Rheinau

«Genmanipulierte Cornflakes kauft in der Schweiz niemand»

Am Vielfaltsmarkt dreht sich dieses Wochenende alles um Getreide und Brot. Ein Thema ist auch Gentechnik. Die ETH-Forscherin Angelika Hilbeck erklärt, weshalb diese kein Wundermittel ist und welche Gefahren sie birgt.

In Südamerika werden genmanipulierte Sojabohnen industriell angebaut, in der Schweiz nur im Labor.

In Südamerika werden genmanipulierte Sojabohnen industriell angebaut, in der Schweiz nur im Labor. Bild: Keystone

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Kann man in der Schweiz Lebensmittel kaufen, deren Inhaltsstoffe gentechnisch verändert worden sind?
Angelika Hilbeck: Nein. Der Grund dafür liegt auch bei den Grossverteilern selbst. Ihre Marktforschung hat ergeben, dass es in der Schweiz dafür keine Nachfrage gibt. Darum gibt es keine zwei Cornflakespackungen derselben Firma im Supermarktregal – eine genmanipuliert, eine nicht –, denn die mit dem gentechnisch veränderten Mais bliebe meistens übrig.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?
Überall wo es keine Deklarationspflicht gibt, kaufen die Konsumentinnen und Konsumenten genmanipulierte Produkte. In den USA stehen beispielsweise Schokolade, Cola oder Lippenstifte in den Regalen, die unter anderem Inhaltsstoffe aus genveränderten Sojabohnen aufweisen. Die Industrie hat mit Zähnen und Klauen durchgesetzt, dass sie die Produkte nicht mit Labels versehen muss. So wissen die Leute nicht, was sie kaufen.

Was genau ist bei diesen Sojabohnen verändert worden?
Sie enthalten entweder bakterielle insektizide Stoffe, die sie gegen bestimmte Insekten schützen. Oder sie wurden gegen Unkrautvernichtungsmittel resistent gemacht mittels gentechnischer Eingriffe. Es gibt auch Kombinationen von beidem.

Kann das nicht sinnvoll sein?
Naja, es gibt bedenkliche Nebenwirkungen, unter anderem Rückstände der eingesetzten Unkrautvernichtungsmittel in den Lebensmitteln. Oder Auswirkungen auf nützliche Organismen, die man nicht töten will.

«Es gibt momentan keine gentechnisch veränderten Produkte, die der Schweizer Landwirtschaft dienen würden.»Angelika Hilbeck

Das Sonderthema des Vielfaltsmarkts ist Getreide. Kann beispielsweise Weizen genmanipuliert werden?
Es wird kein genveränderter Weizen angebaut. Dem Weizen machen vor allem Pilze wie der Mehltau zu schaffen. Gegen diese gentechnisch vorzugehen ist extrem schwierig. Doch es laufen immer noch Versuche, auch an der ETH und der Uni Zürich. Dennoch machen bislang Soja, Mais, Baumwolle und Raps rund 99 Prozent der gentechnisch manipulierten Produkte aus, die industriell angepflanzt werden.

In der Schweiz ist es verboten, gentechnisch veränderte Pflanzen anzubauen. Das Parlament hat ein entsprechendes Verbot bis 2021 verlängert. Eine gute Entscheidung?
Ja, denn es gibt momentan keine gentechnisch veränderten Produkte, die der Schweizer Landwirtschaft dienen würden. Ausserdem gibt es kaum eine Nachfrage unter den Konsumenten. Vor 30 Jahren versprach man sich sehr viel von der Gentechnik. Noch heute fliessen Millionen in die Forschung. Die Erfolge sind jedoch überschaubar.

Imagefilm «1001 Gemüse&Getreide. Video: FiBLFilm via Youtube

Wieso?
Die Forschung greift in genetische Prozesse ein, die sie in ihrer Gesamtheit gar nicht kennt. Noch immer ist es eine Illusion, dass mit Gentechnik Pflanzen so verändert werden können, dass sie beispielsweise gegen Dürre, Hitze oder den Klimawandel geschützt sind. Nur kleine Veränderungen sind möglich. Zudem werden im Labor häufig Pflanzen hergestellt, die gar nicht nachgefragt werden. Die Labore müssen aufhören, sich von der Welt abzukapseln und sich mit den Diskursen in der Gesellschaft vertraut machen, bevor sie diese mit neuen Produkten beglücken wollen.

Werden in Zukunft genveränderte Lebensmittel in der Schweiz zu kaufen sein?
Das ist unklar. Vielmehr müssen wir uns fragen: Welche Landwirtschaft wollen wir? Gerade geschieht dies ja wieder mit der Initiative zur Ernährungssouveränität. Darin eingebetttet soll die Gentechnik diskutiert werden. Wenn sie einen Beitrag zur Problemlösung bietet, dann ist das gut.


Angelika HilbeckDie 58-jährige Agrarökologin arbeitet als Dozentin und Forscherin am Institut für Integrative Biologie an der ETH Zürich. Dort beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen von gentechnisch veränderten Pflanzen auf Ökosystme. (Landbote)

Erstellt: 05.09.2018, 16:21 Uhr

Angelika Hilbeck

Die 58-jährige Agrarökologin arbeitet als Dozentin und Forscherin am Institut für Integrative Biologie an der ETH Zürich. Dort beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen von gentechnisch veränderten Pflanzen auf Ökosystme.

Markt «1001 Gemüse&Getreide»

Auf und neben dem Klosterplatz Rheinau findet am kommenden Samstag (11-18 Uhr, Verpflegung bis 21 Uhr) und Sonntag (11-18 Uhr) der Markt «1001 Gemüse&Getreide» statt. Die Besucher können Produkte degustieren, die von Bauernfamilien präsentiert werden. Ausserdem gibt es Verpflegungsstände: von Holzofenpizza bis Fischknusperli. Das diesjährige Sonderthema des alle zwei Jahre stattfindenden Markts ist «Getreide und Brot». In der Alten Schreinerei gibt es dazu am Samstag wissenschaftliche Vorträge, unter anderem um 14 Uhr von Angelika Hilbeck zu «Genmanipuliertem Getreide». Zudem widmet sich eine Ausstellung vor Ort dem Thema. Führungen durch die Zuchtgärten, Gaukler sowie ein Gemüsetheater runden den Anlass ab. Wer degustieren und an den Programmpunkten teilnehmen möchte, kann einen Bändel für 15 Franken erwerben. Mehr Informationen gibt es auf www.1001gemuese.ch. (tiw)

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