Weinland

Erinnerungen an die unsichtbare Gefahr

Vor genau 30 Jahren explodierte im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl ein Reaktor. Die radioaktive Wolke zog danach auch über die Region. Der «Landbote» hat persönliche Erinnerungen aus dem Weinland gesammelt, wo Radioaktivität wegen des möglichen Endlagers besonders ein Thema ist.

Nach dem Unglück in Tschernobyl ging auch ein Aufschrei durch die Schweiz. Tausende Atomkraftgegner demonstrieren vor dem Bundeshaus.

Nach dem Unglück in Tschernobyl ging auch ein Aufschrei durch die Schweiz. Tausende Atomkraftgegner demonstrieren vor dem Bundeshaus. Bild: Keystone

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«Wo waren Sie, als Sie vom Reaktorunfall erfahren haben? Was löste die Nachricht bei Ihnen aus, woran erinnern Sie sich ganz konkret? Und hat Sie der Unfall verändert?» Der «Landbote» hat diese Fragen an 28 Personen verschickt, die im Weinland leben, arbeiten, politisieren oder sonst in einer Form mit ihm verbunden sind. Zwölf von ihnen haben an der kleinen Umfrage teilgenommen. Ihre Antworten, teils aus Platzgründen gekürzt, sind in der Reihenfolge ihres Eingangs aufgeführt. Das damalige Alter der Personen steht in Klammern.

Andreas Jenni (24) Gemeindepräsident Rheinau, SP

«Ich habe die Personen, welche mehr oder weniger freiwillig den Unfall vor Ort bekämpfen mussten, ausserordentlich bedauert. Meine Schwägerin war schwanger und hatte zumindest in den ersten Tagen nach dem Unfall grosse Bedenken, dass sich die ­erhöhte Strahlung negativ aufdas ungeborene Kind auswirken könnte. Der Unfall hat mir vor Augen geführt, dass die Eindämmung der Strahlung an der Quelle praktisch unmöglich ist respektive einen extrem grossen Aufwand erfordert, Stichwort Sarkophag. Ebenfalls war mir endgültig klar, dass Verstrahlungen nicht nur im Krieg stattfinden können, sichim entfernten Amerika abspielen oder mehr oder weniger glimpflich ablaufen (Lucens, VD), sondern, dass solche Unfälle praktisch jederzeit und ohne jegliche Vorwarnung sich auch in nächster Nähe abspielen und absolut verheerend sein können.»

Markus Späth (33) SP-Kantonsrat, Feuerthalen

«Zunächst war Tschernobyl weit weg. Rasch wurde mir und meiner Frau dann aber klar, dass die Katastrophe sehr direkt mit uns zu tun hatte. Sie löste grosse Betroffenheit und die Erkenntnis aus, dass ein GAU in der fernen Sowjetunion entgegen den Beteuerungen der AKW-Betreiber eine reale Bedrohung auch in Westeuropa darstellt. Auf die Empfehlung der Behörden hin durften unsere kleinen Kinder nicht mehr im Sand spielen, wir verzichteten einige Zeit auf frischen Salat, Pilze und Fische. Wir setzten uns auch mit grosser Sorge mit der Frage auseinander, ob der radioaktive Ausfall nicht auch die Gesundheit unserer noch ungeborenen Tochter beeinträch­tigen könnte. Ich war schon vor Tschernobyl kein Freund der Atomenergie, danach ein entschiedener Gegner. Daran hat sich seither nichts mehr geändert. Eine Technologie, die grosse Landstriche für Jahrzehnte unbewohnbar machen und das Leben von Millionen in Hunderten von Kilometern Entfernung gefährden kann, ist nicht menschlich und nicht zukunftsverträglich. Wir werden uns, gerade im Weinland, noch mit den negativen Folgen dieser Fehlinvestition herumschlagen müssen, wenn das letzte AKW schon längst aufgehört hat, teuren Strom zu produzieren.»

