Natur

Erste Junglachse schwimmen bei Flaach

In Rhein, Töss und Thur lebten einst viele Lachse aus dem Atlantik. In einigen Jahren könnten sie wieder heimisch werden. Der Kanton hat im Flaacherbach erste Jungtiere ausgesetzt. Doch noch versperren Kraftwerke den Weg ins Meer und wieder zurück.

Atlantische Lachse wandern weit, wenn sie nicht auf Hindernisse stossen. Foto: M. Roggo / WWF Schweiz

Atlantische Lachse wandern weit, wenn sie nicht auf Hindernisse stossen. Foto: M. Roggo / WWF Schweiz

Lachse aus dem Atlantik sind eindrückliche Tiere. Sie können Hindernisse von bis zu zwei Metern Höhe überspringen und erstaunlich weite Strecken zurücklegen, um in ihre Laichgebiete zu gelangen. Einst wanderten die forellenähnlichen Fische von der Nordsee bei Holland bis an den Rheinfall im Zürcher Weinland.

Bis heute zeugt das Rheinauer Gemeindewappen von solchen Zeiten. Abgebildet ist darauf ein silberner Salm, also ein Lachs, auf blauem Grund. Auch das Gasthaus am Rheinufer trägt den Namen Salmen, was darauf hindeutet, dass dort einst Lachse aus dem Fluss vor der Haustür serviert wurden.

Doch immer mehr Kraftwerke versperrten den Weg bis zum Rheinfall, der seit jeher eine natürliche Barriere bildete. In Rheinau unterhalb des Rheinfalls soll man den letzten Lachs im Jahr 1913 gesichtet haben. Mitte des 20. Jahrhunderts verschwanden die Tiere auch in der übrigen Schweiz.

Endstation Frankreich

Schon länger gibt es grosse Anstrengungen, um die Wanderfische wieder in den oberen Rhein und seine Zuflüsse zurückzubringen. Eine internationale Kommission arbeitet seit 1987 an besseren Lebensbedingungen für die Fische und andere Lebewesen im Rhein, derzeit mit dem Programm Lachs 2020.

«Sobald die Kraftwerke über Fischaufstiegsanlagen verfügen, steht dem Lachs der Weg in die Schweiz offen»

Auch der WWF setzt sich seit Jahren mit einer Kampagne für ein Comeback der Lachse ein. «Aktuell steckt der Lachs noch zwischen Strassburg und Basel fest» sagt Christian Hossli, Projektleiter beim WWF.

Die drei französischen Kraftwerke Rhinau, Marckolsheim und Vogelgrün hätten nach wie vor keinen Fischpass. «Sobald diese Kraftwerke auch über Fischaufstiegsanlagen verfügen, steht dem Lachs der Weg zurück in die Schweiz offen», sagt er.

Der WWF gehe davon aus, dass Lachse bis 2025 wieder bis nach Basel gelangen. «In der Schweiz sind wir glücklicherweise bereit. Bei uns verfügen mittlerweile die allermeisten Kraftwerke über Fischaufstiege.»

Für eine Rückkehr weiter hinauf bis zur Mündung der Töss dürfte es laut Hossli trotzdem noch etwas länger dauern, vor 2030 sei eine Rückkehr nicht zu erwarten. «Das ist aber wirklich schwer vorauszusagen.»

Lachs-Eier aus Dachsen

In der Region bereitet man bereits heute eine Rückkehr der Lachse vor. So werden etwa in Dachsen im Auftrag des Bundes Lachs-Muttertiere grossgezogen. Im vergangenen Winter hat die kantonale Fischerei- und Jagdverwaltung erstmals Eier gewonnen, wie Fischerei-Adjunkt Lukas Bammatter sagt. «Das hat sehr gut funktioniert.»

«In der Schweiz verfügen mittlerweile die allermeisten Kraftwerke über Fischaufstiege.»

In der Fischzuchtanlage ist es also möglich, für eine Wiederansiedlung Jungfische zu züchten. Einen grossen Anteil der Jungfische habe man an die Kantone Basel-Stadt und Aargau geliefert. «Sie werden so weit flussabwärts wie möglich ausgesetzt.»

Denn von dort haben sie eine etwas bessere Chance, bis in den Atlantik und zurück zu gelangen. Bis zu einem Jahr können solche Wanderungen dauern. Erstaunlicherweise haben es einzelnen Tieren bereits geschafft, trotz der Kraftwerke wieder bis nach Basel zu schwimmen.

Das Bundesamt für Umwelt meldete im Jahr 2008 erfreut, dass im Rhein bei Basel ein 91 Zentimeter langer Lachs gesichtet wurde. 2012 entdeckte man flussaufwärts in Rheinfelden einen Lachs.

