Alt-Regierungsrat

«In den Zentren müsste man Grundbesitzer enteignen können»

Der 2015 abgewählte Justizdirektor Martin Graf (Grüne) engagiert sich heute für die Stiftung Fintan in Rheinau. Im Interview erzählt er, wie er die Wahlniederlage verdaut hat.

Alt-Regierungsrat Martin Graf (Grüne)?fühlt sich in der ruhigen Umgebung der Stiftung Fintan in Rheinau sichtlich wohl.

Alt-Regierungsrat Martin Graf (Grüne)?fühlt sich in der ruhigen Umgebung der Stiftung Fintan in Rheinau sichtlich wohl. Bild: Enzo Lopardo

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Martin Graf, vor gut einem Jahr wurden Sie bei den Regierungsratswahlen abgewählt. Haben Sie die Niederlage verdaut?
Martin Graf: Ja, absolut. Das ist für mich abgeschlossen. Es war auch kein Problem. Denn ich habe drei Wochen, nachdem ich mein Amt abgab, als freiwilliger Mitarbeiter bei der Stiftung Fintan in Rheinau zu arbeiten begonnen.

Wie ist es dazu gekommen?
Martin Ott, Mitgründer der Stiftung und langjähriger Freund, hat zu mir gesagt: Wenn Du nicht gewählt wirst und nicht weisst, was Du tun sollst, dann kannst Du zu mir kommen. Er war froh um meine Hilfe.

Dann war das also Ihr Plan B, von dem Sie bereits kurz nach der Abwahl sprachen.
Genau. Ich musste mir ja überlegen, was ich tue, wenn ich nicht gewählt werde, denn die Chance war gross. Die Grünen sind eine kleine Partei und befanden sich damals nicht im Aufwind.

«Es war kein Problem, die Wahlniederlage zu verdauen.»Martin Graf

Was hat Sie ihrer Meinung nach am Ende zu Fall gebracht?
Der Fall des Jugendstraftäters Carlos, die flaue Unterstützung der SP und der bürgerliche Schulterschluss mit der CVP.

Stört es Sie, dass man Sie oft als erstes mit dem Fall Carlos in Verbindung bringt?
Nein. Ich erwähne ihn ja selbst, wenn mich jemand nicht kennt. Zudem hatte die NZZ eine Medienkampagne gegen mich geführt, noch bevor das Sondersetting um Carlos an die Öffentlichkeit kam. Ich kann mir allerdings nicht erklären, weshalb.

Sie haben im November 2015 eine Beratungsfirma gegründet, die Gradec GmbH. Die Stiftung Fintan ist eines Ihrer Mandate. Was tun Sie dort genau?
Eingestiegen bin ich bei der Schule für biodynamischen Landbau. Dort gab es einen gesundheitsbedingten Ausfall. Martin Ott als Schulleiter war froh um einen Assistenten, der ihn unterstützen konnte. Als erstes haben wir die Schule nach Eduqua zertifizieren lassen. Das ist ein Schweizerisches Qualitätszertifikat für Weiterbildungsinstitutionen. Dafür habe ich alleine etwa zwei Monate aufgewendet.

Und weiter?
Ich unterrichte die Themen Fütterungsplanung und Betriebskontrolle. Bei Letzterem geht es um all das, was ein Bauer wissen muss, um einen korrekten Nachweis für seine Direktzahlungen zu erbringen. Auch habe ich mich um Bundesbeiträge für die Kita im Chorb bemüht. Und nun werde ich beim Ausbau des Saatgutbetriebs Sativa die Bauherrenvertretung übernehmen. Der Bezug des Neubaus ist für 2018/19 vorgesehen.

Sie sind nun 61 Jahre alt. Wollen Sie sich nicht langsam zur Ruhe setzen?
Nein, überhaupt nicht. Ich muss etwas machen können. Dank der GmbH kann ich nun auch über das Pensionierungsalter hinaus arbeiten. Ich betreue zusätzlich ein Projekt in Tansania, wo Bauern in den Usambara-Bergen an sehr steilen Hängen humuszehrende Kulturen wie Mais oder Kartoffeln anpflanzen. Ich zeige ihnen, wie sie Erosion verhindern können.

Was müssen die Bauern tun?
Wir kombinieren die Ansaat von Mais mit Streifen von Elefantengras und Leguminosen, einer Art Klee. So lässt sich der Boden festigen, der Maiszünsler bekämpfen und Stickstoff fixieren. Ziel ist es, die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und den Ertrag zu steigern.

Wie sieht es mit der Politik aus, haben Sie dort noch Ambitionen?
Nein. Nach Bern in den Nationalrat wollte ich ohnehin nie, dort kann man zu wenig bewirken. Auf den Wahllisten war ich deshalb immer nur auf den hinteren Plätzen. Ich bin Exekutivpolitiker.

Was ist mit dem Bundesrat?
Das war nie ein Thema. Ich wollte immer ein Amt ausüben, bei dem ich wenigstens noch ein wenig operativ tätig sein kann. Das kann ein Bundesrat nicht.

