Rheinau

Grundwasser blieb trotz Kraftwerk unbeschadet

Anfang der 1950er-Jahre gab es wegen des Natur- und Landschaftschutzes Widerstand gegen das Kraftwerk Rheinau. Und auch wegen des grossen Grundwasservorkommens gab es Befürchtungen, sogar aus Winterthur. Doch diese Angst blieb unbegründet.

Auch unter dem Areal der Psychiatrischen Universitätsklinik in Neurheinau (im Vordergrund) sickert Wasser des Rheins in den kiesig-sandigen Untergrund und wird dort zu Grundwasser. Im Hintergrund ist das Hauptwehr des Kraftwerks Rheinau zu sehen.

Auch unter dem Areal der Psychiatrischen Universitätsklinik in Neurheinau (im Vordergrund) sickert Wasser des Rheins in den kiesig-sandigen Untergrund und wird dort zu Grundwasser. Im Hintergrund ist das Hauptwehr des Kraftwerks Rheinau zu sehen. Bild: Heinz Kramer

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Es ist fast zehn Quadratkilometer gross und wirkt wie ein riesiger Schwamm und Filter – das Grundwasserschutzareal Rheinau.

Am Nordrand des Areals liegt die sogenannte Infiltrationsfront am Rhein: Flusswasser sickert in den kiesig-sandigen Untergrund, wird natürlich gefiltert und so zu Grundwasser (siehe Karte). Dieses Wasser bleibt aber nicht liegen, sondern fliesst mit etwa 17 Metern pro Tag Richtung Süden, geschätzte 13 500 Liter pro Minute.

Um die mit Abstand grösste Trinkwasserreserve im Kanton Zürich weiterhin zu schützen, läuft aktuell die parzellengenaue Festlegung des Areals. Der Kanton informiert die Grundeigentümer im September («Landbote» vom 13. August). Auch die Stadt Winterthur besitzt im Rheinauer Schutzareal das Recht, Grundwasser zu nutzen.

Noch macht die Stadt keinen Gebrauch von diesem Nutzungsrecht. Doch etwa 2035 sollen ein Grundwasserwerk und eine Wasserpipeline bis nach Winterthur für geschätzte 70 Millionen Franken gebaut werden.

«Schlammsee» befürchtet

Dort, wo Flusswasser in den Untergrund sickert, ist der Rhein seit 1957 durch das Kraftwerk Rheinau gestaut. Der Fluss fliesst also nur noch sehr langsam. Das führte vor Baubeginn des Werks 1952 zu einer Kontroverse unter Fachleuten. Denn es gab die Befürchtung, dass sich wegen der langsameren Fliessgeschwindigkeit mehr Schwebeteilchen und Laub von Bäumen auf dem Flussgrund ablagern.

Solche Ablagerungen würden, so die damalige Vermutung, den kiesig-sandigen Filter allmählich verstopfen, sodass immer weniger Flusswasser ins Grundwassergebiet sickern würde. Die Wasserversorgung Winterthur schrieb 1952 sogar von einem «Schlammsee» und davon, dass die Sickermenge schliesslich «vollständig versiegen wird».

Nicht nur der Grund des Rheins, sondern auch die Ufer würden sich nach und nach mit Schlammmaterial abdichten. Bloss noch ein Sechstel der Grundwassermenge wie vor dem Kraftwerkbau würde entstehen, prognostizierte die Winterthurer Wasserversorgung. Diese Menge sei «für die Bedürfnisse von Winterthur viel zu gering».

Und solange das Flusswasser noch durch die Schlammschicht sickern könne, verliere es seinen Sauerstoffgehalt weitgehend. Dadurch würden Eisen und Mangan im Wasser gelöst. «Solches Wasser ist ohne Aufbereitung zu Wasserversorgungszwecken unbrauchbar», schrieb die Winterthurer Wasserversorgung weiter.

Zusammenfassend kam sie zum pessimistischen Schluss: Es sei «ganz sicher», dass nach Erstellung des Kraftwerks die zuvor festgestellte «vorzügliche Qualität des Grundwassers von Rheinau» nicht mehr erzielt werden könne. In der Volksabstimmung vom November 1952 wurde eine Beteiligung Winterthurs am Rheinauer Kraftwerk abgelehnt.

«Erstaunlich stabil»

Mit ihrer düsteren Prognose vor fast 70 Jahren lag die Winterthurer Wasserversorgung falsch. So bezeichnet ein Fachbericht vom Mai 2017 das Rheinauer Grundwasserschutzareal als «sehr ergiebig» und das Wasser sei von «einwandfreier Qualität» – trotz des Kraftwerks.

Die Auswirkungen des gestauten Rheins auf das Grundwasser werden bis heute permanent an fünf Stellen mit Messungen verfolgt. Die Daten hätten gezeigt, sagt die kantonale Baudirektion auf Anfrage, dass sich die Versickerungsverhältnisse des aufgestauten Rheins all die Jahre «nicht verändert haben beziehungsweise erstaunlich stabil sind». In früheren Jahren wurde auch der erwähnte Gehalt von Eisen und Mangan im Grundwasser gemessen.

Bei beiden Werten war ein steter Rückgang zu verzeichnen – also das genaue Gegenteil der Winterthurer Prognose.

Doch auch hier lag die Winterthurer Wasserversorgung mit ihrer Befürchtung daneben. So war laut Baudirektion bei beiden Werten «fast durchweg ein steter Rückgang zu verzeichnen», eine nachteilige Entwicklung sei keine eingetreten – also das genaue Gegenteil der Winterthurer Prognose.

Verstopfen Schwebeteilchen und Blätter den Grund des aufgestauten Rheins? Um diese Frage zu beantworten, inspizierten anfänglich Taucher jedes Jahr den Flussgrund. Heute werden der Wasserspiegel des Rheins und der Grundwasserspiegel gemessen und die Differenz interpretiert, wobei auch die Abflussmenge im Rhein mitberücksichtigt werden muss. Damit ist es möglich, mengenmässige Veränderungen beim einsickernden Flusswasser ins Grundwassergebiet festzustellen. Gegen die Verstopfung des Flussgrundes mit Schwebeteilchen helfen grosse Hochwasser, welche diese Teilchen wieder wegspülen.

Eine Veränderung zeigte die permanente Überwachung des Rheinauer Grundwassers. So ist zwischen 1953 und 2016 die Temperatur des Rheins und des Grundwassers um 1 Grad angestiegen. Laut dem Bericht von 2017 entspricht dies der «allgemeinen Klimaerwärmung in diesem Zeitraum».

Nicht tiefer als 5 Meter bauen

Im Nordwesten des Rheinauer Grundwasserschutzareals liegt die Psychiatrische Universitätsklinik, die bald erweitert wird. Die Erweiterung ist wegen des Grundwassers durch ein Bauverbot im Süden begrenzt. Nördlich davon sind einige Beschränkungen vorgesehen.

So dürfen etwa die Bauten nicht mehr als fünf Meter tief in den Boden reichen. Auch Erdwärmesonden sind dort nicht erlaubt. Oder bei Entwässerungsleitungen gibt es gewisse Vorschriften zum Schutz des Grundwassers.

Erstellt: 22.08.2019, 12:07 Uhr

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