Käthi Furrer (29) Co-Präsidentin SP Weinland, Dachsen

«Ich war daheim und habe die Nachricht mit Schrecken vernommen. Zuerst kamen die Hiobsbotschaften spärlich und lösten grosse Verunsicherung aus. Wir fragten uns alle: Wie gross und wie schlimm sind die Ausmasse der Katastrophe? Was kommt auf uns zu? Die Nachricht vom Super-GAU löste bei mir Angst und Unsicherheit aus. Als bekannt wurde, dass die giftigen radioaktiven Niederschläge sich weitherum verbreiteten, auch in der Schweiz, ging es darum, kontaminierte Lebensmittel zu vermeiden. Als Beispiel dafür fällt mir die Milch ein. Ich hörte von vielen befreundeten Familien, dass sie sich Sorgen machten um die Ernährung ihrer Babys und Kleinkinder. Oder die für Jahre ungeniessbaren Fische aus dem Langensee, aber auch Pilze, Salat und anderes Gemüse waren verdächtig. Der Tod und die Verwüstung in Tschernobyl setzten mir, meiner Familie und vielen Freunden zu. Die Katastrophe hat mich darin bestärkt, dass die Atomtechnologie weder zu kontrollieren noch zu verantworten ist und dass wir länderübergreifend alles daran setzen müssen, vom Atomstrom wegzukommen und die Energieproduktion auf andere, sichere Energiequellen umzustellen. In den Jahren nach der Katastrophe bin ich der Anti-Atom-Bewegung respektive dem Widerstand im Weinland beigetreten.»

Jean-Jacques Fasnacht (36) Hausarzt, Benken

«Tschernobyl war nicht Fukushima, wo das AKW förmlich vor unseren Augen explodierte. Die Nachrichten kamen verteilt über Tage. Ich selbst hörte davon frühmorgens vor der Arbeit. Anders als bei Fukushima oder 9/11 war es aber nicht derart einprägend, dass ich mich zum Beispiel daran erinnern könnte, die Nachricht meiner Frau umgehend mitgeteilt zu haben. Es war leider die traurige Bestätigung meiner Befürchtungen, dass irgendeinmal ein GAU bei einer atomaren Anlage passieren wird. Ich kann mich an die grosse Angst vor einer radioaktiven Vergiftung der Nahrung erinnern, als die Radioaktivität sich über Europa ausbreitete. Und an die vielen Mütter, die mich deswegen in der Praxis konsultierten. Der Unfall hat mich nicht verändert. Vielmehr hat er mich darin bestätigt, dass ich mich aktiv gegen jegliche atomare Risiken einsetzen muss.»

Hans Bichsel (34) Gemeindepräsident Henggart, FDP

«Ich lebte damals mit meiner ­Familie im Einfamilienhaus der Polizeistation Henggart. Mein Jüngs­ter ­– von vier Kindern – war gerade ein Jahr alt geworden.Seit sechs Jahren führte ich die Po­lizeistation, die für Henggart, Humlikon und das ganze Flaachtal zuständig war. Meines Wissens gab es seitens meines Berufs als Kantonspolizist in Henggart keine polizeilichen Massnahmen. Anfänglich nahmen wir die für uns dadurch entstandene Gefahr nicht sehr ernst. Wir glaubten alle: Das ist doch sehr weit weg. Aber durch die Winde wurde die Radioaktivität bis zu uns getragen. Das Geniessen von Salat und anderem Gemüse aus dem eigenen Garten oder von den Gemüseproduzenten wurde nicht empfohlen. Auch die Pilzsaison 1986 wurde durch den Reaktorunfall beeinträchtigt, da die Pil-ze die Ablagerung der erhöhten Strahlenbelastung aufnahmen. Es war eine grosse Verunsicherung in der Bevölkerung zu spüren. Direkte gesundheitliche Mass­nahmen für Kinder wurden nicht ergriffen. Es entstand aber ein sehr ungutes Gefühl, wie sich die erhöhte Radioaktivität auf uns und unsere Kinder auswirken würde. Die damals festen Grenzen des Eisernen Vorhangs waren plötzlich so unwirklich geworden. Erstmals wurde uns die Problematik der Kernenergie bewusst und dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Heute bin ich überzeugt, dass wir längerfristig aus der Kernenergie aussteigen sollten. Die Gefahren sind einfach zu hoch, insbesondere auch mit dem heutigen terroristischen Hintergrund. Als Mitglied der Regionalkonferenz Zürich Nordost vertrete ich die Ansicht, dass so schnell als möglich in der Schweiz ein Tiefenlager für die radioaktiven Abfälle gefunden wer­den muss. Und zwar dort, wo die Sicherheitsfrage am besten gelöst werden kann. Wenn es auch schon 30 Jahre seit Tschernobyl her ist, sind mir die Auswirkungen einer solchen Katastrophe noch sehr bewusst.»

Vreni und Walter Schäppi (35 und 42) Atomkraftkritiker, Marthalen

Vreni: «Unser jüngstes Kind war erst gerade geboren. Das Ausmass des Reaktorunfalls konnte man lange nicht richtig erfassen, die Informationen waren vage und widersprüchlich. Die Nachrichten lösten Unsicherheit aus: Wie gefährlich ist die verstrahlte Nahrung, vor allem für Kinder? In meinem Umfeld habe ich viele Menschen erlebt, die ihre Meinung zur Atomenergie geändert haben. Andere liessen diese Gedanken und Befürchtungen gar nicht an sich herankommen. Ich bin zur Überzeugung gekommen, dass meine atomkritische Haltung, die ich schon vor Tscher­nobyl hatte, nicht reicht, um in unserer Gesellschaft etwas zu ­bewegen. Ich engagiere mich deshalb aktiv für einen verantwortungsvollen Umgang mit Technologien allgemein.» Walter: «Ich arbeitete als Hausarzt. Die Nachrichten lösten in erster Linie Verunsicherung aus. Was bedeutet dies für uns, für Europa? Was weiss ich über die Wirkung von Strahlen? Primär war es für viele typisch, dass sich ein solcher ­Unfall im Sowjetkommunismus ereignete. Mit dem Eintreffen der radioaktiven Wolke in der Schweiz spürten wir die persönliche Bedrohung. Seit Tschernobyl binich durch meine Mit­arbeit an Studien über die Folgen der Verstrahlung in Weissrussland sehr kritisch geworden gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen, ge­gen­über Organisatio­nen wie die IAEA (International Atomic Energy Agency) und ge­genüber dem Umgang von Poli­tikern mit Informationen. Auch bei der Endlagerproblematik kann ich den Zusicherungen der Fachleute nicht trauen.»

Werner Stegemann (46) Alt-Gemeindepräsident,Andelfingen

«Wir waren auf einer Skitourenwoche im Val di Forni in der süd­lichen Ortlergruppe, östlich von Bormio. Beim Abschlussmittagessen in Torino haben wir vom Atomunfall erfahren. Atomenergie war damals in Mode – wir haben sogar mit der EKZ Werbung für Elektroheizungen gemacht. Den Reaktorunfall verfolgte ich damals genau. Die schädliche Wolke zog zuerst nach Norden, nach Skandinavien und kam erst dann nach Mitteleuropa zu uns, wo noch Schäden entstanden. Als Realist muss ich erwähnen, dass das Atomenergieproblem ein globales ist: Es gibt circa 500 Reak­toren weltweit und viele werden noch geplant und gebaut. Und solange jedes Jahr mehr elektrische Energie gebraucht wird, werden fast keine Reaktoren abgestellt.»

Martin Zuber (32) SVP-Kantonsrat undGemeindepräsident Waltalingen

«Ich war im Stall am Melken. Meine Nachbarin war Milchschafhalterin und konnte später lange Zeit ihren Schafskäse nicht mehr in Verkehr bringen, weildie Schafe das Gras anders abfressen als Kühe und so Schadstoffe aufnehmen konnten. Ein verant­wortungsvoller Umgang mit der Kernenergie und ihren Rückständen soll weiterhin möglich sein.»

