Andelfingen

«Keine Angst vor Veränderungen»

Aus dem Dorf heraus ein Unternehmen mit einer anspruchsvollen internationalen Klientel aufzubauen, ist eine Herausforderung. Julia Faulhaber hat sie gepackt.

Julia Faulhaber wollte sich schon immer selbstständig machen. Sie startete mit drei Kunden.

Julia Faulhaber wollte sich schon immer selbstständig machen. Sie startete mit drei Kunden. Bild: Nathalie Guinand

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Als erstes gefiel ihr die hügelige Landschaft mit den Weinbergen und dem Fluss. Als Julia Faulhabers Mann ein Haus im Zürcher Weinland vorschlug, konnte sie sich noch nicht viel darunter vorstellen. «Die Gegend erinnerte mich aber an Marktheidenfeld im Spessart, wo ich herkomme», sagt sie. Auch die Distanz zur nächstgrösseren Stadt Würzburg sei ähnlich wie der Weg nach Zürich, den sie regelmässig antritt, um Geschäftstermine wahrzunehmen und zu networken.

«Know-How und Referenzen sind wichtiger, als der Ort, in dem das Büro liegt»Julia Faulhaber

Die 41-Jährige führt – aus dem alten Bankgebäude am Bahnhof – eine PR-Agentur, die feinste Hotels vermarktet, zum Beispiel: Les Trois Rois in Basel, Le Grand Bellevue in Gstaad, The Capra in Saas Fee, Villa Orselina oberhalb von Locarno, St. James Hotel & Club in London oder das Erosantorini Hideaway auf der Insel Santorini. Was sagen diese anspruchsvollen Kunden, wenn sie aus Andelfingen bedient werden?

«Know-How und Referenzen sind wichtiger, als der Ort, in dem das Büro liegt», sagt Julia Faulhaber. Es seien eher die Schweizer Kunden, die schmunzeln und fragen würden, wo denn Andelfingen liege. Für die internationalen Auftraggeber sei der Absender Schweiz entscheidend. «Ich glaube, dass der Markt sich generell dahin entwickelt, dass sekundär ist, von wo aus du arbeitest.» Allerdings war die Infrastruktur der Gemeinde mit den Schulen, Ärzten und dem Freizeitwert für die Mutter von zwei Kindern bei der Standortwahl entscheidend. Nur die Kinderbetreuung fordere individuelle Lösungen. «Generell sind auf dem Land die Betreuungszeiten eingeschränkt oder das einzige Ferienprogramm schnell ausgebucht und nicht ganztags wie in der Stadt», sagt sie. Da sie nicht auf Verwandte vor Ort zurückgreifen können, hatte die Familie zunächst Au-pair-Mädchen. Die Geburt des ersten Sohnes, der Umzug ins Weinland und die Firmengründung – all das fiel ins Jahr 2011.

Teilzeitstellen wären gefragt

Zuvor arbeitete Julia Faulhaber als Verkaufs- und Marketingdirektorin im Baur au Lac in Zürich. Doch die familiäre Situation war mit der im Hotelbetrieb geforderten Flexibilität nicht vereinbar. «Ich hatte immer im Hinterkopf, dass ich mich selbstständig machen möchte und startete mit drei Kunden», erzählt sie. In Andelfingen habe sie zwar Gleichgesinnte kennengelernt, andere fänden es hingegen gar nicht gut, wenn sich Mütter beruflich verwirklichten. «Es herrscht eher ein klassisches Rollenverständnis», sagt sie.

Durch das notwendige Pendeln zum Arbeitsplatz seien auswärtige Teilzeitstellen aber für viele Eltern – aufgrund des eingeschränkten und teuren Betreuungsangebots – wenig attraktiv. Eine Nachfrage gäbe es; das merkt sie, wenn sie Stellen ausschreibt oder Blindbewerbungen erhält. «Man braucht in diesem Segment aber eine hohe Qualifikation, die ich hier leider nicht gefunden habe.» Zwei Mitarbeiterinnen beschäftigt sie in ihrer Agentur, dazu kommen je nach Projekt spezialisierte Freelancer.

Engagement für Kinder

Auf einer Reise nach Sansibar im vergangenen Jahr besichtigte sie mit ihren Kindern und ihrem Mann, der Qualitätsmanager am Kinderspital Zürich ist, eine Schule. «Das Land ist sehr arm», berichtet sie, «das hat auch unsere Kinder sehr mitgenommen». Der Sohn habe gern etwas für diese Schule machen wollen und hielt gemeinsam mit dem Vater einen Vortrag in seiner Klasse. «Wir wollten die Mitschüler sensibilisieren, dass es im Ausland ganz anders abläuft», berichtet die Mutter. Mittels eines gemeinsamen Kuchen-Basars kamen über 600 Franken zusammen, die sie nach Sansibar schickten. «Die Schule hat detailliert zurück geschrieben, wofür sie das Geld eingesetzt haben. Es fehlte ihnen ein Drucker, Stifte, Papier und anderes Material.»

«Ohne Mut und Risiko kommt man im Leben nicht voran»Julia Faulhaber

Nun sind weitere Aktionen geplant und es soll ein Live-Streaming zwischen den Schulen geben. «Allerdings herrscht dort ein anderes Zeitgefühl als in der Schweiz», so die Macherin. Ein weiteres ehrenamtliches Engagement leistet sie in Form von Pressearbeit und Kommunikation für die Kinderhilfsorganisation «kidzplanet». Diese betreibt ein Lernzentrum in der Nähe von Kalkutta. «Ich nutze mein Netzwerk, um Tombolapreise zu sammeln; auch in Andelfingen werde ich herumfragen», sagt sie.

Sonntag im Schlauchboot

Als Touristikprofi hat sie schon viel von der Welt gesehen, einen Sonntag im Schlauchboot in den Thurauen schätzt sie aber für den hohen Erholungsfaktor. Sonst fährt die Familie oft nach Sardinien «zu den kinderfreundlichen Italienern» und erinnert sich gerne an einen Roadtrip durch Marokko. Stundenlang durch die gefühlte Einöde, Übernachten im Zelt, Reiten auf dem Kamel, auch etwas Abenteuer gehört für sie dazu. «Ich bin ein neugieriger Mensch, man muss die Augen offen halten», sagt sie. «Ich habe keine Angst vor Veränderungen: So wie ich gerne reise und Dinge entdecke, bin ich auch im Beruf und Leben offen für Neues.»

Bei dem auch ihre Branche umwälzenden Thema Digitalisierung hat sie bereits wieder die Nase vorn, hält Vorträge und berät Unternehmen, wie sie Social Media für sich nutzen können. «Die Auftraggeber sind etwas verloren im Angebot, und fragen, wo sie präsent sein müssen», erklärt sie. Der Wandel weg von der Printkommunikation hin zum Internet fordere einen viel stärkeren Dialog mit dem Kunden. Für Julia Faulhaber kein Problem: «Man muss Dinge ausprobieren, um weiterzukommen.» Sich selbst bezeichnet sie als Stehaufmännchen, das auch einmal zur Selbstreflektion innehält und sich ins Yoga-Retreat zurückzieht. «Ohne Mut und Risiko kommt man im Leben nicht voran», schliesst sie, «und ohne eine Prise Humor auch nicht.»

Erstellt: 13.09.2019, 15:16 Uhr

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