Bezirksgericht Andelfingen

Keiner in der WG will etwas mit der Hanfanlage im Keller zu tun haben

In einer Weinländer Wohngemeinschaft (WG) wurde in einer aufwendigen Anlage Cannabis angebaut. Der Hauptverdächtige verweigerte vor Gericht weitgehend die Aussage.

Der Verdächtige bestreitet, mit der Hanfanlage in seinem Keller etwas zu tun zu haben.

Der Verdächtige bestreitet, mit der Hanfanlage in seinem Keller etwas zu tun zu haben. Bild: pixabay

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Das Klischee einer Wohngemeinschaft (WG) sieht etwa so aus: Leute gehen ein und aus, die Mieter wechseln oft, und für den Abwasch in der Küche fühlt sich niemand verantwortlich.

An ein solches WG-Bild fühlte sich erinnert, wer vorgestern die Verhandlung am Bezirksgericht Andelfingen verfolgte: Letztes Jahr stiess die Polizei bei einer Hausdurchsuchung im Keller einer Weinländer WG auf eine Hanf­indooranlage mit vollautomatischem Bewässerungs- und Düngesystem. Doch keiner der WG-Bewohner wollte mit der Anlage etwas zu tun gehabt haben.

«Industriehanf nur für das Rheumachüsseli der Grossmutter anzubauen, das ist einfach Mumpitz.»Der Präsident 
des Bezirksgerichts Andelfingen

Einer der damaligen WG-Bewohner stand in Andelfingen vor Gericht. Nach Meinung der Staatsanwaltschaft soll er die Indooranlage gebaut, betrieben und den gewonnenen Cannabis verkauft haben. Für den Bau der Anlage soll er rund 15'000 Franken investiert haben, die produzierte Menge Marihuana soll etwa fünf Kilogramm betragen haben.

Die Staatsanwaltschaft fordert wegen Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie für ein paar weitere Delikte eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten sowie eine Busse von 500 Franken. Und: Ein Urteil des Zürcher Obergerichts von 2018 soll vollstreckt werden, sodass der Mann gut 12000 Franken Geldstrafe bezahlen müsste. Damals ging es ebenfalls um ein Drogendelikt. Auch eine Geldstrafe von rund 1000 Franken wegen zu schnellen Fahrens soll nun vollzogen werden.

«Chef hat Vertrauen»

Der beschuldigte Mann, der aktuell als Freelancer im Stundenlohn arbeitet, erschien im dunklen Anzug vor Gericht. Er habe eine Festanstellung in Aussicht, sagte er dem Gerichtspräsidenten, «der Chef hat Vertrauen zu mir». Wenn er die alten Geldstrafen bezahlen müsste, wäre das eine «happige Belastung».

Schulden habe er keine, sagte er. Später in der Befragung erwähnte er aber, dass er dem Vater etwa 30000 Franken schulde, die er nach und nach abzahlen könne. Das Kapitel mit dem Hanf habe er abgeschlossen, auch konsumiere er «gar nichts» mehr.

«Mmh»

«Stimmt das alles, was Ihnen vorgeworfen wird?», wollte der Gerichtspräsident zu Beginn der Befragung vom Beschuldigten wissen. «Nein», antwortete dieser, er wolle gerne Korrekturen anbringen.

Doch was dann geschah, war eine Überraschung. Schon bei der ersten konkreten Frage des Richters zur vollautomatischen Indooranlage sagte der Beschuldigte in Anwesenheit seines amtlichen Verteidigers: «Ich möchte gerne vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen.» – «Mmh», machte der Richter und stellte die nächste Frage, diesmal zum Abbau der Anlage.

Wieder verweigerte der Mann die Aussage. Dieses Hin und Her ging minutenlang so weiter. Für eine solche Anlage benötige man viel Know-how, «woher haben Sie gewusst, wie das funktioniert?», fragte der Richter. Der Verteidiger flüsterte seinem Mandanten etwas ins Ohr, der daraufhin wieder die Aussage verweigerte.

Diese Frage des Richters sei suggestiv, kritisierte der Anwalt zuhanden des Protokolls. Ob er wisse, wie man Cannabis produziere, fuhr der Richter fort. «Nein, ich weiss nicht, wie das geht», antwortete der Mann. «Waren Sie mal im Keller?» – «Zwangsläufig ja als Mieter», antwortete nun der Anwalt für seinen Mandanten.

Er wirkte zunehmend gereizt. Wenn man dort nichts eingelagert habe, konterte der Richter, nicht zwangsläufig. Dann ging das Frage-Antwortverweigern-Spiel weiter. Und wieder meinte der Verteidiger, eine Suggestivfrage gehört zu haben.

Kollege soll aussagen

Der Andelfinger Gerichtspräsident zitierte aus der Schlusseinvernahme des Beschuldigten durch die Staatsanwaltschaft. Anders als jetzt habe der Mann damals noch gesagt, dass er die Tat im Grundsatz nicht bestreite. Darum habe das Gericht auch keine weiteren Personen als Zeugen vorgeladen.

«Ich fasse den Abbruch der Verhandlung ins Auge», sagte der Richter. Nach einer Beratungspause gab er die Unterbrechung der Verhandlung bekannt. Eine weitere Person, ein Kollege des Beschuldigten, soll als Zeuge vorgeladen und befragt werden. Dieser hat bereits ein Strafverfahren wegen eines Drogendelikts hinter sich.

Tonfall wird rauer

Doch bevor der Richter die Unterbrechung bekannt gab, fragte er weiter. Zwar wurde der Beschuldigte minim gesprächiger, doch der Tonfall zwischen dem Richter und dem Verteidiger wurde immer rauer. Es wurde über Marktpreise und den unterschiedlichen THC-Gehalt von Hanf gestritten.

In Frageform zweifelte der Anwalt die Fachkenntnisse des Richters in Sachen Cannabis an. Gelassen konterte der Gerichtspräsident: Er habe als Jurist seit seinem Studium mit Drogendelikten zu tun. Und seither habe er noch keinen Fall erlebt, in dem jemand in einer kostspieligen Indooranlage bloss Industriehanf anbaue, «nur für das Rheumachüsseli der Grossmutter, das ist einfach Mumpitz».

Nach dreieinhalb Stunden wurde die Verhandlung am Andelfinger Bezirksgericht unterbrochen. Bei deren Fortsetzung wird der Beschuldigte mit den Aussagen des vorgeladenen Zeugen konfrontiert werden.

Erstellt: 07.08.2019, 10:29 Uhr

Im Bezirksgericht Andelfingen ging es am Montag hitzig zu und her.

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