Endlager

«Heisse Zelle» an Rheinufer erhitzt Gemüter

Während die Nagra ihre Tiefbohrungen durchführt, geht der Streit um die oberirdischen Bauten des Endlagers in die nächste Runde. Die eigentliche Diskussion beginnt nächstes Jahr.

Das Kernkraftwerk Leibstadt liegt direkt am Rhein, im Hintergrund ist Deutschland zu sehen.

Das Kernkraftwerk Leibstadt liegt direkt am Rhein, im Hintergrund ist Deutschland zu sehen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf den letzten zehn Kilometern des unteren Aaretals ist die Dichte an Atomanlagen besonders hoch. Unweit des Zwischenlagers (Zwilag) für radioaktive Abfälle am Aareufer stehen die beiden Atommeiler Beznau 1 und 2 auf einer Insel in der Aare. Das Kernkraftwerk Leibstadt (Bild) liegt fünf Kilometer nach der Aaremündung am Rheinufer. Und nur wenige Kilometer südwestlich von all diesen Anlagen beginnt die Endlagerregion Jura Ost (Aargauer Bözberg).

Die beiden anderen Regionen, wo das Endlager auch gebaut werden könnte, sind das Zürcher Unterland und Weinland. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) gibt voraussichtlich 2022 bekannt, wo sie das Lager bauen möchte. Bis dahin führt sie in allen drei Regionen mehrere Tiefbohrungen durch.

Komposthaufen an Grenze

Nördlich der Aargauer Atomregion, ennet des Rheins, liegt Deutschland. Auch an die beiden anderen Endlagerregionen Nördlich Lägern (Zürcher Unterland) und Zürich Nordost (Zürcher Weinland) grenzt im Norden der deutsche Nachbar. Deutsche Landkreise, Gemeinden und das deutsche Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit in Berlin kritisierten 2018 die Schweizer Endlagerpläne scharf. Die Hauptkritik galt den sogenannten Oberflächenanlagen. Diese oberirdischen Tore zum unterirdischen Endlager lägen im Zürcher Unterland und Weinland nur wenige hundert Meter vom Rhein und damit von der Landesgrenze entfernt. Die Schweiz setze diese atomaren Anlagen – wie ein Hausbesitzer seinen Komposthaufen – absichtlich so nahe an die Grenze zum Nachbarn, lautete ein Vorwurf von deutscher Seite.

Weinländer Forderung

In einer solchen oberirdischen Anlage befände sich auch die «heisse Zelle». In ihr werden die in Castorbehältern angelieferten, hoch radioaktiven Abfälle aus den Kernkraftwerken in die kleineren Endlagerbehälter umgepackt. Eine flugzeugabsturzsicher und erdbebenfest gebaute «heisse Zelle» betreibt das Zwilag schon seit bald 20 Jahren direkt an der Aare. Wegen der tödlichen Strahlendosis in diesem Gebäude werden sämtliche Arbeiten fernbedient ausgeführt.

«Risikovermeidung sieht für uns anders aus.»Aus der Medienmitteilung
des Landkreises Waldshut
und deutscher Grenzgemeinden

Mit dem Bundesratsentscheid von Ende 2018 hat der grenzüberschreitende Streit neues Futter erhalten. Denn auf Empfehlung des Bundesamtes für Energie verlangt die Landesregierung von der Nagra, dass sie für die «heisse Zelle» auch Standorte ausserhalb der Endlagerregionen prüft. Die Prüfung alternativer Standorte geht auf eine Forderung aus dem Weinland zurück. Weil die «heisse Zelle» das punkto Sicherheit anspruchvollste und höchste Gebäude in der Landschaft wäre, wollen die Weinländer es nicht bei sich. Eine Alternative wäre zwar das Zwilag. Doch im Aargau wehrt man sich dagegen, dass das Weinland die «heisse Zelle» abschieben will.

Sorge ums Trinkwasser

Als mögliche Alternativstandorte haben sich auch die Betreiber der Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt ins Spiel gebracht. Dort werden schon heute abgebrannte Brennelemente so lange gelagert, bis sie ins Zwilag transportiert werden können. Das Kraftwerk Leibstadt liegt direkt am Rhein. Die derzeit laufenden Abklärungen für die «heisse Zelle» am dortigen Standort verärgern und beunruhigen den deutschen Nachbarn ennet des Rheins. So macht man sich vor allem Sorge ums Trinkwasser aus dem Grundwasserstrom des Rheins. Es bestehe keine Notwendigkeit, die «heisse Zelle» unmittelbar am Rhein zu errichten. «Risikovermeidung sieht für uns anders aus», heisst es in einer kürzlich verschickten Medienmitteilung des Landkreises Waldshut und deutscher Grenzgemeinden.

Politischer Zündstoff

Die Frage, ob die «heisse Zelle» beim Tor zum Endlager in der Standortregion oder in einer anderen Region gebaut werden soll, ist komplex und birgt politischen Zündstoff. Dies, weil sie gleich mehrere Regionen betrifft und an dem einen Ort für eine Entlastung und an dem anderen Ort für eine Belastung sorgt. So würde etwa der Bau der «heissen Zelle» ausserhalb des Weinlandes oder Unterlandes eine Vervielfachung der Atomzüge bewirken. Dies, weil für den sicheren Transport der Endlagerbehälter viel mehr Verpackungsmaterial und damit Züge nötig wären als für die Castorbehälter. Im nächsten Jahr soll die Standortfrage der «heissen Zelle» in einer überregionalen Diskussion erläutert werden. Daran teilnehmen werden die Standortregionen, die Kantone und Deutschland.

Erstellt: 30.07.2019, 19:02 Uhr

Artikel zum Thema

Geologe fordert Marschhalt bei Endlagersuche

Endlager Nach Meinung von Geologe Marcos Buser treibt die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) die Standortsuche für das Endlager zu rasch voran. Der langjährige Kritiker fordert mehr Zeit für eine «bessere Lösung». Mehr...

Keine Extrawurst für die Deutschen

Endlager Lautstark wehrte sich Deutschland gegen die grenznahen Tore zum Schweizer Endlager. Doch der Bundesrat geht nicht speziell auf den deutschen Protest ein. Mehr...

Atom-Endlager: Wird der Atom-Müll der Schweiz bald im Weinland gelagert?

Auf der Suche nach einem geeigneten Standort für ein Tiefenlager für Atom-Müll bezieht die Nagra auch das Zürcher Weinland in die engere Auswahl ein. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles