Andelfingen

Fusionsfans müssen sich warm anziehen

Seit bald einem Jahr dümpelt das Andelfinger Fusionsprojekt vor sich hin. Doch nun ist die Ruhe vorbei.

Grossandelfingen – bis 1970 hiess Andelfingen so. Auf einem alten Wegweiser steht das noch heute.

Grossandelfingen – bis 1970 hiess Andelfingen so. Auf einem alten Wegweiser steht das noch heute. Bild: Markus Brupbacher

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Im Raum Andelfingen werden derzeit zwei grosse Gemeindefusionen vertieft geprüft: zum einen der Zusammenschluss der Politischen Gemeinden Adlikon, Andelfingen, Henggart, Humlikon, Kleinandelfingen und Thalheim an der Thur, zum anderen die Fusion aller Schulen in diesen sechs Gemeinden. Über die eigentlichen Fusionen entscheiden die Stimmbürger in knapp zwei Jahren. Das offizielle Motto des Fusionsprojekts lautet «Die Zukunft unserer Gemeinden in die Hand nehmen». 

Seit der Grundsatzabstimmung letzten April über die Prüfung der beiden Fusionen sei es «relativ ruhig» geblieben. Das sagte Andelfingens Gemeindepräsident Hansruedi Jucker an der letzten Gemeindeversammlung Ende November. Man müsse eben zuerst die Grundlagenarbeit machen, sagte er. «Sonst stehen wir mit leeren Händen da.» Die Bevölkerung werde man dann schon noch ins Boot holen, «keine Angst».

Eine «Mega-Fusion»

Doch nun hat die SVP Andelfingen den Behörden das Heft des Handelns gleichsam aus den Händen geschlagen – und die Ängste ebendieser Bevölkerung geschickt aufgenommen. In Newslettern will die Volkspartei regelmässig «auch über die Schattenseite einer solchen Mega-Fusion» informieren, das erste Schreiben verschickte sie letzte Woche. «Grösser ist nicht besser», schreibt die SVP. Gekonnt spricht sie auch linke Kreise an, indem sie eine Parallele zieht zu Grossfusionen in der Wirtschaft: «Getreu den Riesenfusionen in der Wirtschaft sollten auch auf Gemeindeebene Fusionen Wunder bewirken: weniger Kosten, bessere Leistungen. Dieses Versprechen hat sich jedoch in Luft aufgelöst. Genau wie in der Wirtschaft, in der viele Fusionen nichts ausser Milliardenkosten gebracht haben, sind auch die Erfahrungen aus zusammengeschlossenen Gemeinden enttäuschend bis alarmierend.» Danach zählt die SVP mehrere Nachteile auf, die ihrer Meinung nach mit der Grösse einer Gemeinde zusammenhängen. Die neue, fusionierte Gemeinde würde etwa 8500 Einwohner zählen. Zum Vergleich: Seuzach hat rund 7300 Einwohner. Laut der SVP ist zum Beispiel die politische Beteiligung in kleineren Gemeinden höher als in grösseren – was politologische Studien übrigens bestätigen. Bei grossen Gemeinden, glaubt die SVP, fehle oft das Zugehörigkeitsgefühl. Auch nehme in Grossgemeinden die geografische Distanz zwischen der Bevölkerung und der Verwaltung zu. Die SVP ist zudem der Meinung, dass in einer grossen Gemeinde die Aufgaben kaum noch im Milizsystem wahrgenommen werden können. «Dies führt zu teuren Berufspolitikern.» Und schliesslich: «Grösseren Gemeinden droht eine zunehmende Anonymisierung. Dieses Umfeld bietet Nährboden für Vandalismus und Kriminalität.» Die SVP präsentiert nun also einen ganzen Strauss von Fusionsängsten.

Ängste aktiv abholen

Der «Landbote» forderte bereits einen Tag nach der gewonnenen Grundsatzabstimmung vom 15. April 2018 in einem Kommentar, dass die Bevölkerung stärker beteiligt werden müsse: «Die Behörden müssen die Ängste und Hoffnungen aktiv abholen, etwa in einer Zukunftswerkstatt.» Sie müssten die Bevölkerung mitnehmen, um sie nicht zu verlieren. «Dafür reichen Informationsveranstaltungen wie bisher nicht mehr aus.»

Während also Teile der Bevölkerung in diffusen Ängsten schwimmen, arbeiten die Behörden in diversen Arbeitsgruppen im Hintergrund hinter verschlossenen Türen. Haben die Gemeindebehörden damit nicht das Feld der fusionskritischen SVP überlassen? «Nein, das sehen wir nicht so», antwortet Jucker auf diese Frage. Schliesslich habe man an den letzten Gemeindeversammlungen in allen Gemeinden über den Stand der Arbeiten informiert und darüber, wie es weitergeht. Das stimmt zwar. Doch die Information bestand bloss aus mehreren Organigrammen und Auflistungen zu den Teilprojekten, Arbeitsgruppen und den zeitlichen Abläufen. Die Daten für die Informationsveranstaltungen sind noch gar nicht bekannt. Und auch die längst angekündigte Website zum Fusionsprojekt lässt noch immer auf sich warten.

Zu langsam, zu behäbig

An der letzten Gemeindeversammlung in Thalheim erzählte die Gemeindepräsidentin, dass man derzeit zum Beispiel abkläre, wie viele Strassen es in den Gemeinden gebe. Solche Abklärungen sind zwar nötig. Doch sie sind auch Ausdruck der Langsamkeit, ja Behäbigkeit, mit der die Behörden am Fusionsprojekt arbeiten. Den Auftritt der SVP sollten sie als Weckruf verstehen, wenn sie die Fusionsabstimmung in knapp zwei Jahren nicht verlieren wollen. Im Moment überlassen die Behörden das Feld der SVP Andelfingen, in der ausgerechnet der Werbeprofi Alexander Segert sitzt. «Ich hasse es, wenn wir eine Abstimmungskampagne verlieren», sagte er einst gegenüber einer Zeitung. Die Fusionsfans müssen sich also warm anziehen.

Erstellt: 05.02.2019, 08:31 Uhr

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Markus Brupbacher, Redaktor Region

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