Aadorf

«Jährlich sterben sechs Millionen Zierfische in der Schweiz»

Fair-Fish Schweiz hat seit Mai eine neue Geschäftsleitung. Christian Ritzel aus Aadorf spricht im Interview darüber, warum der Verein in Zukunft nicht mehr nur Fischstäbchen thematisieren möchte.

Christian Ritzel ist Nachhaltigkeit ein persönliches Anliegen.

Christian Ritzel ist Nachhaltigkeit ein persönliches Anliegen. Bild: Marc Dahinden

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Christian Ritzel, das Motto von Fair-Fish lautet: «Wir geben Fischstäbchen ein Gesicht.» Erläutern Sie doch mal.
Das kommt daher, dass sich Fair-Fish bisher schwerpunktmässig mit Speisefischen beschäftigt hat. Wir versuchen, einen nachhaltigen Konsum zu vermitteln und nicht, kompletten Verzicht zu predigen. Natürlich arbeiten wir mit Emotionen, aber wir möchten vor allem Informationen vermitteln. Das grenzt uns auch gegenüber anderen Tier- und Naturschutz-Organisationen ab.

Essen Sie Fisch?
Nein, ich esse gar keine Tiere.

Ist die Arbeit bei Fair Fish dann kein persönlicher Widerspruch?
Ich glaube, einander Vorwürfe zu machen, bringt nichts. Es ist schon viel gewonnen, wenn wir anfangen nachzudenken, unseren Speiseplan über die Woche anschauen und vielleicht zwei bis drei Mal auf pflanzliche Produkte umsteigen. Es ist ein Prozess, das war es bei mir auch.

«Auch die Lieferketten von Zierfischen haben eine hohe Sterblichkeitsrate und sind oft intransparent.»

Was empfehlen Sie einer Freundin, wenn sie fragt, welchen Fisch sie kaufen soll?
Fair-Fish hat einen Fischtest entwickelt, den man auf unserer Website mit jedem in der Schweiz gekauften Fisch durchführen kann. Die Konsumentin gibt neben ihren persönlichen Kauf- und Essgewohnheiten Informationen, die auf der Verpackung vorhanden sind wie die Fangmethode, Herkunft, Art und Label in den Fischtest ein. Anhand dieser Informationen beurteilt der Fischtest die Kaufentscheidung. Meine persönliche Empfehlung wäre trotzdem: Kein Fisch. Es gibt nur eine nachhaltigere Wahl, aber keine absolut nachhaltige.

Was kommt nun nach dem Schwerpunkt Speisefisch?
Fair-Fish möchte sich in einer neuen Kampagne den Zierfischen widmen. Jährlich sterben rund sechs Millionen Zierfische in der Schweiz, weil sie falsch gehalten werden. Im Durchschnitt kauft ein Halter alle paar Wochen neue Fische. Viele unterschätzen die Komplexität. Wassertemperatur, Fütterung, Rückzugsorte, Beschäftigung: Jede Art hat wieder eigene Bedürfnisse. Aber auch die Lieferketten haben eine hohe Sterblichkeitsrate und sind oft intransparent. Man muss unterscheiden, ob die Fische aus marinem Fang oder aus Aquakulturen stammen. Beides hat Auswirkungen auf die Umwelt. Wir möchten uns aber in einem ersten Schritt auf die Halterinnen und Halter konzentrieren.

Was haben Sie vor?
Wir möchten mit Zierfisch-Anbietern zusammenarbeiten und haben eine Kampagne zur Aufklärung geplant. Dabei sind wir in Kontakt mit anderen Tierschutzorganisationen, die sich ebenfalls beteiligen wollen. Das Ziel ist, verantwortungsvolle Konsumenten zu haben. Das gehen wir auch in einem anderen Projekt an, bei dem wir Lektionen in Schulen anbieten möchten.

«Wir möchten nicht mit Scham oder Schreckensbildern arbeiten, sondern eine positive Einstellung vermitteln.»

Wie soll das genau aussehen?
Derzeit erarbeiten wir ein Pilotprojekt zusammen mit einer Pädagogin, aus dem eine 90 minütige Lektion entstehen soll. Ein Thema ist beispielsweise die akustische Verschmutzung, die die Fische auch in Schweizer Seen belastet. Man kennt das ja sonst nur von Walen im Meer, die von Schiffslärm gestört werden. Es gibt auch ein Fischerei-Spiel, bei dem die Kinder spielerisch lernen, wie Überfischung entsteht und wie durch Kooperation nachhaltiger Fischfang möglich ist. Wir möchten nicht mit Scham oder Schreckensbildern arbeiten, sondern eine positive Einstellung vermitteln, die die Kinder auch nachhause tragen können.

Wie finanziert sich das?
Es soll möglich sein, diese Lektion einer Klasse zu spenden. Fair-Fish finanziert sich grundsätzlich über Spenden. Durch die gute Vorarbeit der letzten Jahre haben wir ein Polster. Der Mitgliederbeitrag bei uns kostet 100 Franken, darin ist unser Mitteilungsblatt Fish Facts enthalten.

Wie viele Mitglieder gehören Fair-Fish Schweiz an?
Wir haben ungefähr 300 feste Mitglieder und pro Jahr zwischen 1000 und 2000 Einzelspenden, wobei zwischendurch auch einmal grössere Beträge dabei sind. Fair-Fish gibt es auch international. Im Vergleich zu WWF oder Green Peace sind wir aber eine kleine Organisation.

Welche Rolle spielt die Politik?
Es ist die Aufgabe des Staates, Rahmenbedingungen für nachhaltigen Fischhandel zu setzen und unsere Aufgabe als NGO ist es, mit der Politik in Kontakt zu sein. Wir haben auch schon Petitionen eingereicht und betreiben Informationsarbeit, um Politikerinnen zu sensibilieren, genau so wie die Konsumenten. Als Verein haben wir uns mittlerweile eine gewisse Stellung erarbeitet. Wir werden öfters bei Fachfragen beigezogen oder zu Infoanlässen eingeladen, etwa: Ob die Schweizer Lachszucht nachhaltig ist.

www.fair-fish.ch

Erstellt: 19.09.2019, 15:18 Uhr

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Zur Person

Christian Ritzel ist Wirtschaftswissenschaftler mit Fokus auf Nachhaltigkeit. Er arbeitet für die Eidgenössische Forschungsanstalt Agroscope in Tänikon. Seit Ende Mai teilt sich Christian Ritzel mit Anja Kroll, Rolf Frischknecht und Peter Jossi die Geschäftsleitung von Fair-Fish Schweiz. Der Vereinssitz befindet sich ebenfalls in Aadorf. Die Ziele von Fair-Fish sind Tierschutz, fairer Handel und Nachhaltigkeit.

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