Endlager

Geologie oder Gesellschaft – wer ist nicht ganz dicht?

Die Befürworter eines Endlagers sind pessimistisch, was die Stabilität der Gesellschaft angeht und optimistisch, was die Beständigkeit der Geologie angeht. Bei den Gegnern ist es genau umgekehrt. Auch die Veranstaltung im Zürcher Volkshaus vom Donnerstagabend drehte sich um diesen zentralen Gegensatz.

Für die Gegner ist klar: ein Endlager im Weinland ist unverantwortlich.

Für die Gegner ist klar: ein Endlager im Weinland ist unverantwortlich.

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Nach der Arbeit die letzten Sonnenstrahlen im Garten geniessen und den Radieschen dabei zusehen, wie sie rot und rund werden? Oder doch nach Zürich fahren ins Volkshaus und sich die Endlager-Veranstaltung «Aus den Augen, aus dem Sinn? Neue Ansätze im Umgang mit Atommüll» anhören?

Ein vielversprechender Titel, vor allem wegen des Wortes «Neue». Ein atomkritischer Redner aus dem Weinland, der in Zürich seinen Auftritt haben würde, rief noch extra auf der Redaktion an – ganz etwas Neues werde der Nagra-Kritiker, Geologe und Sozialwissenschafter Marcos Buser verkünden. Erstmals nämlich werde er sich öffentlich von der Tiefenlagerung als Lösung des Atommüll-Problems distanzieren.

Übrigens: Auch die Nagra ruft ab und zu auf der Redaktion an und lädt Redaktoren zu atomaren «Reisli» nach Skandinavien und Deutschland ein. Ein weiteres Argument – für Radioaktivität und gegen Radieschen: Das «Tor zum Endlager» bei Marthalen läge nur 30 Kilometer nordöstlich der Limmatstadt.

Die Gegner und Befürworter haben sich um sich selbst gedreht – wieder einmal.

Trägt die Schweizerische Energiestiftung (SES) das Thema nun ins Herz der grössten Schweizer Stadt, dazu noch ins Volkshaus? Und was, wenn die grossen Mitbewerber dieser Zeitung auch vor Ort wären, über das «Neue» berichten würden? Der Garten muss warten, radioaktive statt Sonnenstrahlen.Im Blauen Saal des Volkshauses sitzen rund 130 Zuhörer, darunter viele bekannte Gesichter – aus dem Weinland.

Nagra, Atomaufsichtsbehörde Ensi, Atomkraftkritiker, Nagra-und-Ensi-Kritiker: Die vier Kurzreferate sind durch, dann folgen eine Podiumsdiskussion und Fragen aus dem Publikum. Halblaute, giftige und empörte Zwischenbemerkungen von der Sitznachbarin. Und viel Applaus für die Kritiker – und skeptische Seitenblicke, weil man selber nicht klatscht.

Rund 130 Zuhörer spalteten sich in zwei unversöhnliche Lager.

Sie macht sich auch Notizen, in ein Heftlein. Wenigstens applaudiert der Mann von der Zeitung nicht bei der Nagra, denkt sie sich wahrscheinlich. Am Ende der Endlagerveranstaltung folgt noch das Schlusswort von SP-Nationalrat Beat Jans (Basel-Stadt) und SES-Präsident. Er wünscht allen «Glück» beim Vorhaben Endlager, das er eigentlich für eine unmögliche Aufgabe hält. 21.05 Uhr, Apéro.

War da noch nicht was? Richtig: das «Neue», gross angekündigt. Ein «dualer Ansatz», ein «neues Konzept» schlägt Geologe und Nagra-Kritiker Buser vor. Zuerst seine (nicht neue) Analyse: Die Geschichte der Endlagerung ist ein einziger Misserfolg, Fehler reiht sich an Fehler, Verzögerung folgt auf Verzögerung. Und ob Granit oder Tongestein: Gescheitert sind die Lager alle am Gestein, das den Atommüll zu wenig gut einschliesst – das also nicht ganz dicht ist. Busers Bilanz und Forderung: Die Zeit für die Endlagerung ist nicht reif, daher braucht es mehr Zeit. Gewonnen werden soll die durch ein unterirdisches, besser geschütztes Zwischenlager.

Heute lagert der Schweizer Müll oberirdisch im atomaren Zwischenlager (Zwilag) im Kanton Aargau. Und der gedankliche Überbau des Ganzen ist eben der duale Ansatz: Das Tiefenlager soll vor Gefahren der Gesellschaft und die Gesellschaft vor Gefahren des Tiefenlagers geschützt werden. Diese doppelte Forderung – einmal aus Sicht des Mülls, einmal aus Sicht des Menschen – ist aber alles andere als neu.

Auch distanziert sich Buser gar nicht vom Konzept der Tiefenlagerung an sich – er will einfach zusätzliche Zeit für ein besseres Konzept gewinnen. «Wir brauchen mehr Zeit für bessere Lösungen.» Auch klar ist, dass diese von ihm kommen. Und er hofft, dass die Technik besser und die Menschen gescheiter werden, dazulernen.

Noch länger zuwarten mit dem Endlager? Eine «Horrorvorstellung» für Busers Gegenspieler Markus Fritschi von der Nagra. Wer würde sich da noch um eine echte, langfristig sichere Lösung kümmern, wenn der Abfall erst einmal unter Tag verlagert ist? Aus dem Provisorium würde ein prekärer Dauerzustand. «Das wäre ‹Aus den Augen, aus dem Sinn›!», warnt Fritschi.

Zwar nichts Neues im Blauen Saal, doch jetzt ist der eigentliche Boden der Endlagerdiskussion erreicht. Die zwei grundsätzlich verschiedenen Anschauungen kommen ans Tageslicht. Geologie oder Gesellschaft – wer soll für die Sicherheit des Endlagers sorgen? Wer bleibt länger dicht, stabil? Die Beantwortung dieser Frage hängt vom Welt- und Menschenbild ab.

Die Endlagerbefürworter vertrauen der Geologie, nicht der Gesellschaft. Die Menschheit ist so dumm und bekriegt sich an der Erdoberfläche, während die Gesteinsschichten im Untergrund seit Jahrmillionen stabil sind und dicht halten. Fritschi zeigt jeweils ein Bild einer zerbombten Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ein atomares Zwischenlager an der Erdoberfläche in einer solchen Situation? Ein Horror! Darum: Nicht länger zuwarten, der nächste gesellschaftliche Kollaps kommt bestimmt. Die Endlagerkritiker hingegen zeigen Bilder leckgeschlagener Atomfässer in alten Bergwerken – Horror!

Darum: Mehr Zeit für bessere Lösungen.Im Blauen Saal nichts Neues. Immerhin sind die Radieschen in der Zwischenzeit runder und röter geworden, während sich die Gegner und Befürworter eines Endlagers um sich selbst gedreht haben – wieder einmal.

(Der Landbote)

Erstellt: 27.04.2018, 16:43 Uhr

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