Feldversuch in Flaach

Fachleute vermuten, dass die Tiere zuvor in diesen Gebieten ausgesetzt wurden und mit viel Glück über Fischschleusen zurückgekehrt sind. Seit über 30 Jahren entlässt man im Raum Basel Junglachse in die Freiheit.

Diesen Frühling hat erstmals auch die Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich einige Jungtiere im Flaacherbach platziert. Der Bach mündet ganz in der Nähe des Naturzentrums Thurauen in den Rhein und könnte als mögliches Laichgebiet dienen. Mit diesem ersten Versuch im Kanton will man herausfinden, ob sich der Bach als Startpunkt für die lange Reise der Lachse eignen könnte.

Aus dem Flaacherbach gelangen die Junglachse in den Rhein (vorne). Die Mündung des Bachs ist kaum einsehbar (hinten). Foto: Madeleine Schoder

Im kommenden Herbst werde man vor Ort schauen, wie sich der Bestand entwickelt hat, sagt Bammatter weiter. Möglich ist dies, weil die Jungtiere erst nach ein bis fünf Jahren flussabwärts ziehen. In kleinen Gewässern wie dem Flaacherbach sei die Überlebenschance grösser als etwa in der Thur oder in der Töss.

Das ist der Grund, weshalb der Kanton nicht diese beiden Flüsse für den Versuch ausgewählt hat, denn auch sie gelten als potenzielle Lebensräume für den Lachs. In einem Expertenbericht des Bundes aus dem Jahr 2016 heisst es, dass in der Töss rund zehn Hektaren für Lachse geeignet wären.

Der Unterlauf der Töss gilt als besonders wertvoll. Kürzlich hat der Kanton mit betroffenen Gemeinden einen Masterplan erarbeitet, um das Gebiet besser zu schützen. Bis nach Winterthur kommen die Wanderfische aber wohl nie. Die natürliche Ausbreitungsgrenze lag vermutlich seit jeher bei einer Schwelle in Freienstein.

Bis die Lachse ihre ehemaligen Laichgruben bei Rheinau, in der Töss oder in der Thur erreichen können, müssen sie alleine ab Basel rund zehn Kraftwerke überwinden. Auch wenn diese über Aufstiege verfügen, bleiben die Anlagen doch Hindernisse, die nicht alle Lachse schadlos überstehen. Weitere Risiken bei der Ausbreitung sind etwa steigende Temperaturen oder Krankheiten.

Erstellt: 23.08.2019, 11:35 Uhr

Ein silberner Salm, also ein Lachs, ziert das Gemeindewappen von Rheinau. Foto: pd

Wenn der Lachs kam, läutete das Glöcklein

Der Salm machte auf der Klosterinsel als Speisefisch Eindruck.

Jeweils im Spätherbst waren die Mönche im Kloster Rheinau besonders aufmerksam. Denn dann schwammen die Lachse in Schwärmen vorbei. Um die Fischer zu alarmieren, läutete man bei der Rheinbrücke und auf der Klosterinsel das Salmglöcklein, wie es im «Rheinauer Buch 2000» heisst.

Die Fische seien ein wertvolles und ergiebiges Nahrungsmittel gewesen. Das Kloster Rheinau soll einst das alleinige Fischereirecht vom Rheinfall bis zur Thur besessen haben. Im Rhein bei Rheinau kommt der Lachs nicht mehr vor. Weltweit ist er ein beliebter Speisefisch geblieben.

Verbreitet sind die Fische von Kanada über das Nordpolarmeer bis Portugal. Sie kommen aber zum Beispiel auch in der Ostsee, in Russland, Schweden oder Norwegen vor.

Faszinierende Lebensweise

Die Reise der Lachse beginnt in Kiesbetten von Bächen. Die Weibchen schlagen breite Gruben in den Grund und legen bis zu 30000 Eier, die dann von mehreren Männchen befruchtet werden. Sind die Fische geschlüpft, ernähren sie sich von Kleinkrebsen oder Insekten, im Meer angekommen jagen sie hingegen nach anderen Fischen. Während ihrer langen Wanderung zurück in ihr Ursprungsgewässer nehmen sie hingegen kaum Nahrung auf.

Mit seiner faszinierenden Lebensweise gilt der Lachs als sogenannte Flagship-Art. Von Massnahmen, die seine Verbreitung fördern, profitieren zahlreiche andere Arten und Lebensräume. Im Bericht des Bundesamts für Umwelt von 2016 gehen Experten davon aus, dass eine Rückkehr in 15 Jahren machbar ist. Dank der revidierten Gewässerschutzgesetzgebung sei die Ausgangslage «sogar äusserst günstig». Dadurch könnten Kraftwerke für Fische besser passierbar gemacht und weitere Revitalisierungen vorgenommen werden.

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