Martin Farner (23) FDP-Kantonsrat und Gemeindepräsident Oberstammheim

«Ich war 1986 beim schweizerischen Branchenverband Gemüseunion tätig und in dieser Zeit für den Teil Markt und Importregelung verantwortlich. Die Landwirtschaft und speziell die Ge­müsebranche waren sehr stark betroffen. Das Bundesamt für ­Gesundheit gab die Empfehlung ab, Freilandprodukte zu waschen, und Kinder sollten während zweier Jahre ganz auf den Konsum verzichten. Der erlittene Schaden der Gemüseproduktion wurde auf 9,7 Mil­lionen Franken geschätzt. Beim Konsum von Pilzen musste noch Jahre danach mit Rückständen gerechnet werden. Für mich persönlich war es eine Tragödie, die hätte verhindert werden können und die nur durch Pfusch und menschliches Versagen zustande gekommen war. Die weltweit rund 8000 Todesopfer stimmten mich traurig und wütend. Es ­empört mich immer wieder, wie aus finanziellen Gründen obers-te Sicherheitsgebote umgangen werden. Der Reaktorunfall hat mir bestätigt, dass gut ausgebildetes Fachpersonal, das seine Arbeit bei jeglicher Anwendung von Technik verantwortungsvoll wahrnimmt, unabdingbar ist, ebenso wie eine Führung, deren oberstes Prinzip die Sicherheit für Mensch und Umwelt ist. Und dass eine koordinierte und gezielte Förderung von alternativen Energieträgern durch den Bund und den Kanton Sinn macht.»

Ulrich Schlüer (47) Alt SVP-Nationalrat, Flaach

«Ich war in Kapstadt, Südafrika, als ich vom Reaktorunfall erfahren habe. Die ersten Meldungen hatten derart dramatischen Inhalt, dass der vorgesehene Rückflug nach Europa circa vier Tage später infrage gestellt wurde. Der Reaktorunfall hat bestätigt, dass bei Bau und Betrieb die Sicherheitsgarantie immer gewährleistet sein muss. Und dass der Bau in einer Diktatur ohne Kontrolle respektive Mitsprache der Bevölkerung ein Sicherheitsrisiko beinhaltet.»

Andrea Braun (19) Präsident Badi-Genossenschaft Aquarina, Rheinau, GLP

«Ich kann mich gut daran erinnern, dass mich das Ausmass der Katastrophe und die auch bei uns messbaren Auswirkungen darin bestärkten, dass die Risiken der Kern­energie unendlich gross und auch mit bester Technik und hoch qualifiziertem Personal nicht vollständig zu kontrollieren sind. Es geschah ja auch nur sieben Jahre nach dem Unfall in Three Mile Island (USA) , der mir auch in bewusster Erinnerung blieb. Dass es neben den Risiken beim Betrieb der KKW auch noch das Problem mit den Abfällen zu lösen gibt, wurde mir bewusst, als in der gleichen Zeit der Wellenberg zum Thema in den Nachrichten wurde. Die damaligen Alternativen zum Atomstrom fand ich nicht wirklich attraktiv: Noch mehr Staumauern mit überflu­te­ten Tälern oder fossile Kraft­wer­ke waren auch ein No-Go. Spä­testens seit der Photovoltaik und der Windenergie, die auch dezentral verfügbar sind, gibt es für mich keinen Grund mehr, an dieser Hochrisikotechnologie fest­­zu­hal­ten. Jetzt Abschalttermine für alle Anlagen festlegen, dann an dem am besten geeigneten Standort ein Endlager bauen – und nach Abschluss der Ära Kernenergie in der Schweiz froh und dankbar sein, dass nie ein grösserer Unfall passiert ist.»

(Der Landbote)

Erstellt: 25.04.2016, 20:48 Uhr

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