Bevor Sie in den Regierungsrat wechselten, waren Sie 13 Jahre lang Stadtpräsident von Illnau-Effretikon. Verfolgen Sie die Politik dort noch?
Ich mische mich nicht mehr in die lokale Politik ein. Klar habe ich noch persönlichen Kontakt mit meinem Nachfolger Ueli Müller. Wir sprechen hin und wieder auch über aktuelle Stadtentwicklungsprojekte.

Gibt es Entscheide oder Entwicklungen, die Sie ärgern, weil Sie dem zuwiderlaufen, was Sie einmal anstrebten?
Nein, es gibt nichts, was mich stört. Es gibt meiner Ansicht nach halt Projekte, die kaum zum Ziel führen.

Zum Beispiel?
Das Zentrumsaufwertung in Effretikon ist ein fast unlösbares Problem. Sobald mehrere Grundeigentümer mit konträren Haltungen involviert sind, lässt sich ein Projekt kaum verwirklichen. Deshalb bin ich der Meinung, dass es schweizweit einen Enteignungsartikel für Kleinparzellen in Zentrumszonen bräuchte. Im Strassenbau ist die Enteignung ja gängige Praxis.

Die Stadt soll Grundeigentümer enteignen, damit sie ein anständiges Zentrum bauen kann?
Für kleine Schlüsselparzellen, welche eine Entwicklung blockieren, auf jeden Fall! So könnten Einzelpersonen weder Arealentwicklungen verhindern noch die Landpreise diktieren.

Muss Illnau-Effretikon denn die Pläne für ein belebtes, attraktives Zentrum definitiv begraben?
Nein, aber es ist auf jeden Fall ein Hosenlupf. Hoffentlich lässt sich das Gebiet hinter dem Bahnhof aufwerten. Mich ärgert es, wenn Leute immer nur aus Betroffenheit agieren und sich einzig für ihre eigenen Interessen einsetzen. In Illnau wehren sich beispielsweise Anwohner gegen die Überbauung Hagen Süd-West, aber nicht aus städtebaulicher Sicht, sondern primär, weil sie ihnen vor der Sonne steht. Das geht doch nicht. Jetzt sind aber neue Politiker am Ruder, die sich darum kümmern dürfen.

«Die Idee eines Einsatzes in Afrika habe ich begraben»

In einem Interview sagten sie, dass Sie gerne einen humanitären Einsatz in Afrika leisten würden, zum Beispiel für das Schweizerische Korps für humanitäre Hilfe. Haben Sie sich diesen Traum verwirklicht?
Nein, den habe ich begraben. Die Einsatzbedingungen des Korps sind für Ehepaare, selbst mit grosser Erfahrung im interkulturellen Austausch, sehr unattraktiv. (landbote.ch)

Erstellt: 08.09.2016, 16:46 Uhr

Zur Person

Martin Graf ist australisch-schweizerischer Doppelbürger und im schaffhausischen Stetten aufgewachsen. Er ist Vater von fünf erwachsenen Kindern und mit der ehemaligen grünen Kantonsrätin Esther Hildebrand verheiratet. Der 61-Jährige Effretiker ist Agronom und war während vier Jahren Beratungsleiter eines Milchwirtschaftsprojektes in Tansania. Dort hat er die Sprache Suaheli gelernt. 1990 wurde der grüne Politiker Gemeinderat in Illnau-Effretikon, 1994 wechselte er in den Stadtrat, den er vier Jahre später 13 Jahre lang präsidierte. 2011 bis 2015 war er Justizdirektor.

Stiftung Fintan

In den letzten 18 Jahren kontinuierlich gewachsen

Die Stiftung Fintan wurde 1998 gegründet. Mitgründer ist der ehemalige grüne Kantonsrat und Biobauer Martin Ott, der wegen seines Buches «Kühe verstehen» auch als «Kuhflüsterer» bekannt ist.

Bis mindestens 2037 hat die gemeinnützige Stiftung Ländereien und Gebäude des ehemaligen kantonalen Gutsbetriebs Rheinau gepachtet. Der Hof ist in den vergangenen 18 Jahren zum grössten biodynamischen Betrieb der Schweiz geworden – mit Saatgutproduktion, Kunstwerkstatt, Imkerei, Metzgerei, Kindertagesstätte und Sozialtherapie für Menschen mit Behinderung. Im September 2013 eröffnete die biodynamische Landwirtschaftsschule, von der die Stiftung ein Teil der Trägerschaft ist.
Die biologisch-dynamische Landwirtschaft fusst auf den Grundsätzen von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. Dort wird ein Landwirtschaftsbetrieb als gesamter, lebendiger Organismus gesehen. Zentrales Ziel ist es, den Boden zu beleben und die Fruchtbarkeit dauerhaft zu fördern.
In den Betrieben der Stiftung arbeiten 110 Angestellte, 10 Lehrlinge und Praktikanten sowie 35 betreute Menschen. Der Umsatz liegt bei 15 Millionen Franken. Jährlich zahlt die Stiftung 250?000 Franken Pachtzins.

Neustes Projekt ist der Ausbau des international tätigen Herstellers von Bio-Saatgut Sativa Rheinau AG. Geplant ist ein Neubau im Bereich des Schweinestalls unterhalb des Rebberges. Die Gemeindeversammlung hat dem Gestaltungsplan für das Areal Chorb im Oktober 2015 zugestimmt.

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