten fehlten heute die Fantasie und die Abenteuerlust. Auch die Suche nach einem Nachfolger als Adliker Ortsverantwortlicher für das Heimatkundliche Archiv Andelfingen verlief bislang ohne Ergebnis. «Die Jungen interessieren sich einfach nicht mehr dafür», sagt Waser. Bedeutet dies nun das Ende der Geschichte? Gibt es nach 200 Jahren Adlikon keine Dorfgeschichten mehr?

Vielleicht ist die Angst ja verfrüht, unbegründet, und man muss einfach noch ein paar Jahrzehnte zuwarten, bis aus der Distanz neue Dorforiginale erkennbar werden – wie etwa Hansueli Waser. (Der Landbote)

Erstellt: 29.04.2018, 18:17 Uhr

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